Hin und her zwischen den Sprachen

Neue Texte von Fabiano Alborghetti, Dumenic Andry, Daniela Dill, Mara Kempter und Hanspeter Müller-Drossaart

Approfondimento del 01.02.2021 di Beat Mazenauer

Daniela Dill schreibt seit vielen Jahren Texte, die sie auf Bühnen vorträgt, oft mit musikalischer Begleitung. Dieser performativen Form gemäss schreibt sie ihre Texte überwiegend in Basler Dialekt, der nicht nur den Klang, sondern auch das Wort- und Satzbild prägt. Pfrä Wirz seg am Nomidaag ned wükli grad mit grüschtete Äppeeri ufem Wäg, hezzi gsäit – dieses konstruierte Satzbeispiel gibt einen Eindruck von der Sprache, die Daniela Dill in ihrem Band Dur Zue Ständ pflegt. Schon der Titel ist unscharf, kann das «dur» ebenso «durch» wie «Dauer» meinen. Die Sprache bleibt also nah bei der Erzählerin, und mit ihr das Erzählte selbst. Die Autorin berichtet scheinbar belanglose Szenen und Beobachtungen aus dem Alltag, um gerne in ein grundlegendes Nachdenken abzuschweifen. Beispielsweise über Geschenke, die niemand will und niemand benötigt – so wie sie halt an Weihnachten ausgetauscht werden. Problematisch wird dieses Ritual, wenn diese Geschenke offenkundig weiter gereicht werden. Regula ist jedenfalls entrüstet: «Är het mys Gschänk, won ich ihm letscht Johr gmacht ha, zum halbe Pryys welle wyterverchaufe!» Derart ärgerliche Vorkommnisse und Unpässlichkeiten bringt Daniela Dill mal träf, mal lässig, mal wie nebenbei auf den Punkt. Das geschieht selbst da, wo alles im Diffusen bleibt, wie in «Der Dings»: Flo im Büro hat ihn gesehen, den Dings da, den vom Kollegen, aber vom anderen. Die nebelhafte Konversation gipfelt trotz allem im versöhnlichen Verstehen:

«Aaah, der Dings!», hani gruefe. «Joo, genau dää!» Denn ischs im Büro wider still worde. «Jä was isch jetz mit däm?» – «Nüt, dä hani gescht äfach gseh.»

Der Dialekt sorgt für die erzählerische Schärfe, die sprachliche Farbe. In dem Band finden sich aber auch einige hochsprachliche Texte wie «Kafka, ich will ein Kind von dir». Das erzählende Ich geht schwanger, ohne dass sie den Vater kennt. Kafka fragt nach, sie verneint und meint, Gotthelf habe es ihr angetan, doch wie die Idee geboren wird, «sah ich deutlich, sah ich klar, dass Kafka doch der Zeuger war». Was hier sprachrhythmisch schön aufgeht, verrät andernorts im Gereimten indes oft ein gehemmtes Stocken. «Keine Frage, der Typ war eine Pfeife, / doch eh ich das begreife», heisst es einmal. Wo «ne Pfyffe» durchaus angebracht wirkt, klingt die «Pfeife» hier gestelzt salopp, dem Reim geschuldet. Der Übergang vom einen ins andere Idiom gestaltet sich mitunter schwer, in diesem Band überzeugt er nicht so recht. Daniela Dills Texte leben von der Performance, in der Dialektsprache findet sie ihren direkten natürlichen Zugang zu den Hörern und Leserinnen.

Wie schaut das beim Dichter Hanspeter Müller-Drossaart aus? Wir kennen ihn als viel beschäftigten Schauspieler, Sprecher und Kabarettisten, der neben seiner geschliffenen Bühnensprache ein breites Repertoire an Mundarten beherrscht. Er lebt in Zürich, ist in Sarnen geboren, hat in Erstfeld die Primarschule besucht und die Schulzeit wiederum in Sarnen abgeschlossen. Von diesem Dialektspektrum zehrt seine Lyrik. 2015 hat er einen Band mit Gedichten in Obwaldner (zittrigi fäkke), 2018 einem in Urner Mundart (gredi üüfe) veröffentlicht. Eine Auswahl aus beiden ist nun unter dem Titel steile flügel erschienen. Darin werden die Dialektgedichte von eigenen Übertragungen begleitet.
In den Bergen werden nicht viele Worte gemacht. Das mag ein billiges Vorurteil sein, in der Mundart aber bestätigt sich diese Wortkargheit auf faszinierende Weise. Die Sprache bewahrt hier eine Strenge, Knappheit und Kernigkeit, die den Unterländer Dialekten oft abgeht. Diese passen sich im täglichen Gebrauch gerne einer «Ökonomie des Gaumens» an, wonach sich die Worte an den Ecken abschleifen und zu Kugeln von geschlossenen e- und a-Lauten runden. Es muss schnell gehen beim Sprechen, und je weniger der Mund verzogen wird, umso einfacher redet es sich. Dem widersetzen sich die alpinen Sprachen, zugleich haben sie seit jeher eine sprachurtümliche Form erhalten, die starke kraftvolle Vokale bewahrt. In diesen Gedichten zeigt es sich, etwa in «zittrigi fäkke».

