Abschied von der Portalfigur

«Mutter» von Melinda Breznik, «Nacht ohne Ufer» von Patricia Büttiker und «Muttertag» von Ralf Schlatter

Approfondimento del 26.10.2020 di Beat Mazenauer

Melitta Brezniks Buch Mutter. hält auf dem Cover eine kleine Überraschung bereit. Der abschliessende Punkt gehört mit zum Titel dazu, er signalisiert das Ende, das den Prozess des Sterbens endgültig macht. Die Erzählerin, hinter der unschwer die Autorin zu erahnen ist, kehrt in die alte Heimat zurück, um der Mutter in den letzten Wochen beizustehen. Es ist ein Beisammensein, das gleichermassen quälend wie beglückend ist. Die Pflege – Mutter will niemand Fremden im Haus dulden – überfordert die Erzählerin zuweilen, doch immer wieder spinnen sich beide in einen Kokon der vertraulichen Erinnerung ein, der auch unangenehme Fragen nicht ausspart.
Brezniks protokollierender Bericht ist ganz auf die Mutter ausgerichtet. Fast jedes der 40 Kapitel setzt mit dem Wort Mutter ein – bis es zuletzt, als die Autorin morgens um halb vier aufwacht, heisst: «Mutter ist fortgereist für immer.» Distanz zu diesem intimen Geschehen schafft die Autorin dadurch, dass seither einige Jahre verstrichen sind.
Ralf Schlatter und Patricia Büttiker verfolgen ein anderes Konzept. In ihren Büchern bildet die sterbende Mutter das stumme Zentrum einer Auseinandersetzung mit sich selbst als Sohn oder als Tochter, wobei die Namen kenntlich machen, dass es sich bei den Protagonisten um literarische Figuren handelt.

Ralf Schlatters Erzählung Muttertag beschreibt einen kurzen Zeitraum von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang am 21. Juni. In diesen 16 Stunden wandert der Erzähler von Zürich nach Schaffhausen, mit dem Ziel, der Mutter bei ihrem Freitod zu assistieren. «Mutter, Mutter, was hast du mir da nur eingebrockt», klagt er zu Beginn seines Wegs, der nach und nach zu einer rite de passage wird. Noch einmal geht ihm alles durch den Kopf, was ihn mit Mutter verbindet, oder ihn von ihr trennt. Eines weiss der Erzähler dabei mit Sicherheit: Die Mutter wird man nicht so leicht los, da nützt alles Rebellieren nichts. Ist es Liebe, oder nur Anhänglich- und Abhängigkeit – diese Frage treibt ihn um. Seine schonungslose Rede richtet sich direkt an die Abwesende. Es ist eine ohnmächtige Abrechnung. Bisher aber war es ihm nie möglich, so mit der Mutter zu reden.

Der Weg führt den Erzähler durch das Glatttal nach Eglisau, dann weiter den Rhein entlang zum Rheinfall. Rituell denkt er sich jede Stunde einen Abschied von der Mutter aus. Mal ist es die Idee einer Scheidung (doch kann sich ein Kind von der Mutter lösen?); mal die Vorstellung einer mütterlichen Vergiftung – am Ende aber fällt auch dies auf ihn selbst zurück, als sich ihm das Scheitern der eigenen Ehe mit Nadia ins Gedächtnis zurückruft.

Mit der Mutter geraten auch der bereits verstorbene Vater und die «Zweckgemeinschaft» der perfekten «Bilderbuchfamilie» ins Kreuzfeuer der Erinnerung. Unter dem dominanten Gehabe des zum Chefprokuristen aufgestiegenen Aussenseiters aus «unstandesgemässen» Verhältnissen hatte die Mutter einen schweren Stand. Sie, die ehemalige Lehrerin, blieb als Hausfrau und Mutter stumm und aufopfernd. Einzig die Gefühle blieben ihr Territorium, das sie mit dem «emotionalen Zweihänder» verteidigte. Am Sohn, glaubt dieser, hat sie ihr Werk der stillen Abrichtung vollzogen. Ob nach dem väterlichen Vorbild oder als Rache daran, bleibt dem Sohn nicht einsichtig. All das geht Schlatters Protagonisten durch den Kopf: kreuz und quer, mal nüchtern sachlich, mal erregt aufbrausend ob all der verpassten Chancen, immer wieder auch mit ironischer Distanz. Sprachlich folgt die unerwiderte innere Zwiesprache gewissermassen der Bewegung des endlosen Gehens, wie in einer Trance. Die Schritte geben sprachlich den Takt vor.

Ralf Schlatter porträtiert mit seinem Erinnerungsstrom träfe und genau die Einfamilienhaussiedlung in den 1970er Jahren, als der eigene Traum vom Glück nur auf Kosten der Nachbarschaft glücken konnte. Man trachtete danach, «jemand zu sein», zugleich war man gefangen in der Angst, «die Leute würden das entdecken». Nochmals spürt der Erzähler «die Traurigkeit und die Einsamkeit in unserer Familie, alle auf ihrem eigenen Planeten». In dieser Milieuzeichnung verlieren Mutter, Vater und Sohn allerdings etwas an Kontur. Darin liegt eine Schwäche dieser Erzählung. Die präzisen Detailbeobachtungen verblassen im Gleichstrom der Verallgemeinerung und der bekräftigenden Wiederholung. Vor allem der Erzähler selbst gibt mehr und mehr das Bild eines etwas gar kleinmütigen «Muttersöhnchens» ab. Was dabei zu kurz kommt (ohne allerdings ganz zu fehlen), sind die kleinen Abweichungen von der selbstgesetzten Norm, die Ausbrüche und Haarrisse im familiären Gefüge. Dies schliesst den Sohn mit ein, der erst ganz am Schluss, in Schaffhausen angekommen, den Rebellen in sich erkennt und die versprochene Handreichung verweigert. Er bleibt einfach am Rheinufer sitzen und schaut einem Glühwürmchen zu.

