Anaconda 0.2

Urs Richle

An einer politischen Demo wird Leo, ein junger Mann von zwanzig Jahren, von einem Hartgummigeschoss der Polizei so schwer getroffen, dass er ins Koma fällt und schliesslich stirbt. In ihrer Trauer schlagen die Eltern ganz unterschiedliche Wege ein. Während die Mutter einen Verein für Persönlichkeitsrechte gründet und mit dessen Hilfe den Untersuchungsbericht der Polizei attackiert, versucht der Vater herauszufinden, was für ein Leben sein Sohn geführt hat, seit er vor einem Jahr von zu Hause ausgezogen ist.

Bei der Räumung des ehemaligen Kinderzimmers findet er eine seltsame, alte Spieluhr, die sich als geplante Paketbombe entpuppt. Auf der Suche nach den Personen, die mit seinem Sohn in Kontakt standen, dringt er immer tiefer in den digitalen Kampf zwischen Big-Data-Konzernen und Antiglobalisierern vor, an dem sich Leo als Hacker beteiligt hatte. Als der Vater sich von seiner Frau zunehmend zu entfremden droht und gleichzeitig feststellen muss, dass er in Leos digitalem Krieg längst seine eigene Rolle hat, fasst er einen Entschluss.

(Buchpräsentation Limmat Verlag)

Echt, falsch und beides zugleich

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 06/02/2017

Spätestens seit Edward Snowden wissen wir, dass das «Netz» unsere Fantasien beflügelt, obwohl oder gerade weil wir uns kaum Konkretes darunter vorstellen können. Es ist alles eins und null: Internet, Dark Net, NSA. Das liegt nicht nur an fehlendem Wissen, die geheimdienstlichen Codes bleiben für gewöhnliche Sterbliche ein Mysterium mit sieben Siegeln und Verschlüsselungen. Dennoch ist zu erahnen, dass sich selbstverständlich auch ökonomische und politische Interessen mit einmischen und sich zugleich bedeckt halten. Wie wunderbar wäre es doch, wenn sich die Wünsche der Kunden per Eyetracker direkt an den Augen ablesen liessen!

In diesem spannenden wie verzwickten Umfeld spielt Urs Richles Roman Anaconda 0.2. Im Titel ist bereits der Bezug zur Programmierwelt angedeutet: Er bezieht sich auf die Beta-Vorstufe eines heimtückischen Programms, das die Welt infiltriert. Doch auch Programme wurzeln (noch) in der menschlichen Lebenswelt.

Im Kern erzählt Urs Richle eine Familiengeschichte. Mona und David haben vom Tod ihres Sohnes Leo erfahren. Er verstarb an den Folgen einer polizeilichen Intervention gegen eine globalisierungskritische Demonstration. Über die gemeinsame Trauer legt sich bald ein Streit darüber, wie sie diesen Verlust verarbeiten wollen. Während David die genauen Umstände zu erfahren sucht, die Leos Tod vorausgegangen sind, will Mona einfach Gerechtigkeit. Sie verlangt, dass der Polizist, der Leo mit einer Flashball-Pistole niedergestreckt hat, zur Rechenschaft gezogen wird. Aufklärung oder Sühne – diese Frage entzweit die beiden.

Auf der Suche nach Anhaltspunkten durchstöbert David auch Leos Zimmer und stösst dabei auf eine legendäre alte Uhr, die Grande Dame aus dem 18. Jahrhundert – von der Urs Richle schon 2010 im Roman Das taube Herz erzählt hat. David wundert sich, untersucht das Objekt und bemerkt bald, dass die Uhr zu einer Paketbombe umfunktioniert worden ist. Von Leo? Oder von wem sonst? Von Ahnungen und Gefühlen geleitet, beginnt David nach Kontakten zu suchen, die ihm Genaueres über Leos Aktivitäten sagen können. Allmählich verdichten sich die Zeichen, die David zu einer geheimen Bewegung namens Liberact führen. Dieser «schwarze Block des Datenverkehrs», wie es ein Agent beschreibt, hat den weltumspannenden Nahrungsmittelkonzern PantaNutria ausspioniert und dabei haarsträubende Machenschaften zutage gefördert. Sie sollen publik gemacht werden, damit das Böse entlarvt werde.

