Thomas Duarte: Was der Fall ist: Studer/Ganz-Preis 2020

Laudatio des Jurors Manfred Koch

Approfondimento del 04.10.2021 di Manfred Koch

Kurz nach Mitternacht, zur Geisterstunde also, erscheint ein Mann, dessen Namen wir nie erfahren werden, in einem Polizeirevier und erzählt dem wachhabenden Beamten die Geschichte seiner – hier stockt der Laudator bereits. Die Geschichte seiner Liebesbeziehung mit der Putzfrau Mira? Die Geschichte seines Verrats an Mira, die er nämlich – mit dieser Erzählung gegenüber einem Polizisten – de facto anzeigt, weil sie keine «Aufenthaltsbewilligung» hat? Aber «Liebe» und «Verrat» – das sind grosse Pathoswörter und solche Wörter liessen Sie, liebe Zuhörer, darauf schliessen, dass es sich bei Thomas Duartes Was der Fall ist um einen tragischen Liebesroman handelt. Davon kann keine Rede sein. Zur tragischen Liebesgeschichte gehören leidenschaftliche Menschen, die entschlossen, um ihrer hohen Ziele willen, handeln und am Ende an diesen hohen Bestrebungen scheitern. Duartes Figuren hingegen – v.a. der namenlose Ich-Erzähler – sind skurrile Käuze, die eher durch die Welt stolpern, zufällig aneinander und auch wieder auseinander geraten und bei alledem nicht recht wissen, was ihnen da geschieht und warum dies alles geschieht. Wir haben es, kurz gesagt, mit einem philosophischen Roman zu tun. Allerdings gewiss nicht mit einem Exemplar dieser Gattung, das uns aufdringlich, mit schwerem Begriffsgepäck, zum Brüten bringen will. Nein, Thomas Duarte hat einen philosophischen Roman der wunderbar leichten Art vorgelegt, voller Witz und Einfallsreichtum im Umspielen der grossen Menschheitsfragen, mit denen sich die Philosophie der Neuzeit schon seit einigen Jahrhunderten herumschlägt.

Nehmen wir gleich den Anfang: «Die Polizei hat mich aufgefordert, darüber Bericht zu erstatten, warum ich unsere Putzfrau in meinem Zimmer untergebracht hatte.» So lautet der erste Satz des Romans, der uns im folgenden als eben dieser «Rechenschaftsbericht» vorgestellt wird. Aber es geht, wie wir bald merken, um mehr als die Suche nach einem Grund für die Unterbringung der Putzfrau. Es geht um die Suche nach einem Grund überhaupt, nicht die Einzelbegründungen für einzelne menschliche Handlungen also, sondern die Frage, warum und zu welchem Zweck wir überhaupt da sind. Sprich: es geht um nicht weniger als den sinnhaften Grund unserer Existenz, der früher durch einen überweltlichen Gott garantiert war, mit dem Beginn der Moderne aber zunehmend in Verdacht geriet, sich zu verflüchtigen. Schon im frühen 18. Jahrhundert wurde der gute alte christliche Gott aufgefordert, doch bitte Rechenschaft zu geben, warum er diese Welt mit all ihren Übeln überhaupt geschaffen habe. Das nannte man mit dem Fachbegriff «Theodizee», die Rechtfertigung Gottes. Gott wurde also förmlich auf die Anklagebank gesetzt, hatte aber das Glück, einen brillanten Anwalt namens Gottfried Wilhelm Leibniz zu finden, der dem hohen Gericht bewies, dass die Schöpfung letztlich doch ganz gut gelungen und unser Leben in ihr sinnvoll sei. Freispruch also für den lieben Gott! Aber die Zweifel waren nicht mehr auszuräumen, und Leibniz selbst formulierte eine Frage, die antiken und mittelalterlichen Denkern niemals eingefallen wäre. Es ist ein Satz, der einen beängstigenden Abgrund von Sinn-Leere aufreisst: «Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?»

