Das Buch in neuen Umschlägen

Hybride Buchprojekte im Spannungsfeld von analog und digital

Approfondimento del 25.03.2019 di Beat Mazenauer

Das Buch behauptet in der Gutenberg-Galaxis seinen Platz als Zentralgestirn, das aus den Kräften der poetischen Imagination laufend neu entsteht. Stilistische Raffinesse, Lesekomfort, Haptik und auch die Unabhängigkeit von Stromquellen sprechen dafür. Doch es gibt Alternativen zum gedruckten Buch. Abseits vom herkömmlichen Verlags- und Vertriebswesen entstehen hybride Buchprojekte im Spannungsfeld von analog und digital.

edition taberna kritika context

Seit einigen Jahren schon experimentiert Hartmut Abendschein in seiner edition taberna kritika mit digitalen Techniken. Nebst Taschenbüchern publiziert er eine Reihe namens etkcontext – Digitale Objekte. Am Layout gemessen sehen sie aus wie schmale Booklets und bedienen sich bei der Schrift, ja sogar der Handschrift, nur das Format ist ein elektronisches PDF. Vor allem aber spielen sie – an Oulipo, Surrealismus oder Konkrete Poesie anschliessend – mit Zufällen, Algorithmen und bildnerischen Mitteln, die eine klassische Narration hintertreiben. Unter der Überschrift Ok, ich lass es wie einen Unfall aussehen hat Leonie Börlin eine Reihe von Cadavre exquis in einem Band versammelt. Sie stammen von einer Veranstaltung, die jedem und jeder die Chance einer flüchtigen Autorschaft einräumte. Während einer vorgegebenen Frist wurden kurze Text fortgeschrieben, deren letzte Zeile jeweils sichtbar stehen blieb und den Anfang für die Fortsetzung durch die nächste Autorin markierte. Hohe Literatur entsteht aus einem solchen Verfahren kaum, aber ein lustvolles Spiel mit Textschnipseln, das mitunter witzige Momente hervorbringt.

Ein anders geartetes Spiel betreibt Jasmin Meerhoffs 300 Romantik. Wann, heisst es darin, «löst die Fantasie die Forderung ab, Schöpfertum wiederzufinden und das Muss als das Geschäft jedes schöpferischen Lebens anzusehen?» Und später: «Wahrnehmen und Vermischen und Umschmelzen. Das wird ein poetisches Fest!» Die Zitate sind durch einen Transformationsprozess entstanden, der einem automatischen Cadavre exquis ähnlich sieht. Eine Seite aus Frenzels Daten Deutscher Dichtung wurde kopiert, zerschnitten, ineinander geflochten, per Computer eingelesen und automatisch korrigiert – um so einen gänzlich neuen Text herzustellen, der gänzlich neuen Sinn macht, respektive auf irritierende Weise zwischen Sinn und Unsinn oszilliert.

Vielleicht geht es in dieser Context-Reihe aber nur zweitrangig um derart verfremdende Spiele mit Syntax und Semantik. Das digitale PDF-Format ermöglicht eine ebenso unabhängige wie kostengünstige Publikation, die auf spielerische Experimente zugeschnitten ist. Die edition taberna kritika, die auch schmale hübsche Taschenbücher produziert, nutzt die Technik für eine literarische Nische. Dies steht im grösstmöglichen Gegensatz zum oft grandiosen Auftreten der Grossverlage mit ihren medialen Blockbustern.

Gerade dieses Auftreten treibt auch gestandene AutorInnen zu publizistischen Alternativen, sei es, weil es dem Verlagswesen an innovativem Mut fehlt oder weil deren Interesse an Produkten ohne Renditeerwartung laufend abnimmt. Urs Richle oder Michail Schischkin haben daraus eine Tugend gemacht.

«Tote Seelen, lebende Nasen»

Die Suche nach einem Verlag für seine umfangreiche «Einführung in die russische Kulturgeschichte» gestaltete sich für Michail Schischkin schwierig. Obwohl ihm längst ein hervorragender Ruf als Autor vorausgeht, zogen sich die Verhandlungen hin. Der Gespräche mit uninteressierten Sales Managern leid geworden, sagt der Autor, habe er sich entschlossen, sein Buch Tote Seelen, lebende Nasen im Eigenverlag Petit Lucelle als E-Book herauszugeben. Indem seine Frau Shenya die Programmierung übernahm, entstand daraus ein Familienprojekt. So interessant diese verlegerische Initiative anmutet, Schischkins E-Book ist in erster Linie eine faszinierende Einführung in einen Kulturraum, der für viele bloss noch aus dem Namen Putin besteht.

Wie tief die Kluft ist, spricht Schischkin gleich im ersten Kapitel an. Als er vor vielen Jahren frisch aus Russland nach Zürich gekommen war, entdeckte er aus der Fremde auch die Muttersprache neu. Das ursprüngliche Russisch sei eine Sprache mit zwei Tonalitäten: den Befehlen von oben (Ukas), sowie dem Gebet von unten, wobei er hiermit den «Mutterfluch» anspricht: ein gleichermassen tabuisiertes wie täglich verwendetes Zotenidiom, oder wie Schischkin ergänzt: das «lebendige Gebet eines Gefängnis-Landes». Das gepflegte Russisch sei erst mit der Literatur entstanden, schreibt der Autor, der daraus für sich eine Poetologie ableitet, die sich in einem «unkorrekten» Schreiben erfüllt. Nur indem sie sich immer wieder erneuert, bewahrt die Sprache in sich die Liebe und überwindet sie den Tod.

