Sprache als Spiel (mit Tiefsinn)

Approfondimento del 13.08.2019 di Beat Mazenauer

Sprache ist – sofern man den Storytellern glaubt – ein Medium fürs Erzählen, Informieren und Manipulieren. Sprache ist aber auch ein Fundus für Spiele mit dem Buchstaben- und Wortmaterial. Die Schrift- und Symbolzeichen bieten Material für Anwendungen, die es nicht primär auf reibungslose Verständigung und unmissverständliche ehen Information abgesehen haben. Bildlichkeit, Zufall, Variation oder Ironie treten als formgebende, gestische Faktoren ins Zentrum einer solchen Dichtung. Zu denken ist ans mittelalterliche Bildgedicht, viel später an die Konkrete Poesie oder an anagrammatische Abwandlungen, die im Hypertext neu entdeckt worden sind. Auch die bildende Kunst zeigte sich schon immer von sprachlichen Zeichen fasziniert, vom Beitext zu Bildgrafiken bis hin pseudosprachlichen Bildern wie jenen von Axel Malik, der in nicht mehr entzifferbaren Zeichen unverständliche Texte schreibt.
Die In den letzten Monaten sind neue Bücher erschienen, die einen spielerischen Umgang mit der Schrift pflegen, der vom reinen Bildgedicht über die lexikalische Wunderkammer bis hin zum simplen Tippfehler reicht. Letzterer lässt gewollt oder ungewollt neue Worte und mit ihnen zuweilen auch unverhofft neue Bedeutungen entstehen. Wer tippt nicht hin und wieder «Kriche» in die Tastatur, anstatt «Kirche», wenn die Zehnfingerkoordination einen Streich spielt – oder «Sturktur»? Liegt ein tieferer Sinn darin?

Daraus hat der Schriftkünstler René Gisler vor vielen Jahren zuerst analog, dann in einem Internet-Blog ein Spiel fabriziert. Er sammelte neue Wörter und Begriffe, aus denen er nach und nach ein ausufernder Thesaurus entstand, der nun als grossformatiges, akkurat gestaltetes, illustriertes und beinahe 4 Kilo schweres Druckwerk erschienen ist. In diesem Thesaurus rex, der gewissermassen aus der alles aufsaugenden kollektiven «Schwammintelligenz» heraus gewachsen ist, finden sich Tausende neuer, schräger Begriffe von alldente bis Zyclown. Ein paar Beispiele veranschaulichen es:

Blogwart = Administrator
Einheizbrei, siehe auch Rheinheizgebot
Gähnesis = Erschöpfungsgeschichte
Indiwiedumm, siehe auch Protzess, Karrwoche, Verdummungsverbot
Labertran, siehe Schlichtgestalt
Trippfehler = verreisen, siehe auch Trippfehler auf der Hastatur oder Tastortur
völig = fixfettig
Zaudertrick = Hinhaltetaktik, Haderkadabra

Zu den einzelnen Begriffen macht der Band Angaben über Bedeutung und Herleitung, und er setzt Verweise, wie es ein klassisches Wörterbuch tut. Derart demonstriert der Thesaurus rex, dass es manchmal nur einer kleinen Verschiebung und Verfremdung bedarf, um gänzlich neuen Sinn zu erzeugen, der zuweilen die eigentliche Herkunft eines Wortes erst recht entlarvt. Das ist linguistisch und sprachgeschichtlich interessant, viel unterhaltender allerdings ist der Spielwitz, der darin steckt und zur Nachahmung reizt. Der Thesaurus rex bietet sich als Medium für Sprachverliebte an, die fürs Leben gern stöbern, einander vorlesen und selbst lustvoll mit der Sprache spielen. So gesehen steckt darin natürlich auch eine treffliche Geschenkidee für Mussestunden.

Ähnliche Effekte erzielt der Wortfächer mit 55 «Juckreizwörtern», welchen die Lyrikerin Andrea Maria Keller zusammengestellt hat. Mal abgesehen davon, dass ein solcher Fächer bei sommerlichen Temperaturen auch kühlende Wirkung haben kann, regen diese Wortungetüme zum Sinnieren an. Dabei erfindet die Autorin nichts, sie setzt bloss zwei Doppelbegriffe zu einem Triplewort zusammen, das völlig neue Bedeutungen evoziert. Solche Zusammenzüge verraten mitunter einen alltäglich nicht weiter hinterfragten Sprachgebrauch, etwa im Wort «Wertschöpfungsmythos», der das herrschende Geldwertsystem stracks aus der Balance bringt und da einordnet, wo es hingehört, ins Reich des Imaginären. Und wo von Klimawandel die Rede ist, ist der «Beziehungsklimawandel» nicht weit, der sich auch in «Schamlippenbekenntnissen» ausdrückt. Derweil pendelt die «Beischlafmütze» unstet zwischen Sex-Abstinenz und Empfängnisverhütung.
Der Trick von Andrea Maria Keller ist im Grunde simpel, im Effekt aber höchst witzig. Es brauchen hier nicht alle Geheimnisse ausgeplaudert zu werden, nur soviel: der «Buchhaltungsschaden» beginnt nicht selten sprachlich und endet in einer verhängnisvollen «Trugschlussbilanz», die den Bogen zurück zum «Wertschöpfungsmythos» schlägt. In Form eines Wortfächers jedenfalls können die Juckreizwörter dafür sorgen, dass wir uns sprachliche Frischluft zufächeln und dabei die eigene Lust auf Sprachspiele anregen. Auf der leeren Rückseite liessen sich jeweils à la Thesaurus rex Synonyme und Erklärungen nachtragen. So würde dann aus der «Gedankenspielhölle» vielleicht eine Geheimdienstleidstelle.
Der Verlag Vatter & Vatter hat zudem einen Wortfächer mit Hermann Burgerschen Wortschöpfungen herausgebracht, die jeweils mit Zitaten kontextualisiert sind und weitere lexikalische Frischluftzufuhr garantieren.