eppädie verliidid
d
gedanke

s uischnuife chuim

und fladerid drvo

mid zittrige fäkke

Die starken ui-Laute in der Mittelzeile verleihen dem Gedicht eine kraftvolle Patina. Vokale wie ui, äi, ää und i prägen den Obwaldner Dialekt. Sie finden im Urner Dialekt ein lebhaftes Echo, wobei sich im Reusstal die ii stärker in die Länge ziehen und aus den ui ein üü wird. Hanspeter Müller-Drossaart weiss bestens mit diesen Eigenheiten zu spielen und mit ihnen seiner Poesie eine unverkennbare Lautung zu geben, die selbst beim unvollkommenen Versuch der lauten Lektüre ihre Kraft behält. Indem der Dichter nahe am Alltag und den Traditionen in den beiden Tälern bleibt, finden seine Worte einen Anklang, den es nur in diesen Mundarten gibt. Urnerisch klingt das beispielsweise so:

zeerscht hüürisch

drvoo de schnaaggisch

uber d selle

In der hochdeutschen Übertragung heisst das:

erst kauerst du davor

dann kriechst du

über die schwelle

Ein kleines Beispiel, das gleich die Krux von solchen Übertragungen kenntlich macht. Kauern klingt vergleichsweise lahm und kommt gegen das «hüürisch» ebenso wenig an wie ein «zusammenklauben» gegen das lautmalterische «zämäramisiäre oder «das blaue tvgeschimmer» im Schatten von «s blaaw färnseegliächt». Der Autor überträgt nicht immer wortgenau, um der Übersetzung etwas Spielraum zu geben. Oft gelingt das gut, doch im Kern behält das Hochdeutsche etwas Blasses und Plaudriges – letztes speziell bei den mundfaulsten Gedichten, beispielsweise im «wintergsprääch»:

äs guxet

hä

äs guxi

die ganz ziit



äbe n äs guxet

ja de ganz ziit

Der Übersetzung ist in diesem Fall zugute zu halten, dass sie uns das «guxen» erklärenderweise als «stürmen» übersetzt.

«chuim uf em blatt / blinzled s schon / uber e sazrand / i d wiiti» beschreibt Hanspeter Müller-Drossaart ein neu geschlüpftes dichterisches Wort. Es ist zufällig wieder erkennbar in Mara Kempters Gedichtband das a das b schrieb.
Auch bei dieser Dichterin gibt es ein «Zwischen den Worten». Das Gegenüber ist indes nicht ein anderes Idiom, sondern der Raum, die Leere, die Wortstille. Die Dichterin und Künstlerin hat in den letzten fünfzehn Jahren eine lyrische Form entwickelt, die Sprache im Raum des Papiers inszeniert. Auf den obigen Vers von Hanspeter Müller-Drossaart antwortet sie:

Mara Kempter formuliert kleine Beobachtungen, Gedanken übers Schreiben, Wortspiele und verleiht ihnen eine Form, die so bezwingend wie subtil und leise ist. Als ein Motto könnte beispielsweise gelten:

Oder:

Es sind filigrane sprachliche Bewegungen, die sie vollzieht und formal ins Bild setzt. Manchmal fällt ihr Witz spontan ins Auge, manchmal behält die knappe Diktion ihr Rätsel für sich und fordert eine zweite, dritte … Lektüre. Auffällig ist nebst dem Lautmalerischen der Hang zum Doppeldeutigen, der ein Wort wie das obige «Satz» gerne von zwei Seiten belichtet und es auf unverhoffte Weise ernst nimmt – ganz entgegen dem üblichen Gebrauch. Ja: «wer sagt denn dass mein schatten nicht mein engel sei».

Alles hat zwei Seiten, und mitunter sind sie schwer auseinander zu halten. «Zweifach Kinder» heisst ein Kapitel in Fabiano Alborghettis Versepos Maiser:

«Maiser» ist 2017 auf Italienisch erschienen und im selben Jahr mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet worden. Fabiano Alborghetti erzählt darin die Geschichte eines Auswanderers aus Mittelitalien, der mit seiner Frau im Tessin Arbeit und eine Zukunft suchte. Bruno und Fermina war das Glück hold – aber was heisst das schon. Die beiden fanden eine Anstellung, die bezahlt wurde, sie bekamen zwei Kinder, die sie sogar in der Schweiz behalten durften, sie konnten sich ein Auto leisten, um damit im Sommer heim ins Dorf zu fahren: alles mit harter redlicher Arbeit verdient. Das Glück fanden sie erst recht in ihren Kindern. Was Maiser auszeichnet ist seine Form. Alborghetti erzählt seine Geschichte in Versen, die von den beiden Übersetzerinnen Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski in ein geschmeidiges, fliessendes Deutsch übertragen worden sind. Er erinnert damit an Les Murrays Fredy Neptune oder an die Versepen von Derek Walcott, die einen verblüffenden Mittelweg zwischen mythischer Höhe und schrecklichen Abgründen gefunden haben. Maiser steht ihnen in nichts nach. Der Versroman manövriert den Gesang von der Auswanderung eines gewöhnlichen Mannes wunderbar zwischen lyrischem Pathos und alltäglicher Entbehrung und Entfremdung hindurch.