Am Übergang vom Tag zur Nacht, an dem Schlatters Buch endet, setzt Patricia Büttikers Roman Nacht ohne Ufer ein. Die zwei Halbschwestern Esther und Gloria sitzen am Sterbebett ihrer Mutter und erwarten deren letzten Atemzug. Ihr Tod scheint die einzige Sicherheit zu sein, während ihre wachenden Töchter in einem Strom der widerstreitenden Gefühle schwimmen und kein rettendes Ufer erreichen.

Esther ist die Hauptfigur des Romans, der in kurzen Abschnitten zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt. Mal gerät Esther selbstvergessen ins Erinnern, mal wird sie von Gloria dazu angeregt oder dabei gestört. Derart mäandert der Text in losen Szenen durch eine Familienbiographie, die voller Missverständnisse, verstecktem Groll, Unverständnis und immer wieder aufblitzend auch zartem Mitgefühl steckt. Esther scheint dieses Mitgefühl leichter zu fallen, obwohl oder gerade weil ihre Vorwürfe an die Mutter schwer wiegen und ihr Leben lange Jahre beherrscht haben. Als sie sieben war, wurde sie von der Mutter und der zwei Jahre jüngeren (Halb-)Schwester verlassen. «Nachdem ihr, Mutter und du, gegangen wart, wurde die Wohnung geputzt», erinnert sie sich. Für Vater war die Sache damit abgeschlossen, «sie könnten froh sein, dass die Mutter und Gloria weg seien und endlich Frieden einkehre», meinte er. Ja, entgegnete Esther damals, doch sie empfand es anders. Entsprechend taucht in ihren Erinnerungen der Vater, bei dem sie aufwuchs, bloss wie ein Gespenst am Rande auf: die abwesende wie abweisende Mutter war das Zentrum ihrer Gefühle. Geblieben ist ihr davon, glaubt sie, eine soziale Unverträglichkeit. Sie lebt seit je her allein, sie hat keine Freunde.

Es dauerte Jahre, bis sie sich dazu aufraffte, die Mutter anzurufen und erstmals wieder zu treffen. Doch Esther merkte gleich, dass sie sich nichts zu sagen hatten. Umso mehr gefiel sie sich darin, sich der Mutter gegenüber auf peinliche Weise gemein zu verhalten – nur um sich später darob schlecht zu fühlen.

Dieses zähe Ringen setzt sich am Sterbebett mit ihrer Schwester fort. Vielleicht ist es deren Anwesenheit, was sie versöhnlicher stimmt. Gloria wirkt ihr gegenüber ausgeglichener. Doch auch sie schwankt emotional zwischen der Furcht vor dem Verlust der Mutter und einer lange antrainierten Flucht vor ihr, worin sich auch Gleichgültigkeit mischt. Wie sich gegenseitig abstossende und wieder anziehende Planeten umkreisen sie einander, um zwischendurch immer wieder fast zu kollidieren. Gloria liest die Glückspost, Esther blättert in einem Beuys-Band. Gloria entwischt in brenzligen Momenten in die Rauchpause, Esther wäscht sich die Hände, wie um mit der gestischen Zwangshandlung die schlechten Gefühle von sich abzustreifen.

So warten sie am Sterbebett, die Mutter zwischen sich, wissend, dass es nur noch eine kurze Spanne dauert, bis sie alleine sein und – vermutlich – wieder auseinanderstreben werden, ohne sich weiter umeinander zu kümmern. Patricia Büttiker zieht diese traurige Erzählung konsequent durch. Immer wieder streut sie kleine Zeichen der Vertraulichkeit zwischen den beiden ein, die sie selbst sogleich wieder verwerfen. Esther würde Gloria gerne trösten, sie wagt aber nicht, sie anzurühren oder in die Arme zu nehmen, nachdem eine erste Berührung von dieser vehement zurückgewiesen wurde.

Die Distanziertheit spiegelt sich auch in der Sprache. Esther, die Einsame, spricht immer nur von «Kolleginnen», nie von Freundinnen, zu schweigen von einem Freund. Diesen Eindruck vertieft zusätzlich die indirekte Rede, mit der die Autorin die persönliche Note von Esthers Erinnerungen zu relativieren scheint. Es ist dieses stete Hin und Her zwischen Empathie und Distanziertheit, das Nacht ohne Ufer unspektakulär erscheinen lässt und das schmale Buch doch konsequent auf den unruhigen Punkt des gegenseitigen Befremdens bringt. Die Autorin lässt dabei keine der Schwestern besser dastehen. Es sind die kleinen Zeichen und Gesten, mit denen sie ihr Kammerspiel vorantreibt und darin für eine unterschwellig spürbare, emotionale Spannung sorgt. Patricia Büttikers Roman ist in der Form ein sehr spezielles, stimmiges Gedenkbuch.