Meer Moor Wetter Winterkälte
Zwei neue Gedichtbände von Eva Maria Leuenberger und Levin Westermann
Bezüglich der schatten von Levin Westermann und dekarnation von Eva Maria Leuenberger gehören zu den aufregendsten neuen Gedichtbänden. Mit lyrischen Mitteln beschwören sie gleichermassen elementare wie mythische Kräfte und Landschaften herauf, in denen sich die Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit, Sein und Vergehen bewegen. Sie sind kleine, verletzliche Wesen in einem grösseren naturhaften, ja kosmischen Zusammenhang, dem sie nicht Herr werden. Zwei Gemeinsamkeiten fallen auf: Zum einen arbeiten Levin Westermann wie Eva Maria Leuenberger intensiv mit intertextuellen Anleihen und Verbindungen zu moderner, allem voran englischsprachiger Lyrik, etwa von Anne Carson. Zitate im Original fügen sich bruchlos in ihre Gedichte ein und erweitern deren Resonanzraum. Zum anderen legen sie eine narrative Struktur aus, die ihre Gedichte in einem poetischen Parlando aufhebt.
Bei Eva Maria Leuenberger zeichnet sich diesbezüglich besonders das zweite Kapitel «moor» aus. Darin wird vom «mann tollund» und der «frau elling» erzählt, zwei legendären dänischen Moorleichen, die seit Jahrtausenden im Moor liegend von einer Zeit künden, die weit zurück liegt und eine beunruhigende Zeitlosigkeit anklingen lässt.
man sagt, im wasser wird der körper frei
dekarnation durch verwesung
(…)
dort, wo der see zu moor wird
gibt es keine zeit
ein moor und ein körper
heisst unendlichkeit
Die beiden Moorleichen wahren ihr Geheimnis ebenso wie die Landschaft, die der Gedichtband beschreibt: «tal», «moor», «schlucht» und nochmals «tal», wie die vier Kapitel überschrieben sind; die Landschaft also mit all ihren natürlichen Charakteristiken wie Wald, Wind, Wetter sowie dem Nebel, der das lyrische Ich in Einsamkeit einhüllt, oder das Licht, das die geologischen Formen grell hervorhebt. Schicht um Schicht arbeitet die Dichterin diese Landschaft ab, Schicht um Schicht baut sie aus Worten eine Topographie auf, die ganz Poesie ist und deren Gesetzen gehorcht. Das lyrische Ich und mit ihm alles Menschliche, ja die Landschaft selbst scheinen darin aufzugehen – in den Klang – und die Luft – und das Licht ganz am Ende: «das licht fällt in die nacht».
Eva Maria Leuenberger formt ihre lyrische Erzählung zu einem Rondo von Beginn und Ende, mit einem Zitat von Anne Carson:
we begin
in the dark
and birth
is the death of us
Die Anmut dieser Gedichte besteht darin, dass ihre Sprache ganz auf die Mittel von Andeutung und Auslassung vertraut. Gerade wo diese sich dem Verständnis entzieht, behauptet sie souverän eine genuin lyrische Kraft, die stärker ans Ahnen als ans Wissen, ans Spüren als ans Erkennen appelliert.
«das bild knistert» heisst es mehrmals – es lässt sich auf die Lektüre übertragen. Sie knistert, wo sie an die Intuition der Leserinnen und Leser rührt, nicht bloss verstehbar ist. dekarnation verfolgt die Spur der Moorleichen, deren menschliche Gestalt sich über Jahrtausende bewahrt hat, und zugleich die Spur der Entfleischlichung, die im Verwesen das Wesen der Dinge herausarbeiten will. Eva Maria Leuenberger beweist dabei eine verblüffende Beweglichkeit, die sich nicht zuletzt auch darin ausdrückt, dass sie die Worte und Zeilen visuell komponiert. Die Buchseite wird zur poetischen Einheit, in der Ahnung und Auslassung in der komplexen Textur auch bildlich sichtbar werden.
Der äusseren Form nach gebändigter gibt sich bezüglich der schatten, die Gedichte von Levin Westermann. Mal sind es kurze Zeilen von meist zwei- bis fünfsilbigen Versen, mal Strophen mit drei Langzeilen, in die er seine poetische Erzählung einbettet. Einzig am Ende des langen ersten Kapitels löst er das Gedicht am Ende visuell auf: «Blow!!»