Dieses Rechenschaft-Ablegen, das uns zu der wenig erfreulichen Auskunft nötigen kann, dass wir womöglich grundlos existieren in einer Welt, die es eigentlich auch nicht unbedingt bräuchte, bildet sozusagen die Hintergrundmusik von Thomas Duartes Roman. Und ich betone beide Bestandteile dieses Kompositums: Hintergrund und Musik. Denn die grossen philosophischen Fragen werden hier nur wie im Berühren eines Glockenspiels angeschlagen und schwingen zart tönend im Vollzug der Vordergrundshandlung mit. Exemplarisch dafür kann man einen Dialog vom Anfang nehmen, in dem der Polizist herauskriegen will, warum dieser merkwürdige Mann bei ihm gelandet ist:

Eine Schlägerei?, sagte er und mass mich mit seinem Blick. Es klang eher zweifelnd.
Nein, sagte ich, ich habe nur nach etwas gesucht.
Sie haben etwas verloren, sagte er.

Der Polizist fragt nicht, was sein Gegenüber verloren hat, er konstatiert, dass er etwas verloren hat. Was genau gesucht wird und was verlorengegangen ist, darüber äussern sich beide nicht. Aber in der weiteren Lektüre wird dem Leser zunehmend klar, dass der nächtliche Besucher nach einem Grund seiner Existenz sucht. Das ist eine Suche, deren Beschwernis umgangssprachlich oft auch ausgedrückt wird in der Frage: «Was habe ich hier verloren?» Hier, auf dieser Welt überhaupt?

Wer sich auf so unsicherem Boden bewegt, in einer Art «Seekrankheit auf festem Lande», wie Kafka das genannt hat, dem ist nicht zumute nach entschlossener Weltgestaltung, er will nicht dauernd – abermals Kafka – «mit zwanzig Händen in die Welt hineinfahren». Und so ist unser Ich-Erzähler weiss Gott kein aktiver Willensmensch, sondern eher ein Freund des Lebens im Verborgenen. Das verdeutlicht Thomas Duarte herrlich in der Raum-Gestaltung seines Romans:
«Es gibt da ein Zimmer, in dem ich wohne», erklärt der Erzähler dem Polizisten, «ein Hinterzimmer genaugenommen, fensterlos, mit einem schmalen Bett.» Später kommen weitere Details hinzu: «schlauchförmig» ist das Zimmer, neben dem Bett fasst es immerhin noch einen Tisch und einen Stuhl, weiterhin ein Regalbrett, belegt mit «drei Büchern», einer Schachtel, die Papiere, Schreib- und Nähzeug enthält, sowie «zwei Ersatzglühbirnen». Nicht zu vergessen «drei kleine Bilder» im letzten Winkel an der hinteren Wand, die von einem ominösen «Vormieter» stammen und das Schmuckstück dieser Höhle bilden. Ganz sachlich, ohne jedes Lamento, als sei es die normalste Sache der Welt, so zu wohnen, unterbreitet der Ich-Erzähler dem Polizisten dieses Stillleben der Trostlosigkeit. Man kann an diesem Beispiel eine hohe Qualität von Thomas Duartes Schreiben verdeutlichen: seinen Sinn für Details, deren Arrangement das eigentlich deprimierende Umfeld des Protagonisten ins Surreale, Absurde, Komische kippen lässt. Spätestens hier, mit dem Auftritt der zwei Ersatzglühbirnen und der drei kleinen Bilder des Vormieters, hatte dieser Roman mein Jurorenherz erobert. Und zu meiner Freude bestätigte er seine Kunst der Kleinigkeiten in seinem weiteren Verlauf. Ich sage nur: es gibt ein Liebesanbahnungsmahl im Zeichen von «Bier, Büchsenbohnen, Fleischbällchen, dazu Papierservietten mit einem farbigen Blumenmuster».

