Vom Schweigen der Sprache

Lyrik-Fokus mit Regina Dürig, Jürg Halter und Katarina Holländer

Approfondimento del 12.04.2021 di Beat Mazenauer

Relativitätspoesie – Jürg Halter: Gemeinsame Sprache (Dörlemann)

«Liebste, welche Sprache / sprechen wir gemeinsam», fragt Jürg Halter in seinem jüngsten Gedichtband, seinem vierten. Er macht gleich die Probe aufs Exempel, indem er sein lyrisches Sprechen weit auffächert und variiert. Die siebzig Gedichte in dem Band beschreiben die ganze Breite vom Dreizeiler bis zum mehrseitigen Rap-Gedicht. Auch motivisch spannt er einen Bogen zwischen Liebe, Traum, Gesellschaftskritik, (finsterer) Zukunft und dem alles umschliessenden Kosmos, der womöglich von einem Gott ausgelöst worden ist, ohne Netz und doppelten Boden. «Und wenn es schiefläuft?», fragt dieser Gott zweifelnd.

Es ist der Mensch, der darauf eine Antwort zu suchen hat. Ein schwieriges und in diesen Gedichten oft zwiespältiges Unterfangen, dem Jürg Halter mit seiner Hoffnung trotzt:

Wir leben vermutlich zum ersten Mal

Wie soll das alles auf Anhieb klappen?

Er scheut sich also weder davor, in die Gedankenwelt Gottes hochzusteigen noch seine eigenen Untiefen auszuloten. Diese Spannweite versucht er zu beherrschen, indem er immer wieder das Widersprüchliche, Ambivalente, Aporetische herausstellt und Gegensätze pflegt, um den «diversen Wirklichkeiten» ebenso Rechnung zu tragen wie den eigenen mehrfachen Identitäten. Jürg Halters Lyrik ringt permanent gegen widerstreitende Tendenzen: die Angst vor Zersplitterung und den Traum vom Beisammensein. Gerade hierin geht es ihm um eine gemeinsame Sprache, mit der sich zwei Individuen verständigen, die je in ihrem Aquarium leben, zwischen sich eine Glaswand: «Sauerstoffbläschen bilden / sich zu Worten».

Da ist alles «nicht verrückt, ist Relativitätspoesie», rettet sich das lyrische Ich. Jürg Halters Gedichte verraten eine grosse formale wie sprachliche Variabilität. Der Dichter gibt sich immer wieder auch betont unpoetisch und spricht gewöhnliche Dinge an, handkehrum scheut er auch nicht vor einem pathetischen Ton zurück, wenn er einem Bild Kraft verleihen will. Beides gelingt ihm mit schöner Regelmässigkeit. Wie treffend ist das «tolstoisierte» Bild eines Lesers, der seine Bettlektüre mit in seine Träume nimmt («Sein Zimmer»); wie surreal gleich anschliessend ein «Neues Ritual», in dem ein Mann mit Brummschädel angezogen und «verhandlungsbereit / aus der laufenden Dusche» steigt. Und wie wehmütig präsentiert sich dieses Bild in «Ohne Ende»:

(…) – die linke Hand

der Nacht dreht eine junge Frau gegen

den Uhrzeigersinn in einen Zustand
in dem sie für ihre Trauer

weder Worte noch Gesten findet.

Es ist allerdings nicht zu verhehlen, dass sich der Gestus des Dichters in diesem Band mitunter auch etwas ver- und überspannt. Jürg Halter gibt – selbst im Wissen darum, dass der Papierkorb die besten Ideen auffängt – ab und an einem losen Einfall nach, oder greift zu grossen Worten, die tönern klingen, vorab wenn er die digitalen Süchte unserer Gesellschaft kritisiert oder emphatisch die globale Öko-Katastrophe anruft. Doch fast immer weiss er sich daraus herauszuwinden, indem er einen Kontrapunkt setzt oder eine neue Ebene aufschliesst, beispielsweise in «Parallelflüchtende»:

Auf der monatelangen Flucht über Land und Wasser

sehen Flüchtende am Himmel Flugzeuge – 

Steuerflüchtende kehren vom verdienten Urlaub heim.

Ich blicke vom Bildschirm auf.

Es gelingt ihm, seiner Lyrik immer wieder etwas Linkisches einzubeschreiben, das nicht ganz stimmig klingt und gerade deshalb ein Kalkül verrät. Er spielt mit vielen Facetten, möchte aber keiner ganz erliegen. Im furiosen abschliessenden Langgedicht «Wenn die Worte aufgebraucht sind» bringt er diese Poesie zur Vollendung, indem er dabei an seine Rap-Tradition als Kutti MC anschliesst. Wunderbar biegsam rhythmisiert und durch ein wiederkehrendes «Nie mehr wieder / Immer wieder» interpunktiert führt er hier seine Motive zusammen: Liebe, Einsamkeit, Party und eine Zukunft, die «im Rückspiegel winkt».