Fabiano Alborghetti bringt in seinem Versepos Poesie und Prosa zu einer Einheit, die genau diesen einen Menschen meint und zugleich ein Menschheitsschicksal erzählt. Der Dichter ist ein freundlicher Begleiter seiner Figuren Bruno und Fermina, er lässt sie die soziale Armut zuhause in Italien, die Feindlichkeit gegenüber den Maisern, den Polentafressern und Tschinggen in der Fremde durchstehen, er lässt sie selbst in schwierigen Situationen die Hoffnung bewahren, sei es auch nur mit einer süssen Erinnerung an die toskanische Heimat. Die frei variierten Verse und der musikalische Rhythmus erlauben Verallgemeinerungen und Lücken, die dem Prosaautor in dieser Form vielleicht verboten wären. Und vor allem erlauben sie eine grosszügige Empathie und Empfindsamkeit, die nie störend wirken, sondern eine Geneigtheit verraten, die Bruno und Fermina in ihrem Schwanken zwischen Mut und Verzweiflung verdienen.

Eine Sehnsucht nach der Ferne prägt auch die Gedichte von Dumenic Andry, die neuerdings in einer zweisprachigen Ausgabe, übersetzt von Claire Hauser Pult und Chasper Pult, unter dem Titel sand / sablun auf Deutsch und Rätoromanisch vorliegen. Der im Unterengadin geborene Bergler sehnt sich nach der Weite des Meeres, nach dem Sand der Strände. Er träumt vom Abenteuer des Matrosen, wie im gleichnamigen Gedicht «Mariner»:

der matrose

auf seinem 

papierschiff

kennt nicht

sein ziel

nur sein
verlangen

Andrys Poesie wird geprägt durch ein Hin und Her zwischen Weite und Enge, Ferne und Heimat, der salzigen Luft und der süssen Kirsche, die sich der Matrose in den Mund steckt, wenn er den hohen Mast erklimmt, wie im Gedicht «kirschenzeit». Dem Licht des Meers antwortet der «november in Ramosch» oder der Inn, der «wild» unter der Brücke durchbraust und sogleich wieder Bilder des anderen evoziert:

ich stehe

auf der Düne

mit sand

in den augen

In dieser Doppelbewegung nach Hause und in die Ferne will der Dichter sich zeigen und zugleich wieder verschwinden wie die Spuren des Vogelflugs, die Wellen im Meer oder die Spur im Sand, die sich unter dem anschwappenden Wasserfilm verliert. Allein, der Sand behält die Spur im Gedächtnis. Davon erzählt in knapper Diktion «ich möchte»:

ich möchte

sie sähen mich

wenn sei nur nicht

schauten

In solchem Wünschen, in der Sehnsucht nach der Ferne steckt hinterrücks auch eine Angst vor dem Vergehen: die Vergeblichkeit, die Vanitas.
Dumenic Andrys Lyrik zeichnet sich durch eine ausgesprochen knappe, präzis gesetzte Sprache aus, in den Zeilen stehen ein, zwei, schon selten drei Worte – also ob sie sich offen zeigen und zugleich in der eigenen Nichtigkeit verschwinden wollen. Das ist natürlich ein raffiniertes Spiel, auf das die Leser und Leserinnen gerne mit ihren eigenen Träumen und Bildern hereinfallen.
Dabei darf nicht vergessen gehen, dass Dumenic Andrys Poesie innerhalb der rätoromanischen Literatur auch intertextuell eng vernetzt ist und dies mit feiner, ironischer Diskretion zu bedeuten gibt. In der Nachrede weist Chasper Pult auf den reflektierten, zugleich zurückhaltenden Charakter dieser Poesie hin, wie Andrys es selbst einmal notiert habe: «Kunst vain da Können, art da smart.»
Claire Hauser Pult und Chasper Pult haben eine ähnlich sparsame Sprache gefunden, die dem a-betonten Rätoromanisch, präzis dem Idiom Vallader, eine adäquate deutsche Klangstruktur verleiht. Dumenic Andry ging ihm dabei in Gesprächen hilfreich zur Hand, hat er doch selbst zahlreiche Werke aus dem Deutschen ins Rätoromanische übertragen, unter anderem Walter Benjamin oder Peter Bichsel.
Dumenic Andry ist ein ausgesprochener zurückhaltender Autor, der mit seinem immensen Wissen sehr behutsam umgeht. Hin und wieder aber findet sich in dem Band, wie zufällig eingestreut, dennoch die eine oder andere Bosheit, scheinbar verschämt, doch wohl gesetzt:

gerade oder ungerade

und wenn schon

lahmärsche

gibt es

als zugabe