Der vierzeilige Titel dieses rund 80 Seiten langen Gedichts demonstriert auf Anhieb das ihm inliegende Temperament:
Das fehlende Herz, der tote
Fuchs, der Wind in den Bäumen,
Licht, das bricht, auf einem See
und Ohnmacht, Schwerkraft, Reh
Levin Westermann brilliert hier und übers Ganze hinweg mit einer rhythmisch ausgefeilten Sprache. Zeilensprünge und dynamische Aufzählungen schlagen einen Takt an, der durch überraschende (Binnen-)Reime und eine wendige Vokalstruktur akzentuiert wird – mal beschleunigend, mal verlangsamend. Das liest sich im Effekt ausgesprochen beweglich und flüssig und behauptet dennoch jederzeit eine absolut zwingende Form. Auch wenn er in seiner Lyrik mehr Geschlossenheit beweist als Eva Maria Leuenberger, operiert Levin Westermann raffiniert mit Zeichen und Ahnungen, die er mit sparsam gesetzten Worten präzis im Text verankert. Auch hier walten elementare Kräfte: Kälte, Wind und Wetter – davon gebeutelt tauchen Menschen auf, ein Wladislaw zum Beispiel als Teil eines «wir», das aufbricht, flieht, jeder «für sich allein / verschwindet / in sich selbst –».
Die Situation steht auf des Messers Schneide:
Das Schlimmste
ist vorüber. Das Schlimmste
steht noch aus –
Dieses Kippmoment äussert sich im Hereinbrechen von etwas Dunklem, nicht Erklärbarem. Gleich anfangs heisst es: «Über Nacht / haben sie den Wald / mit Wald ersetzt ...». So ist der Wald ein anderer Wald, und die Engel sind nicht länger Lichtgestalten, sondern Unheilsboten, die verzweifelt im Eis festfrieren. «Sie fliegen und fallen, fliegen und fallen». In dieser ambivalenten Stimmung erhält die um sich greifende Angst keine klaren Konturen. Einzig Wladislaw wehrt sich, er schreibt auf, was er sieht. Vielleicht deshalb wird er Teil einer morgendlichen Auflösung, die das «über Nacht» aus der ersten Zeile mit einem frischen Moka Crème aus der Bialetti-Maschine vertreibt, in Anwesenheit Gottes.
So rätselhaft die lyrische Erzählung voll kühler, düsterer Einsamkeit und irritierender Verwandlungen anmutet, so eindrücklich verrät sie Genauigkeit und Sicherheit in den poetischen Setzungen. Sie sind ein Markenzeichen dieser Gedichte. Die Stimmung bleibt ebenso unaufgelöst wie unerlöst. Sie ist einer «zerrüttung» verhaftet, wie es in der Überschrift des letzten Gedichts heisst. Dazwischen nimmt ein formal kompaktes Gedicht («scapula») Elemente des ersten Teils auf und variiert sie. Das «fall slower» von vorher bleibt auch hier unerfüllbar, so wie die Wundmale an den Schulterblättern den Menschen vergeblich an seine verlorene (oder gefallene) Engelhaftigkeit erinnern.
Das dritte der vier Gedichte bringt schliesslich einen nochmals neuen Ton hervor. In Anlehnung an eine klassische Diktion, konkret an Euripides' Alkestis-Drama, umkreist Levin Westermann das Thema der Trauer. Roland Barthes und Anne Carson treten darin persönlich auf – bis sich ein Sarkophag à la Tschernobyl über das Haus des Admetos stülpt.
An einer Veranstaltung hat der Dichter Thilo Krause auf die Frage, was ein Gedicht sei, geantwortet: Ein Gedicht ist ein Text, der nicht erzählbar ist, keine Zusammenfassung erlaubt. Diese Definition lässt sich trefflich auf diese beiden Bände anwenden, wobei der Dreh darin besteht, dass die Gedichte von Eva Maria Leuenberger und Levin Westermann nicht zu erzählen sind, obwohl (oder gerade weil) sie erzählen. Das ist hinreissende Dichtung und mit höchstem Vergnügen zu lesen.