Weit über das Land

Peter Stamm

Ist es ein neuer Anfang, wenn man alles hinter sich lässt? Der neue große Roman von Peter Stamm. Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt. Jeder kennt ihn: den Wunsch zu fliehen, den Gedanken, das alte Leben abzulegen, ein anderer sein zu können, vielleicht man selbst. Peter Stamm ist ein Meister im Erzählen jener Träume, die zugleich locken und erschrecken, die zugleich die schönste Möglichkeit und den furchtbarsten Verlust bedeuten. ›Weit über das Land‹ ist ein Roman, der die alltäglichste aller Fragen stellt: die nach dem eigenen Leben.

(Buchpräsentation S. Fischer Verlag)

Wie ein Riss, an dem die Sicherheit der Welt zerbricht

di Daniel Rothenbühler

Pubblicato il 12/02/2017

Noch radikaler und zugleich subtiler als bisher spielt Peter Stamm in seinem jüngsten Roman mit der Erwartung der Lesenden, einem scheinbar gradlinig einfachen Erzählen zu folgen, und ihrer Überraschung, dass immer rätselhafter wird, was sie lesen. Dem liegt nicht Beliebigkeit zugrunde, eher Behutsamkeit im Umgang mit Realitäten und Eventualitäten.

Thomas, ein durchschnittlicher Ehemann und Familienvater verlässt Frau und Kinder eines Abends, ohne Anlass, ohne Absicht. Mit «einem erstaunten Lächeln, das er mehr wahrnahm als empfand», beginnt er eine unabsehbare Fussreise, «weit über das Land». Wichtig ist ihm allein, dass niemand ihn aufspürt und aufhält. Dazu ist er zu allen Entbehrungen bereit.

«Wenn wir uns trennen, bleiben wir uns»

Um so mehr sind wir Lesenden darauf gespannt zu erfahren, wie er das anstellen wird, ohne dafür ausgerüstet zu sein, allein, nur zu Fuss, abseits aller zivilisatorischen Annehmlichkeiten. Wie kommt er darauf, sich das anzutun? Und was wird ihm alles widerfahren? Diese unbeantworteten Fragen beschäftigen auch Astrid, die verlassene Ehefrau. Während Thomas die Normalität des Ehe- und Familienlebens hinter sich lässt, behält sie ihren Alltag als Hausfrau und Mutter bei, so gut es eben geht.

In zwei Erzählsträngen, die einander fortlaufend ablösen, erzählt der Roman so die Geschichte der beiden getrennten Eheleute und ihres gegensätzlichen Bestrebens, jenes von Thomas nach der Auflösung und jenes von Astrid nach der Bewahrung der Normalität. Die beiden Erzählstränge bleiben dadurch verknüpft, dass Astrid wie Thomas das, was ihnen zustösst, in ihren Vorstellungen immer noch aufeinander beziehen, obwohl ihre Geschichten immer weiter auseinanderdriften.

Sie erfüllen so das, was der Roman in seinem Motto ankündigt, einem Satz aus dem Roman Zündels Abgang von Markus Werner: «Wenn wir uns trennen, bleiben wir uns.» Astrid und Thomas «bleiben einander» in ihren Vorstellungswelten, aber so, dass sie sich wechselseitig weiterhin so sehen, wie sie gewesen sind, als Thomas verschwand. Der räumlichen Bewegung von Thomas «weit über das Land» entspricht die Fixierung der Bilder, die sie voneinander haben. Fast scheint es so, als habe Thomas sich in Bewegung gesetzt, um sein Ehe- Familienleben zum Stillstand zu bringen und so zu konservieren, wie es war, als er wegging.

Zwei unvereinbare Geschichten

Dieses Paradox verschärft der Roman dadurch, dass er Thomas sterben lässt, als er in den Bergen in eine Felsspalte fällt. Sein Leichnam wird gefunden, es gibt ein ordentliches Begräbnis und die Familie trauert, wie es sich gehört. Doch dieser neuen Normalität fügt Astrid sich nur halb. Sie beginnt, «ohne es zu wollen, ein Doppelleben» zu führen. Tagsüber bewältigt sie den Alltag als Hausfrau und Mutter, nachts im Bett aber ist sie sich sicher, dass Thomas noch lebt: «Die nächtlichen Phantasien waren keine Wunschbilder, die sie sich ausdachte, um sich zu trösten. Thomas war weg, daran bestand kein Zweifel, aber er war nicht tot.» Das Unerhörte besteht nun darin, dass der Roman uns Lesenden zumutet, an Astrids nächtlichen Gewissheiten teilzunehmen, indem er ihre Vorstellungen über die weitere Geschichte von Thomas nicht als Produkt ihrer Phantasie darstellt, sondern unabhängig von ihr als Gegenstand des Erzählstrangs mit Thomas, den er weiterführt, wie wenn dieser nicht gestorben wäre.

