Vom Ein- und Ausgrenzen

Literarische Debüts von Donat Blum, Anita Hansemann und Lukas Linder

Approfondimento del 29.11.2018 di Beat Mazenauer

Familien sind ein Spiegel der Zeit. Sie entwickeln sich mit der Zeit, oder sie beharren gegen diese auf ihren traditionellen Werten. Beiderlei ist aussagekräftig. Deshalb ist das Familiäre (wie das Individuelle) auch ein politischer Ausdruck der herrschenden Verhältnisse.

Anita Hansemann, Widerschein, Edition Bücherlese

Einen besonders starken Stellenwert geniesst die Familie im bäuerlichen Milieu, in dem alle Hände benötigt werden, wenn das Heu eingebracht oder das Vieh besorgt werden muss. Von der Vieh- und Alpwirtschaft ist auch die Region von St. Antönien im Prättigau geprägt. Hier lässt Anita Hansemann, die die Gegend bestens kennt, ihren Debütroman Widerschein spielen. In einer Zeit, die irgendwo zwischen Tradition und Gegenwart liegt, besuchen die Bauerntochter Mia und Viid, der Sohn einer Jenischen, gemeinsam die Schule. Obwohl Viid mit seiner Mutter lange schon im Dorf lebt, wird er scheel beäugt, gehänselt und ausgegrenzt. Einzig Mia hält zu ihm, auch wenn ihre Mutter dies mit unverhohlenem Hass verfolgt.

Anita Hansemann erzählt ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen. Mia und Viid halten als Kinder zusammen und spüren eine jugendliche Zuneigung zueinander. Im Rückblick wird diese Zeit erinnert, als Viid viele Jahre später ins Tal zurückkehrt, um einer mystischen weissen Gämse nachzujagen. Er und Mia sind als Erwachsene nicht zusammengekommen. Während Viid wegzog, blieb Mia allein. Ihre Liebe zu Viid hat sich zwischen Arbeit, Ausgrenzung und einem familiären Geheimnis aufgerieben, ganz verflogen scheint sie indes nicht.

Anita Hansemann verspricht ein Romeo-und-Julia-Motiv, das sie in die atemberaubende und zugleich angsteinflössende Topographie St. Antöniens einbettet. Wie die Landschaft ist das Leben hier von Gegensätzen geprägt: lieblich und sanft, zugleich gefährlich und schrundig. Die Gemeinschaft hält zusammen, wenn beispielsweise im Winter Lawinen drohen, diese Solidarität bedeutet handkehrum auch, dass «Fremde» darauf nicht vertrauen können.

Stimmig schildert der Roman, wie in einer unheilvollen Lawinennacht Viid und seine Mutter nur beim hinterhältigen Büel-Chrischtn Unterschlupf finden, der schon weiss, was er von einer «Kesslerin» verlangen kann. Ihr wird mit Argwohn begegnet, weil sie womöglich auch über magische Mächte gebietet. Solche sind in dieser Bergwelt überall wirksam, im Guten wie im Bösen. Die weisse Gämse oder das Äbifräuli stehen für das diffuse Zwielicht zwischen Realität und Träumerei, Glaube und Irresein.

Mit dieser doppelten Belichtung versöhnt Anita Hansemann Glück und Scheitern in ihrer Liebesgeschichte, die auch ein moderner Heimatroman ist. Während sie die täglichen Verrichtungen nüchtern festhält und die natürlichen Vorgänge mit grosser Hingabe beschreibt, schleichen sich schier unbemerkt immer wieder mysteriöse Begebenheiten ins Geschehen ein. So wie sich den Reisenden bei ihrer Ankunft der Talkessel von St. Antönien weit öffnet, gibt das Buch den Blick frei auf eine Welt, in der sich magisches Denken und Naturerleben miteinander verbinden.

Donat Blum, Opoe, Ullstein

Unschlüssig zwischen Tradition und Moderne steht auch der Ich-Erzähler in Donat Blums Roman Opoe. Er sucht die Wahrheit – «keine simple Kausalität, sondern eine Wahrheit ähnlich derjenigen von Träumen». Die Erinnerung an seine Grossmutter, die Opoe («Opu» gesprochen) begleitet ihn dabei. Opoe war kurz nach dem Krieg in die Schweiz gekommen, mit Max, der sie in Holland gefunden hatte. Eine Schwangerschaft spielte mit, dass die beiden gegen Widerstände in ihren Familien heirateten. Die Tochter liessen sie zuerst in Dordrecht bei Verwandten zurück, um in Davos ein Geschäft aufzubauen. Das Unternehmen missriet nicht zuletzt wegen der Engstirnigkeit und des kleinlichen Rassismus der Schweizer Bevölkerung.

Der Erzähler, der Züge des Autors verrät, fährt auf der Spurensuche nach Dordrecht, um die letzten Zeugen dieser familiären Zerrüttung aufzusuchen. Kleine Geschichten ebenso wie die grosse Geschichte kommen hoch: die deutsche Besetzung, als Opoes Bruder Anthonis versteckt werden musste, damit er nicht eingezogen würde. Es sind nur noch wenige, die der Erzähler findet, Opoe ist einsam verstorben. In der Schweiz blieb sie die fremde Holländerin. Wie die drei Äffchen hat sie Verstecken gespielt. «Das mussten Frauen wie Opoe ein Leben lang tun», weiss die Mutter des Erzählers.