Während hier der (durchaus auch sprachkritische) Schabernack seine bunten Blüten treibt, setzt Beat Gloor in seiner konkreten Poesie die Schrift wörtlich ins Bild. In zwei Bänden, mit konk und klonk überschrieben, bietet er ein Sammelsurium an sprach-bildspielerischen Variationen in allen möglichen Richtungen – beispielsweise in Form von:

Ableitungen mit und ohne Laufmaschen (von «last but not least» → @las✝),
Ähnlichkeits- und Spiegelpaaren («mami – imam»),
Hörstürzen («lard pour lard»),
Permutationen und Anagramm-Gedichten,
Scrabble-Bildern,
sprachlichen Paradoxa,
typographischen Spielformen,
visueller Poesie à la Stundenglas.

Beat Gloor nimmt dabei gerne Rekurs auf die reiche Tradition von Bild-Gedichten im Mittelalter und der frühen Neuzeit, die speziell seit Mallarmés «Würfelwurf» von grossen Sprachvirtuosen wie den Dadaisten oder den visuellen Poeten experimentell weitergetrieben worden sind. Beat Gloor tut dies gleichsam mit einer «vierfachen verneinung»:

un
ent
weg

«Konkrete Poeten», hält er in einem kurzen Text fest, «treten hinter ihre 'Werke' zurück. Die Schätze liegen in der Sprache selbst, in ihrer Fähigkeit, mit der materiellen Wirklichkeit immer wieder neu in Beziehung zu treten: sie abzubilden, zu illustrieren oder zu stören.» Letzteres, also ein sprachkritischer Impetus, spielt auch in diesen beiden Bänden mit. Schlussendlich aber obsiegt doch die pure Lust an der Ab- und Verwandlung, die hier indes auch zu Wiederholungen neigt. Es ist nicht alles neu, was in den beiden Bänden steckt. Zuweilen sind die Muster gut bekannt, handkehrum tauchen darin abstrakte Kreationen aus Buchstabenfolgen auf, die sich zu reinen Texturen überlagern und jeden Anspruch auf Text oder Sinn aufgeben. Oder Wortvariationen, die ihre Bedeutung aus sich selbst hervorbringen wie (verkürzt zitiert):

widerstand
wi e derstand
wieder stand

Auf eine andere literarische Tradition bezieht sich Hartmut Abendschein in seiner lyrischen Überschreibung: mn ltztr krnz ei ee a. Er erinnert zum einen an eine barocke Tradition, zum anderen an die Regelpoesie etwa der französischen Oulipo. Um dieses Experiment präziser zu durchschauen – wie es notabene das nicht minder schräge Nachwort von Stefan Humbel auf seinerseits eigensinnige Weise versucht – müssen die einzelnen Stufen kurz auseinandergedröselt werden.
«Mein letzter Kranz» heisst ein Gedicht von Hartmut Abendschein, das er 2007 in der Tradition des Sonettenkranzes verfasst hat: einem Zyklus von 14 Sonetten, deren je letzte Zeile jeweils das nächste Sonett einleitet und dem ein 15. Sonett nachfolgt, das aus den 14 Anfangszeilen besteht, einem Index oder Inhaltsverzeichnis ähnlich. Die strenge Regel bestimmt somit über die lyrische Form.
Hartmut Abendschein hat diesen Kranz nun zweifach überschrieben und abgewandelt, indem er ihn als Wortbild und im Wortlaut inszeniert. Dafür hat er ihn doppelt mit einer Olivetti Lettera 22 aus dem Jahr 1955 (wie das Nachwort weiss) abgeschrieben – wobei abgeschrieben ist zu einfach ist: Er hat zugleich die Konsonanten von den Vokalen getrennt und sie im ersten Fall jeweils untereinander angeordnet, im zweiten Fall hintereinander zu einer Langzeile mit den Konsonanten (in Schwarz, hier recte) und nachfolgend den Vokalen (in Rot, hier kursiv). Daraus ergibt sich ein charakteristisches typographisches Wortbild – das alle Zeichen vollständig enthält und das ursprüngliche Sonett zugleich radikal verfremdet. «mein letzter kranz» wird zu:

mn ltztr krnz
ei ee a
oder
mn ltztr krnz ei ee a

Die Sonette, die in sich schon raffiniert gebaut sind und je eine thematische Unterzeile enthalten, werden auf diese Weise bildhaft inszeniert, dass der Zugang dazu bewusst behindert wird. Die Lesbarkeit steht so logischerweise nicht mehr im Zentrum, sondern die visuelle und lautliche Potenz des Geschriebenen. Die Aufteilung in Konsonanten und Vokale verleiht dem Sonett eine neue Qualität, indem es sich zeilenweise auftrennt in, sagen wir, einen klackend gutturalen in sich gekehrten Introvers und einen lauthals performativen Extravers:

zrstrt n nr vlzhl mglchr bnhmn
eeu i eie iea öie eee
brst d stts dn ngl n gstlt
eeu u e e ae a ea

Die Regel bestimmt über die Form und übt so einen Zwang aus, der gemäss Georges Perec allerdings die Imagination auch befreien kann. So gesehen steckt in poetischen Experimenten wie diesem auch ein Aspekt der Befreiung von ebendiesen Normen und Regeln. Sie zu lesen ist – in homöopathischer Dosierung – sehr stimulierend.