Mit vielen Worten wenig sagen, mit wenig Worten …

… und plötzlich sind sie aufgebraucht.

Allein, geben wir uns noch eine Chance: «Wie soll das alles auf Anhieb klappen?»

Stein und Schrift – Katarina Holländer: Wurzelwerk (Telegramme)

Unter dem Titel «Wurzelwerk» legt Katarina Holländer ein literarisches Debüt vor, in dem Gedichte und lyrische Prosatexte aus mehreren Jahrzehnten versammelt sind. Letztere stehen in einem zweiten Teil, dessen Untertitel ein Schlüsselwort für den ganzen Band bereit hält. «Nigunim» respektive «Nigun» in der Einzahl ist ein hebräischer Ausdruck für Melodie. Ein Nigun ist ein spiritueller chassidischer Sprechgesang, der an Stelle von bedeutungstragenden Worten gerne Nonsense-Silben wie «bam-bam-bam» setzt. Diese Form des Sprechens ist der lyrischen Prosa von Katarina Holländer eingeschrieben.

Der dazugehörige Zyklus «Nach Prag» umfasst 23 «Begegnungen» mit Personen, die jeweils mit ihren Initialen benannt werden. Für diese Begegnungen bedient sich die Autorin einer «dunklen Sprache», wie es einmal heisst – einer Sprache, die sich mantraartig wiederholt und so einen Hallraum erzeugt, in dem konkrete Themen und Begebenheiten benannt werden, doch zugleich elliptisch rätselhaft bleiben. Familie und Herkunft spielen eine Rolle, «unsere jüdischen Vorfahren», oder das kollektive Erinnern: «Überall diese Angst vor der Geometrie», heisst es einmal, und eine Begegnung später schält sich Buchenwald aus dem Nebel, daneben Pflastersteine, Staubwolken. Die Texte umfassen jeweils eine bis zweieinhalb Seiten, mit meist kurzen Sätzen, die absatzlos und dicht gefügt sind. Sie klingen oft wie Gebete oder Beschwörungen, die Aussenstehenden erst einmal als nachhallender Singsang – Nigunim – erscheinen mögen, um allmählich doch Konkretes, Sinnhaftes preiszugeben. Das lyrische Ich lässt «einen Axthieb Vergangenheit in die Fasern des Stammes sausen, dass er aufschreit», sie ruft mit Begriffen wie «Menschentransport» oder «Kommando» eine ganz konkrete, leidvolle Vergangenheit auf, die sich noch immer nur schwer begreifen lässt. «Wir stehen auf dem Wort» heisst es einmal so präzise wie bildhaft.

Die Begegnungen bleiben aber immer gegenwärtig und zeitgemäss, es geht in ihnen auch um das Reisen oder die Liebe, die mal fehl geht, mal glückt. Grundlegend bleibt der leicht elegische Ton, «es küssen sich alte Hymnen in ihnen, bodenlos sind die Obertöne». Die zweitletzte der Begegnungen ist eine der wenigen, deren Initialen E. M. womöglich aufgeschlüsselt werden können. Im Nachwort dankt die Autorin dem Komponisten Ermanno Maggini (1931-91), «der mich früh las und förderte». Die Begegnung mit ihm ist nicht ganz zufällig eine der berührendsten; die Trauer über seinen Tod: «Die Tonleiter zerspringt in der Mitte».

Magginis Tessiner Heimatort Intragna ist auch ein kurzer Gedichtzyklus im ersten Teil von Wurzelwerk gewidmet.

Stege der Zither.

Andante, die Hände, stumm,

greifen einander, sie ziehn

über den Abgrund der Laute

staunend erschaut –

Die Musik tönt hier an, im Einklang mit den Abgründen, die sich an der Gabelung zum Centovalli- und Onserononetal in zerklüfteten Flussbetten und übergreifenden Brücken manifestiert. Doch letztere verbinden erst abends, tagsüber stehen sie für Trennung, «für Heimat über dem Abgrund / den der Kehrende nie / mehr überquert».

Katarina Holländers Gedichte gleichen ihrer lyrischen Prosa in dem Punkt, dass die Autorin nicht auf ein voreiliges Einverständnis mit den Lesenden schielt.

(...) – Wiegen wir 

Wörtchen, ein Wörtchen, her und hin

leer und Sinn, wie Diebe, allein.

Ein signifikantes Kennzeichen ist die widersprüchliche Verklammerung, das Spiel mit Gegensätzen. «Kerzen / schwärzen / das Licht / Lesen / was fehlt / im Stein: Schrift.» Von der Lichtspenderin bleibt allein der Rauch, von der Schrift eine unleserliche Spur im Stein. Katarina Holländers Metaphorik bleibt dunkel, zuweilen irritierend und hin und wieder auch ein wenig stumpf. Ihre Hall- und Klangräume wirken hin und wieder etwas zu luftig, zu hoch und zu weit – oder gewendet: weniger zwingend als in der späteren lyrischen Prosa. So gesehen lässt sich vielleicht eine Entwicklung von diesen früheren Gedichten zu den gebundenen, absatzlosen «Begegnungen» verfolgen, worin Bild und Inhalt sich oft lose aufeinander beziehen, die dennoch eine kompakte Erfahrungswelt spürbar werden lassen.

