Verloren in der Ungewissheit

Anna Stern: «Wild wie die Wellen des Meeres» (Salis 2019) und «Das alles hier, jetzt.» (Elster & Salis 2020)

Approfondimento del 05.10.2020 di Beat Mazenauer

Bei bewegter See schwappen die Wellen stürmisch ans Ufer und fluten in steter Unruhe wieder zurück. Nach diesem Bewegungsmuster hat Anna Stern ihren Roman Wild wie die Wellen des Meeres konstruiert. Der eine Erzählstrang erzählt, wie ihre jugendliche Heldin, die Ornithologin Ava Garcia, sich in den äussersten Nordwesten Schottlands aufmacht, um in einem Naturreservat ein Praktikum zu absolvieren. Damit sucht sie vor allem auch Distanz zu ihrem Geliebten Paul, zu ihrer Familie, zu ihrer eigenen Geschichte. Sie benötigt Ruhe und Zeit, um über sich selbst Gewissheit zu gewinnen. In steter Unruhe zieht es sie mal zu ihrem Geliebten hin, mal stösst sie ihn barsch von sich weg. Sie mag es nicht, wenn er ihr helfen möchte. Ava ist dünnhäutig und labil, den Knoten in ihrem komplizierten Leben muss sie selbst auseinanderdröseln.

In diesen Strang verwoben ist die zweite Erzählung, die ausgehend vom Angelpunkt des Romans – dem 18. Juli 2017, als Ava abreist – die Jahre in umgekehrter Richtung zurückverfolgt, nach und nach ihre Lebensgeschichte ausfaltet und das Geheimnis ihrer Verletzlichkeit enthüllt. Als die beiden Erzählbewegungen zueinander finden, setzt Anna Stern eine Zäsur und schildert in einem kürzeren zweiten Teil, wie sich die schwangere Alva schwer tut mit dem Entscheid, ob sie das Kind behalten und mit Paul eine Familie gründen will.

Ava ist tief im Inneren geprägt von traumatischen Erfahrungen. Ihre Mutter verstarb früh und ihr Vater verunfallte schwer. Schon als Kind war sie aufgeweckt und zugleich starrköpfig. In der Pflegefamilie, die sie aufnahm, wurde sie etwas ausgeglichener. Deren acht Jahre älterer Sohn Paul tat ihr gut. Und sie entdeckte ihre Liebe zu den Vögeln, die sich frei in den Lüften bewegen und, wie Günter Bruno Fuchs einmal listig dichtete, alle Zäune verwerfen.

Anna Stern schildert die psychische Verletztheit mit einer Sprache, die sich dem Plaudern verweigert und in oft kurzen Absätzen zum Schweigen und Verstummen neigt. Die Sprache deutet an, dass sie etwas verbirgt, was (noch) nicht ausgesprochen werden kann und darf. Hat die fünfjährige Ava etwas gesehen, was sich wirklich zutrug, oder bildet sie es sich nur ein? Diesen verschwiegenen Kern umgarnt Anna Stern behutsam und feinnervig. Vieles bleibt dabei verhüllt und wird gleichwohl vermutet. Dabei weiss die Heldin Bescheid: «Hast du gewusst, sagt Ava, dass Erinnerung und Vorstellung die gleichen Hirnareale aktivieren. Wir brauchen die Vergangenheit, um in der Gegenwart die Zukunft zu üben.» Was aber, wenn die Vergangenheit eine schwierige Prognose stellt?

Ava ist auf der Suche nach sich selbst und «findet doch nur ein anderes Ich» – eines, das der von Ängsten erfüllten Mutter vielleicht mehr gleicht als sie sich selbst bewusst ist. Die zur Auslassung neigende Sprache ebenso wie refrainhafte und alliterierende Elemente sind sozusagen rituelle Bestandteile dieser abwägenden Auseinandersetzung mit sich selbst. Ausflüge in die Ökologie und die Vogelkunde einerseits, literarische Zitate andererseits lockern die subjektive Fokussierung und öffnen den Horizont. In Pauls Familiennamen Faber steckt Max Frischs Homo Faber und womöglich auch der in Holland geborene Autor Michel Faber, der vor 30 Jahren von Australien nach Inverness umzog und sich da niederliess. Wiederholt werden auch Gedichte von Franz Wright oder Songs von Cohen, Bowie und anderen zitiert.