Sein eigener Beruf als Programmierer in einem Labor für Sicherheitstechnik und Emotionserkennung hilft David, die Spuren zu entwirren. In diesem Labor wird professionell über die Verschmelzung von Mensch und Maschine nachgedacht – im Wissen darum, dass nicht der Mensch, sondern erst die Maschine ihr vollendetes Ebenbild bauen würde, denn sie denkt wie eine Maschine. Dann würde Big Data das ganze Potenzial ausschöpfen.

Der Autor und Medieningenieur Urs Richle entfaltet in seinem neuen Buch einen beängstigend aktuellen Plot, der seine Kraft aus der scheinbaren Unausweichlichkeit solcher Fantasien bezieht. Während die Wissenschaft Schritt um Schritt in der technischen Entwicklung voranschreitet, folgen ihr mit etwas Abstand die globalen Player und gleich dahinter deren Widersacher: die Hacker und Terroristen. Sie nützen die Lücken im globalen Code für den digitalen Widerstand, der seinerseits das ganze Knowhow ausspielt. So entwickelt sich ein Hin und Her. Gekonnt rechnet Urs Richle mit dem notgedrungenen Halbwissen von uns Lesern und mit unseren düsteren Ahnungen. Er treibt ein hochauflösendes Spiel mit Codes und Programmen, die uns die digitalen Horizonte von Big Data und Profitraten wenigstens dumpf erahnen lassen. Denn das ganze Ausmass wäre ohnehin nicht zu verstehen, selbst für den Autor nicht.

Anaconda 0.2 ist ein rasanter Thriller, doch nicht nur. Mit grossem Ernst und einer Prise satirischer Überzeichnung beschreibt der Roman, wie sich die Interessen von unterschiedlichsten Agenten im digitalen Feld vermischen und verwischen. Verschwörung und Aufdeckung geraten durcheinander, der Code ist manipulierbar und mehrdeutig, befreit von Wahrheit und Lüge. Richtig ist falsch und die Realität eine Fata Morgana. Davon erzählt Urs Richle forsch, präzise zupackend und in einem rasanten Stakkato.

Ein Plot wie dieser neigt automatisch zum Thriller-Genre. Die technischen Begriffe schnellen wie Schrapnelle durch den Text und schaffen ein dumpfes Zwielicht, das niemand recht durchschaut, auch David nicht. In dem Tohuwabohu sei dem Erzähler denn auch die eine oder andere gewagte Formulierung und dramaturgische Zuspitzung erlaubt. In ihrem Schatten gerät allerdings auch die Familiendynamik erzählerisch leicht ins Trudeln. Auch wenn sich Mona und David in ihrer Verarbeitungsstrategie uneins sind, einigen sie sich wegen der beiden jüngeren Töchter darauf, so etwas wie einen gewöhnlichen Alltag aufrecht zu erhalten. Vor allem der Vater-Sohn-Beziehung versucht Urs Richle genügend Raum zu geben. Doch diese Absicht gerät unter Druck, je mehr sich die Dinge zuspitzen, die Handlungsträger ihre Nerven verlieren und der Plot zum Höhepunkt drängt. Darin liegt eine Schwäche dieses Romans, der ja auch ein Familienroman ist und diese Erwartung anfänglich einfühlsam einlöst. Bis ins Erzählerische hinein überschattet das Virtuelle unser Leben, liesse sich daraus folgern.

Urs Richle führt seinen Plot unverdrossen und mit letzter Konsequenz zu Ende. «Hello, World!» – wird David seine Aufgabe vollenden, wie er es seinem Sohn Leo schuldig ist.