Angst und Scham – Regina Dürig: Federn lassen (Droschl)

«Novelle» nennt Regina Dürig im Untertitel ihren Band Federn lassen. Der lose Flattersatz lässt indes schnell erahnen, dass die Autorin damit nicht die klassische Novellendefinition meint. Sie zielt vorab auf den durch Goethe benannten Kern «einer sich ereigneten unerhörten Begebenheit» ab. Darum geht es in diesen 36 Kapiteln oder kurzen Szenen, die in inständiger Wiederholung um dasselbe Thema kreisen. Regina Dürig benennt es unumwunden im drittletzten Text mit einem Vorwurf der Erzählerin an sich selbst:

du antwortest und verschweigst

das Thema Übergriffe

weil du (…)

nicht erklären magst dass

du keine Anklage willst oder

Verweise auf Beschädigung

sondern einfach nur

aufwecken hinschauen

Federn lassen ist eine ebenso poetische wie ungeschminkte Aneinanderreihung von Situationen, die ein Frauenleben von Kindheit an abwehren, hinnehmen, über sich ergehen lassen muss. In meist zwei- bis vierseitigen lose flatternden Texten, die eine lyrische Struktur verraten, erzählt Regina Dürig, wie das Kind mit vier beim Essen und Spielen in Nöte gerät, die Jugendliche sich in der Pubertät der neugierigen Zudringlichkeit der Schulkameraden erwehren muss, Nötigungen einbegriffen, die junge Frau sich immer wieder erzwungenen Missverständnissen ausgesetzt sieht und als Erwachsene schliesslich von all dem genug hat und das Thema zur Sprache bringen muss. Allein, im letzten Kapitel «Q & A» erweist sich die Sprachlosigkeit noch immer als «ein Riss zwischen Decke und Wand», in der die Wahrheit schier lautlos verschwindet.

Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat von Audre Lorde: «Your silence will not protect you.» Dieser Stille, diesem Verschweigen versucht Regina Dürig zu trotzen. Die Stille schützt nicht – und dennoch hilft sie, wenn es ums exakte Erinnern geht, wie dieses Buch demonstriert. Seine Beschreibungen sind gleichermassen konkret und deutlich wie diskret und verschwiegen. Die poetische Andeutung, die lyrische Leerstelle hilft dabei, die schmerzhaften, demütigenden, schamvollen Begebenheiten auf Papier festzuhalten. Die Erzählerin plaudert nichts unbedacht und lose aus, sondern wählt ihre Worte mit grösstem Bedacht, eingedenk all der Scham, Unsicherheit, Beengtheit, Unfreiheit oder Einsamkeit, um die es hier geht. Das Kind von vier, fünf Jahren fühlt sich so einsam wie die junge Frau, wenn es bedrängt oder sie angemacht wird. Nettes Betragen führt schnell zu einem falsch verstandenen Einverständnis, wie es die realen Genderverhältnisse offenbar ungesagt zulassen. Dabei bleibt die Scham stets allein, selbst noch die ungeschminkte Frage in «Q & A»: «have you been raped» wird mit einem kopfschüttelnden «No» erwidert. Das Mädchen, die Frau weiss, dass nicht einmal Freundinnen etwas anderes hören wollen. Der Eingangstext umreisst die Situation mit einem Bild der Ohnmacht: Das erzählende Ich geht mit Nino, der nachtblind ist und zwei zusammengeflickte Hände hat, durch einen finsteren Wald. Als es im schatten die Bewegung eines Menschen zu erkennen glaubt, kriecht Angst in ihr hoch. Erst als sie und Nino den Wald verlassen haben, fragt sie sich, ob dieser Schatten nicht vielleicht Hilfe gebraucht hätte. Angst besiegt Sorge, weil es

war da nur Weglaufen in dir

in deine eigene Sicherheit

ein Schwachsein statt Menschsein

Regina Dürigs Texte sind düster und zugleich auf eigene Weise hell und anmutig und schön. Die fein rhythmisierte Form mit ihren oft eigenwilligen Zeilenumbrüchen behauptet einen Eigensinn, der das Geschilderte letztlich doch überwindet. Nebst Scham und Angst und Einsamkeit steckt darin auch eine leise Wut, die gegen Ende hin immer offenkundiger wird. Regina Dürig beschreibt nicht das ganze Leben – es gibt zwischen diesen Szenen mit Sicherheit viele andere, befreiende Erlebnisse –, doch alle Kinder, Mädchen, Frauen kennen diesen Strang an schamvoll demütigenden Erfahrungen, die eine «hartnäckig patriarchale» Welt für sie bereit hält. Dürig filetiert ihn in diesem so zurückhaltenden wie anmutigen Text heraus und macht sie sichtbar.