Peter Stamm präsentiert uns also mit dem toten und dem weiterlebenden Thomas zwei unvereinbare Geschichten als plausible Realitäten und versetzt uns so in jenen Zustand der Unschlüssigkeit, den nach Sigmund Freud das Unheimliche und nach dem kürzlich verstorbenen Tzvetan Todorov die phantastische Literatur hervorruft: Wir können nicht entscheiden, welche Realität gilt, ihr Nebeneinander ist jenes Unmögliche, das nach Roger Caillois «unerwartet in einer Welt auftaucht, aus der das Unmögliche per definitionem verbannt worden ist», die Felsspalte, in die Thomas gefallen ist, wirkt wie ein «Riss», an dem nach Caillois «die Sicherheit der Welt zerbricht».

Bei Peter Stamm ergibt sich dieser Riss nicht aus dem Einbruch des Wunderbaren in die Welt der Rationalität, er entspringt der Notwendigkeit, im Erzählen den Spielraum der Möglichkeiten offenzuhalten. Erzählen heisst sonst meist entscheiden und damit festlegen, aber die Verdoppelung des Erzählens in Weit über das Land öffnet den Blick auf mehrere Möglichkeiten und vermeidet die Festlegung. Welchen Gefahren der Roman damit zu entgehen sucht, zeigt Astrid, wenn sie sich bemüht, ihre Erinnerungen an Thomas erzählend zu ordnen: «Jede Geschichte war wie ein Verrat an ihm, jede Erzählung war eine Entscheidung, so war es, als würde es für immer erinnert werden. Vielleicht war es auch ganz anders, sagte sie.»

Die Unentschiedenheit im Erzählen prägt Peter Stamms Schreiben schon seit Agnes, seinem ersten Roman. Er fordert uns immer wieder auf, uns anhand seiner Geschichten unsere eigenen zu bilden. Deshalb gibt sein Erzählen auch kaum Auskunft über die Beweggründe seiner Figuren. Diese bleiben, wie nun auch Thomas und Astrid, Behavioristen ihrer selbst: Sie sind sich ihrer Verhaltensweisen, Gedanken und Gefühle zwar bewusst, gehen aber nicht den Motiven nach, die sie erklären könnten. Und mit ihnen registriert zwar auch das Erzählen Stamms mit anschaulicher Genauigkeit, was seine Figuren tun, denken und fühlen, versagt sich und uns Lesenden dabei aber jede psychologische Deutung dessen, was in ihnen vorgeht. Wir stossen auf mögliche Erklärungsansätze, bewegen uns aber immer in einem Spielraum verschiedener Deutungen.

So knüpft Peter Stamm zwar am herkömmlichen Motiv des Aufbruchs und Weggangs an, ausdrücklich nicht nur mit dem Motto aus Zündels Abgang, sondern auch mit der nur leicht abgewandelten Übernahme der Frage der Ehefrau Isidors aus in Max Frischs Stiller, als der Verschwundene heimkehrt: «Wo bist nur so lange gewesen?» Der Unterschied liegt darin, dass Astrid sich diese Frage nur als eine Möglichkeit vorstellt und wie der Text insgesamt keine Warum-Frage zu beantworten versucht. So bleibt auch der Schluss von Weit über das Land im Bereich der blossen Möglichkeit und Stamm verzichtet ganz darauf, ihn mit einem bestimmten Sinn zu versehen.

Nota critica

Thomas, tipico padre di famiglia del ceto medio svizzero, lascia moglie e figli e parte a piedi, senza motivo e senza destinazione, per camminare «in lungo e in largo per il Paese». La moglie Astrid deve rassegnarsi al fatto di essere lasciata sola con i figli e la casa. Le due narrazioni, quella con protagonista Thomas e quella con Astrid, si completano a vicenda. Cominciano però a contraddirsi quando in una storia Thomas muore e viene seppellito, mentre nell'altra vive ancora. Al dubbio sui motivi del suo agire si aggiunge quindi l'incertezza su quale sia la situazione effettiva: è morto o è ancora vivo? Il romanzo non dà risposte a questa domanda; lascia a noi la decisione su come far finire la storia, offrendoci così un sottile gioco di possibili interpretazioni. (Daniel Rothenbühler in Viceversa Letteratura 11, 2017)