Anna Stern erzählt – vorab im ersten Teil – eindrücklich konsequent und ohne Schlacken. Mit dem zweiten Teil erhält ihre Prosa dann aber doch eine Prise schottischer Wind-und-Wetter-Dramatik, wie es der Titel andeutet. Anna Stern lässt pathetische Ausflüchte zu, die auch dem Umstand geschuldet sind, dass Ava nach einem Unfall gewissermassen die Kontrolle über den Text verliert. An ihrem Krankenbett geraten ihre Freunde ohne ihr Widerwort ins Plaudern. Es ist Avas eigensinnige, mitunter harsche Art, die dem Roman Form und Charakter verleiht. Deshalb wird auch nach dem guten, mit etwas pathetischem Überschuss ausgeschmückten Ende in ihrem und Pauls Leben kaum Ruhe einkehren.

Stehen die Erinnerungen hier in der Balance mit einer noch offenen Zukunft, taucht Anna Sterns jüngstes Buch das alles hier, jetzt ganz in die Vergangenheit beziehungsweise die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen hinab.

Anlass dafür ist der Tod von Ananke, der eine Schar von Freunden ebenso fassungs- wie hilflos zurücklässt. Zusammen mit Cato, Eden, Vienna und anderen, droht die Erzählerin von diesem schicksalhaften Ereignis innerlich erdrückt zu werden. Während 150 Tagen protokolliert sie, wie leer und verzweifelt sie sich fühlt, wie sie sich selbst verstümmelt und deswegen eine Therapie beginnt, wie sie sich abkapselt und kaum die Kraft findet, mit ihren Freunden in Kontakt zu treten. Es gibt kein Leuchten mehr, die Tage bleiben trüb und hoffnungslos.

Anankes Name, ein Pseudonym wie alle Namen in diesem Buch, steht in der griechischen Mythologie für das unpersönliche Schicksal; Goethe hat es in seinem Gedicht «Ananke, Nötigung» besungen:

So sind wir scheinfrei denn nach manchen Jahren
Nur enger dran, als wir am Anfang waren.

Anna Stern lässt die Erzählerin radikal in ihre Trauer eintauchen. Einzig Reflexionen über das Erinnern, seinen «segen und fluch», lassen erahnen, dass sie sich trotz allem nicht ganz fallen lässt oder fallen lassen kann.

es heisst, erinnerung wird nicht in nervenzellen, sondern in der extrazellulären matrix gespeichert, was nicht erklärt, bloss neue fragen aufwirft: ist die erinnerung noch du, wenn sie nicht in dir, sondern zwischen dir ist.

Dieses Erinnerungsprotokoll ist jeweils linksseitig abgedruckt, in meist kurzen Schüben, die nur ausnahmsweise über das Seitenende hinauslaufen. Es wird rechtsseitig begleitet von einem Strom von losen Erinnerungen an glückliche Tage der Kindheit und Jugend: immer wieder Baden im See oder Grillfeuer im Wald. Meist sind es Begebenheiten und Anekdoten, die draussen in der Natur spielen und unspezifisch, manchmal auch etwas banal anmuten. Sie stehen der Trauer begleitend und tröstlich gegenüber – in einer grauen, sozusagen ausbleichenden Schriftfarbe gedruckt.

Damit greift Anna Stern die erzählerische Doppelperspektive von Wild wie die Wellen des Meeres auf, um sie aber formal strenger zu fassen. Trauer und Erinnerung sind kaum konkret miteinander verknüpft, sie laufen parallel wie zwei Ströme, die sich nur absichtslos berühren, nebeneinander her.

Mit das alles hier, jetzt. schreibt Anna Stern in ihrer stilistisch eigenwilligen, kompromisslosen Art weiter. Die strenge Form lässt einen autobiographischen Hintergrund erahnen, dessen emotionaler Überschuss formal gebändigt wird. Darauf verweist auch eine poetologische Selbstreferenz der Ich-Erzählerin:

deine bisherigen texte waren nur raffiniert konstruierter plot ohne substanz, jeder satz mit so viel geduld und umsicht redigiert, dass deine geschichten teflon glichen: nicht spiegel für den leser, nicht fenster in eine neue welt.

Die Erzählerin taucht bohrend intensiv in die Trauer ein. Dafür wird die Aussenwelt gänzlich abgedunkelt. Das Ich spricht in Du-Form zu sich selbst, und die Freunde tragen Alias-Namen, die kaum Hinweise auf ihr Geschlecht oder ihre reale Rolle als Vater, Mutter, Freundin geben. Trauer wie Erinnerung bleiben wie in einem Kokon gefangen – bis, nach 150 Tagen, Vienna eine ebenso verrückte wie rettende Idee hat. Ein zweites, konventionell erzähltes kürzeres Kapitel schildert, wie die Freunde aus ihrer Trauerstarre ausbrechen, indem sie die Asche von Ananke ans Meer bringen, wo die Wellen des Meeres sanft anbranden – im ewigen Gleichmass von Ebbe und Flut.