Ropf, Kopf und Chnopf: Yla M. von Dach zur Übersetzung von Antoinette Rychners «Le Prix» - «Der Preis»

Approfondimento del 19.11.2018 di Ruth Gantert

Soeben ist im Bieler Verlag die brotsuppe Der Preis erschienen: Es handelt sich um Yla M. von Dachs Übersetzung des 2015 erschienenen Romans Le Prix von Antoinette Rychner (Buchet Chastel). Das Buch wurde 2016 mit einem Schweizer Literaturpreis des Bundesamts für Kultur ausgezeichnet, die Übersetzerin erhielt 2018 für ihr Gesamtwerk den Spezialpreis Übersetzung.
Der Bildhauer ICH möchte unbedingt den PREIS gewinnen – bei jeder «Ropf» genannten Skultpur, die aus seinem Bauchnabel entwachsendem Rohstoff entsteht, glaubt er sich seinem Ziel näher. Aber da sind seine Frau S und die beiden Kinder, die sein ehrgeiziges Bestreben hemmen – lassen sich Brotberuf, Familie und künstlerische Arbeit vereinen?
Yla M. von Dach antwortet auf Fragen zu ihrer Übersetzung dieser witzigen und tiefsinnigen Künstlersatire.

Was hat Sie an Antoinette Rychners Buch gepackt, weshalb wollten Sie es übersetzen?

Dieses Buch hat mich bereits bei der ersten Lektüre fasziniert. Es hat mit seiner aussergewöhnlichen Bildhaftigkeit meines Wissens nicht Seinesgleichen in der gegenwärtigen Literaturlandschaft. Von ferne erinnert es mich an die starken Bilder von Catherine Colomb. Antoinette Rychner ist auf eine fantastische Weise lebensnah, sehr witzig und lässt zugleich eine existentielle Tiefe durchblicken, ohne je die Leichtigkeit zu verlieren. Das hat mich als Übersetzerin sehr gereizt.

Welches waren spezielle Herausforderungen dieser Übersetzung? Gab es Aspekte, bei denen Ihre Kreativität speziell gefordert war?

Wie angetönt, spielt Antoinette Rychner in diesem Buch mit einer ganz besonderen Bildhaftigkeit, die einerseits fantastisch und andererseits durchaus wirklichkeitsnah anmutet. Liebeszenen, aber auch eine wahnwitzige Geburtsszene werden ganz in den metaphorischen Raum des Meeres übertragen. Der Rohstoff für die Skulpturen der Hauptfigur, jenes Bildhauers, der vom Gedanken besessen ist, er müsse unbedingt einen Preis gewinnen, tritt aus dem Bauchnabel aus, wenn der schöpferische Schub denn zu kommen geruht. Das Endprodukt ist ein «Ropf», der eine gewisse Ähnlichkeit mit einem menschlichen Kopf zu haben scheint, von dem ein unerhörter Gesang ausgeht… Diese eigenwillige metaphorischen Ebene wird von Antoinette Rychner auch im Detail des sprachlichen Ausdrucks sehr erfindungsreich umgesetzt und als Übersetzerin musste ich mit diesem ganzen bildlich-sprachlichen Reichtum mithalten. Dabei habe ich aber nie den Eindruck erhalten, da sei etwas «an den Haaren herbeigezogen», im Gegenteil: Der Text hat etwas so grundlegend Stimmiges, dass sich dies sozusagen als Inspiration auf die Übersetzerin übertrug.

Gab es besondere «Geschenke», die Sie dem Buch auf Deutsch machen konnten?

Ein Beispiel fällt mir ein: Für die Übersetzung von Mouflet (Kind, Balg, «Gof») habe ich den Begriff «Chnopf» gewählt. Dieses Wort ist klanglich nah an «Ropf» und auch an «Kopf» – so dass sich eine Art Resonanzraum zwischen diesen Bedeutungsfeldern ergibt, der im französischen Text nicht existiert.

Verraten Sie uns auch, wie dann das zweite Kind heisst, das vom Vater nicht unbedingt mit Freuden erwartete Remouflet?

Da gab es natürlich einige mögliche Varianten und der Entscheid fiel nicht leicht. Nochmalchnopf? Nocheinchnopf? Nochnchnopf? Wiederchnopf? Chnopfzwei? Zweitchnopf? Am Ende habe ich mich dann, vom Klang her und wegen der humoristischen Note, die mir mit dieser etwas knorzig und bürokratisch wirkenden Bezeichnung verbunden zu sein scheint, für Chnopfzwo entschieden.

Hatten Sie beim Übersetzen Fragen an die Autorin, haben Sie bestimmte Stellen mit ihr diskutiert?

Ja, sicher! Es gab Passagen, bei denen ich die Autorin fragte, welches Bild für sie hinter einem Satz steckt. Zum Beispiel: «… ces vérités qui n’arrêtent pas de débattre». Da sagt man sich zuerst: Sind das Wahrheiten, über die andauernd gestritten wird? Die dauernd zu Debatten Anlass geben? Nein: Diese Wahrheiten sind im Kopf der Autorin, bzw. ihrer Hauptfigur wie Personen, die sich mit ihrer je eigenen Wahrheit in die Haare geraten!

Hat sich Ihre Lesart des Buches beim Übersetzen verändert? Haben Sie Entdeckungen gemacht und sind auf Aspekte gestossen, die Ihnen zuerst nicht aufgefallen waren?

Die Lesart hat sich eigentlich nur insofern verändert, als sich im Laufe der Arbeit immer wieder bestätigte, wie stimmig und kohärent dieser Text sich entfaltete. Die Angst, diese ganze Originalität könnte sich bei näherem Hinsehen als so kopflastig oder manieriert herausstellen, dass das Übersetzen qualvoll würde, verging mir gründlich. Da steckt wirklich sprachlich umgesetztes Leben und Erleben dahinter und zugleich eine wunderbare ironische Distanz zu der menschlichen Problematik, die in Szene gesetzt wird: Wie bringe ich Beruf, Ehe, Kinder und die eigene Entfaltung unter einen Hut?, die wir alle aus eigener Anschauung kennen. Ich habe noch bei keiner Übersetzung während der Arbeit so viel gelacht wie bei dieser!

Wie würden Sie das Buch den Leserinnen und Lesern empfehlen?

Laufen Sie in dieses Buch hinein, wie in ein Meer, möchte ich den potentiellen Leserinnen und Lesern zurufen: Es wird Sie tragen. Dabei ist es nicht das Tote Meer, sondern ein sehr lebendiges Meer, überaus witzig im Geglitzer seiner Wogen, stürmisch auch stellenweise, und nicht ohne eine Tiefe, in der Sie auch sich selbst wiederfinden können!