An literarischen Beispielen und mit ihnen verbunden der «Unmöglichkeit» einer idealen Übersetzung arbeitet Michail Schischkin die Konturen der russischen Kulturgeschichte heraus. In den Werken Puschkins (ein Enzyklopäde des russischen Lebens), Gogols (sein Werk ist «eine einzige Ohrfeige») oder Tolstois (ein Meister des Gegensätzlichen) wird die Literatur zur Gegenspielerin des beklagenswerten russischen Alltags, der von Fratzen, Masken und Rangabzeichen bevölkert ist. «Die toten Seelen» erst beleben die toten Seelen – ganz satirisch unsatirisch.

Michail Schischkin ist mit zwei Welten und zwei Sprachen bestens vertraut, genau deshalb erweist er sich als profunder Vermittler der russischen Kultur. Mit in den Blick geraten die Differenzen: zwischen Kultur und Alltag ebenso wie zwischen Russland und der Schweiz, deren «russische Geschichte» Schischkin schon vor 20 Jahren auskundschaftete. In «Heidis Schuld und Sühne» (siehe auch Viceversa 10, 2016) setzt er im neuen Buch ein Kapitel Schweizer Geschichte in Russland hinzu. Das Alpenmädchen Heidi wurde aus den sowjetischen Bibliotheken verbannt, es musste einem Heldenpionier wie Pawlik Morosow Platz machen. Heute sei Heidi in Russland vielleicht wieder präsent, geht es dem Autor durch den Kopf, als ein Flüchtlingsmädchen in den kaukasischen Bergen.

Das Buch, dessen Kapitel an verstreuten Orten bereits einmal erschienen und für diese Ausgabe erweitert worden sind, gibt es als Download oder als Stick im «Schmuckkästchen». Der Vorteil des Digitalen liegt darin, dass der Autor nicht allzu sehr auf den Umfang schielen muss, also grosszügig illustrierte Anmerkungen hinzusetzen kann, die zudem direkt mit dem Text verlinkt sind. Die Unabhängigkeit hat es Schischkin derart angetan, dass er sein neues Essayprojekt Ein Buchstabe auf Schnee zwar auch als herkömmliches Buch plant, er bleibt aber beim Eigenverlag. Er hat es vorneweg über Crowdfunding erfolgreich zur Subskription angeboten.

Variable, personalisierte Bücher

Wie Michail Schischkin geht auch Urs Richle, Autor einer Reihe von Romanen, für seine neuen Projekte den Weg in die digitale Unabhängigkeit. Sei es aus der Not eines fehlenden Verlags, sei es aus Willen zum Experiment, hat er mit IllustratorInnen zwei Publikationen entwickelt, die gewissermassen client responsive gestaltet sind.

Lia und die Erbsen ist ein Kinderbuch, das die Krebserkrankung eines Elternteils thematisiert. Auf der Webseite liastories.ch lassen sich einzelne Elemente frei aussuchen. Nebst der Sprache kann die Familienstruktur individuell bestimmt werden, die Art der Krankheit oder die angewandte Therapie. Und obendrein kann eine von drei Illustrationen von Tom Tirabosco, Adrienne Barmann oder Johan Walder ausgewählt werden. So lassen sich eine Vielzahl an Variationen erzeugen, die einzeln bestellt und gedruckt werden können. Obwohl am Ende ein herkömmliches Buch vorliegt, ist dieses das Ergebnis eines digitalen Prozesses. Urs Richle hat die Geschichte zusammen mit Medizinern entwickelt und so ein ebenso schönes wie hilfreiches Buch vorgelegt. «Jeder Fall ist einzigartig und spezifisch» heisst das Motto für dieses Projekt.

Ein solches Auswahlprinzip liegt auch der Geschichte … sooooooo lieb hab ich dich! zugrunde. Es ist «illustriert in 3 Versionen von 3 Schweizer Künstlern» und in zehn Sprachen erhältlich – Toggenburger Dialekt inklusive –, wie Urs Richle auf seiner Webseite schreibt. Zudem ist es mit einem Namen personalisierbar, so dass das Buch seine Liebesbotschaft auch genau richtig adressieren kann. Wie gern hast du mich? fragt es und antwortet mit einfallsreichen Vergleichen und farbenprächtigen Bildern. Meine Liebe, verspricht es, ist noch grösser als ein Elefantenhintern breit ist , sie noch schöner als eine farbenprächtige Blume und noch fideler als der Vogelgesang. Abermals lebt das Buch wesentlich auch von den drei unterschiedlichen Illustrationen, die wieder von Adrienne Barmann und Johan Walder sowie von Anne Bory stammen.

Urs Richle hat aus der Not, für ein solches Projekt einen Verlag zu finden, eine Tugend gemacht. Die beiden Bücher sind unabhängig von den herkömmlichen Verlagsstrukturen produziert und zudem in der Schweiz gedruckt. Das personalisierbare Wunschbuch ist nicht für alle literarischen Fälle sinnvoll, doch es erweitert die Möglichkeiten des statischen Buches wie der fest gefügten Produktionsstrukturen. Es demonstriert, wie sich die verlegerische Innovation aus dem Literaturbetrieb mehr und mehr in die freie Szene verlagert.