Die Liebe ist unergründlich, egal ob eine Liebende wie Opoe nur eine Wahl hat, oder ob dem Ich-Erzähler alle Möglichkeiten der Welt offen stehen. Ein zweiter Erzählstrang verfolgt den Ich-Erzähler auf der unsteten Suche nach einer endgültigen Antwort. Bei einem gemeinsamen Kaffee fragt die Mutter ihren Sohn, wie es mit Joel stehe, weil sie weiss, dass ihn auch Yuri fasziniert. Und Levin? Was davon ist Liebe, was Faszination, was schnelle Anziehung? Mal empfindet er Momente, «als wäre alles möglich, unklar, ob Schauspiel, Traum oder Wirklichkeit» – handkehrum erwartet ihn die «Schiessbude Eifersucht». «Man kann doch nicht von einem einzigen Menschen alles Glück erwarten», antwortet er seiner Mutter – aber von mehreren? Er weiss es nicht, aber er sucht danach – voll widerstreitender Gefühle. Die Zuneigung zu seiner Grossmutter, deren Andenken er hochhält, dient ihm dabei als Richtschnur und Hilfe.

In Opoe erzählt Donat Blum von einer intimen Suche nach dem Glück, der Liebe, der Geborgenheit. Er erzählt gefühlvoll und behutsam, doch verschattet auch durch ein paar stilistische Unebenheiten sowie uneingelöste Anknüpfungen an Omas jüdische Vergangenheit, die ein wenig im Munkeln untergeht. Erinnerung und Erfahrung wechseln sich ab, die vielen Möglichkeiten des jungen Mannes stehen in Kontrast zur einzigen Chance, die Opoe einst erhielt. Ist allein er seines Glückes Schmid? In dem Moment, als der Erzähler «zum ersten Mal verstand» – endet das Buch ins Offene.

Lukas Linder, Der Letzte meiner Art, Kein & Aber

Alle Möglichkeiten der Welt und dennoch keine Zukunft scheinen die von Ärmels zu haben: Bernburger von altem Geblüt. Ihre Wurzeln reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, als ein gewisser Alfred von Ärmel bei Marignano angeblich 40 Franzosen den Garaus gemacht haben soll. Die Geschichte wiederholt sich, schreibt Marx, als Farce. So auch bei den von Ärmels. Ihr jüngster Spross heisst wie der kriegerische Ahnherr Alfred, und er eifert ihm nach Möglichkeit nach. Doch die Zeiten haben sich gewandelt, und ein Verkriechen in die «splendid isolation» kann nicht mehr als heldenhaft gelten. Alfred der jüngere scheint es zu ahnen, weshalb er sich selbst als «eine Witzfigur, eine Karikatur» – «der Letzte meiner Art» bezeichnet. So legt er seine ganze Tatkraft in die Abfassung dieser Geschichte des vollendeten Niedergangs.

Einzig die Mutter versprüht jenen mondänen Charme, wie er einem patrizischen Geschlecht gut ansteht. Die Versuche, bei ihren zwei Söhnen so etwas wie eine «gute Seele» und einen Hauch von genialischem Künstlertum zu finden, sind rührend, doch sie scheitern kläglich. Der ältere der beiden, Thomas, verrät zwar Ansätze dazu, beispielsweise auf der Geige, mit der er die mütterlichen Soireen garniert — doch weil es ihm zuwider wird, haut er von zu Hause ab und wendet sich dem Heavy Metal zu. Beim «Gnom» der Familie, Alfred dem jüngeren, fehlt selbst dieses Wenige an Talent. Er ist in der Schule vielmehr das Ziel von Hänseleien. Erstaunlicherweise aber reüssiert er bei der Suche nach einer Tanzpartnerin für den Abschlussball. Mit einem Inserat findet er eine unternehmungslustige 50-jährige Frau, mit der er aber letztendlich auch nicht ganz glücklich werden kann. Derweil fällt Mutter ins Wachkoma und verstummt schliesslich ganz.

Lukas Linders Bericht, den er seinem Helden diktiert hat, schwankt beständig zwischen Melancholie und Lakonie, zwischen dem Abgesang auf eine grosse Tradition und deren lächerlichem Abdruck in der Gegenwart. Dabei ist so etwas wie eine Rollenteilung erkennbar. Während die extravagante Mutter, die von Liebhabern umschwärmt wird (seien es auch bloss der Metzger und der örtliche Juwelier), vergeblich die alten Zeiten wiederaufleben lässt, widerfährt ihrem Sprössling Alfred jede mögliche Peinlichkeit und Unbill. Unter diesen Vorzeichen liest sich der Roman einesteils lustvoll komisch und voll zartbitterer Melancholie, andernteils neigt die Komik gerne zur reinen Karikatur. Die Lehrer beispielsweise, die Alfred schulisch unterweisen, sind von einer derartigen Schrulligkeit befallen, dass kein Platz für Überraschungen bleibt. Diese groteske Zuspitzung kommt hin und wieder auch dramatisch zum Tragen, indem Begebenheiten total misslingen und so ein Raffinement zwischen den Zeilen vermissen lassen. Alfred widerfährt im Grunde immer das unsäglichst Mögliche.

Das ist schade, weil Lukas Linder zum einen eine akkurate Schreibweise verrät und zum anderen gerade deshalb auch schöne Stimmungen voll zartbitterer Melancholie hervorzurufen weiss. Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck – etwas mehr humoristische Zurückhaltung hätte ihm gutgetan.