Was kann einer allein gegen Zen Buddhisten

Mani Matter

In den Kellerräumen des Schweizerischen Literaturarchivs liegen, geordnet in vielen grauen Archivschachteln, die Texte aus dem Nachlass Mani Matters. Bei der Sichtung wird deutlich, dass die Bezeichnung ‹Chansonnier› für ihn zu kurz greift. Dieser Band mit Unveröffentlichtem aus dem Nachlass von Mani Matter zeigt die Breite seines Schaffens. Nach literarischen Gattungen geordnet gibt die Sammlung Einblick in Mani Matters frühe Texte, zeigt seinen Drang zu formulieren und seine Liebe zur Sprache und zur Philosophie, die seinem ganzen Werk zu Grunde liegt, und überall zu Tage tritt, ob in alltäglichen oder politischen Überlegungen, ob in Gedichten oder im Bühnenstück ‹Der Unfall›.

(Buchpräsentation Zytglogge)

«Wär esch es wo da e weiche het gstellt»

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 13/02/2017

«I han es Zündhölzli azündt», «Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama», «Dr Hansjakobli un ds Babettli» und so weiter – Mani Matter ist heute längst ein Volksdichter, der mit seinen Liedern das poetische «Volksvermögen» bedeutend vermehrt hat. Diese sind in aller Munde, sie werden sogar übersetzt und von anderen Musikern periodisch neu interpretiert. Die Popularität seiner Lieder könnte fast vergessen machen, dass in Mani Matter auch ein Skeptiker und Philosoph steckte. Die Sudelhefte oder das Rumpelbuch demonstrieren es, und nun auch die neu erschienenen Texte aus dem umfangreichen Nachlass des allzu früh Verstorbenen. Von seiner Frau Joy Matter aufbereitet und transkribiert, ist der Nachlass seit Anfang 2017 im Schweizerischen Literaturarchiv einzusehen. Unter dem witzigen Titel Was kann einer allein gegen Zen Buddhisten liegt eine Auswahl daraus in Buchform vor. Der Titel entstammt einem nicht weiter ausgeführten Text, ist somit ein kürzester Aphorismus geblieben.

 Die Auswahl präsentiert einen Mani Matter, der immer wieder zu geistreichen Spässen aufgelegt ist, der vor allem aber eine ernsthafte, eher melancholische Seite offenbart. Philosophisch-politische Reflexionen erweitern die dichterischen Versuche und Entwürfe. Es finden sich darunter ausgearbeitete Texte, doch kaum einer wirkt bis ins Letzte geschliffen. Dialekt und Hochsprache wechseln sich ab, wobei die Mehrheit der Texte in letzterer verfasst ist. Auffallenderweise klingen die Gedichte im Berner Dialekt freier, ungezwungener rhythmisiert und gereimt als jene in Hochdeutsch. Thematisch geht es um Alltäglichkeiten, die Mani Matter wach und kritisch aufnahm, beleuchtete und in Worte zu fassen verstand. Wie in den unverwechselbaren Chansons weiss er darin philosophische Fragen («Sein und Sollen») zu verstecken, oder politische, mit dem ihn auszeichnenden Witz.

stumm
hei si gstimmt

aber was
si gstimmt hei
het ned gstumme

tumm
hei si gstimmt

«fehlentscheid» heisst dieses Gedicht, das er mit minimalistischer, aus demokratietheoretischer Perspektive jedoch zweifelhafter Schärfe formuliert hat. Vielleicht hat er es deshalb zu Lebzeiten nicht veröffentlicht. 

Fragen zur Demokratie tauchen in dem Band mehrfach auf und verraten sowohl den brillanten Geist wie den präzisen Denker, dessen politische Ideen immer wieder um den Begriff «Verfahren» kreisen. Verfahren sind gerecht und für alle gleich. Darauf besteht er auch in einem längeren Vortragstext, der dem obigen Gedicht kategorisch widerspricht. Mitte der 1960er-Jahre sprach Mani Matter in einem Gymnasium über «Die Mitarbeit des Bürgers im Verwaltungsstaat». Darin definiert er so unironisch wie exakt die schweizerische Demokratie und grenzt sie gegen vielerlei falsche Vorurteile ab, die auch in der Schweiz selbst kursieren. Vor dem aktuellen Hintergrund der Masseneinwanderungsinitiative und anderer Volksbegehren ist der Beitrag noch immer höchst lesenswert. Mani Matter fordert, dass wir «nüchtern überlegen, was wir von einer Demokratie verlangen können und sollen». Dies im Blick gibt er klar zu bedenken, dass ein Satz wie 'Die machen ohnehin nicht, was wir wollen' ebenso stumpf wie stumpfsinnig bleiben muss, weil es kein gemeinsames «Wir» gibt. Wir alle wollen nicht dasselbe und «in den weitaus meisten Fällen könnten wir gar nicht so genau sagen, was wir wollen». 

In gewissem Sinn taucht in diesem Band der ganze Mani Matter auf, der Lieder schrieb, über den Staat nachdachte und sich mit philosophischen und notabene auch mit letzten Fragen befasste. Eine gewisse Melancholie ist darin gut spürbar: «Du lieber Gott, wie schnell das Herz verödet.» Mehrere Male erscheint darin das Motiv des plötzlichen Todes:

Und dann gehst du weiter. Und wenig später
wirst du in einem Unfall getötet ...

Narratives Spiel, philosophische Reflexion, schwermütiges Gefühl oder böse Vorahnung? Es bleibt offen, woher dieses Motiv rührt. Als Mani Matter im November 1972 – erst 36 Jahre alt – bei einem Autounfall ums Leben kam, hinterliess er auch ein Libretto für ein Madrigalspiel, das der Komponist Jürg Wyttenbach vertonen sollte. Das Libretto ist in diesem Band abgedruckt, 2015 erst ist es am Lucerne Festival uraufgeführt worden. Darin heisst es:

… das hat jeder schon mal erlebt, so was ähnliches, dass sich da plötzlich etwas ereignet, und man weiss eigentlich nicht: wie kommt das?

Die Lieder, Gedichte, Erzählungen und Reflexionen aus dem Nachlass geben Zeugnis von einem hellwachen, umtriebigen, selbstkritischen Menschen mit poetischer Veranlagung. Nicht jeder Text ist brillant, ausgefeilt oder formal gelungen, einiges gerät ins Holpern und Stocken. Doch interessant und aussagekräftig ist allemal, was in dem Band Aufnahme gefunden hat. Vor allem ist dabei zu bedenken, wie Guy Krneta im Vorwort bemerkt, dass Mani Matter alle diese Texte «kaum in dieser Form hätte stehen lassen, vielleicht auch längst vergessen hatte». Im Band Was kann einer schon gegen Zen Buddhisten bleiben sie und mit ihnen ihr Autor in guter Erinnerung.