Wunderbar surreal ist dann auch die Einbettung dieser Hinterzimmerexistenz in den übergreifenden Plot des Romans. Der Ich-Erzähler ist Angestellter eines «Hilfswerks», das zuständig ist für «die Gewährung finanzieller Unterstützung an Gesuchstellende in aller Welt auf Anfrage». Das Hinterzimmer ist sozusagen sein Privatraum neben dem Büro, in dem er die eingehenden Gesuche ordnet, er haust also im Geschäft. Zwangsläufig kommt einem hier der berühmteste Bürobewohner der Weltliteratur in den Sinn: Hermann Melvilles Bartleby, der scheue Schreiber in einer New Yorker Anwaltskanzlei, der eines Tages beginnt, jeden Arbeitsauftrag von sich zu weisen (mit der höflichen Formel «I would prefer not to...»), sich gleichzeitig aber im Büro einnistet, ja, einer Zimmerpflanze ähnlich, förmlich mit ihm verwächst. Nun ist unser Ich-Erzähler kein totaler Arbeitsverweigerer wie Bartleby. Er bearbeitet ja die Unterstützungsgesuche. Aber das gibt ihm, wie er gleich am Anfang erklärt, «nicht viel zu tun», weil es immer weniger Anträge werden. Und zudem stellt sich diese Arbeit als immer sinnloser heraus, weil die Gesuche über ein kompliziertes Agentensystem vermittelt werden, bei dem am Ende nicht klar ist, wie es um die Wahrheit der geschilderten Notlage steht, wer eigentlich von den Hilfsleistungen profitiert, nach welchen Kriterien sie vergeben werden.

Wenn wir eingangs erfahren, dass der Chef des Ich-Erzählers, ein schräger Vogel namens Franz (und wohl ein Alter Ego des Ich-Erzählers), ein «Buch über den Zustand der Welt» schreibt, sehen wir uns wieder auf die Fährte der Philosophie gesetzt. Und tatsächlich geht es hier ums Ganze, wenn auch – ich betone es noch einmal – in denkbar leichtfüssiger Manier. Der Ich-Erzähler hat nämlich aus den vielen Fällen, die er zu bearbeiten hatte, eine «Übersichtsgrafik» erstellt, die – so erläutert er es der Putzfrau – «ein Abbild der Welt über einen Zeitraum von 25 Jahren hinweg» gibt. Hinter jedem Punkt dieser Grafik, heisst es weiter, «steckt ein Fall, hinter jedem Fall steckt eine eigene Welt, ein ganzer Kosmos von Fällen und Leuten und Beziehungen, ein ganzes eigenes Universum». Das ist die Stelle, die am deutlichsten den Titel des Romans erklärt und ihn als Zitat eines berühmten philosophischen Satzes ausweist: «Die Welt ist alles, was der Fall ist.» So lautet der erste Satz von Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus, dem am Ende des Werks der noch berühmtere Schlussatz antwortet: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.»

Der erste Satz des Tractatus liesse sich folgendermassen umschreiben: In streng wissenschaftlicher Einstellung ist die Welt die Gesamtheit dessen, was wir als Tatsachen überprüfbar von ihr behaupten können. Wenn ich sage, dieser Tisch dort drüben ist 1.50 m lange und 60 cm breit, dann konstatiere ich, wie die Logiker sagen, einen Sachverhalt, von dem ich behaupte, dass er wahr ist. Man kann den Satz auch so formulieren: Es ist der Fall, dass dieser Tisch 1.50 lang und 60 breit ist. In dem «es ist der Fall» steckt der Wahrheitsanspruch, jeder einfache Aussagesatz, den wir äussern, hat eigentlich diese Es-ist-der-Fall-Struktur, erhebt diesen Wahrheitsanspruch. Ob es wirklich der Fall ist, lässt sich in meinem Beispiel durch Nachmessen des Tischs erweisen, trifft es zu, habe ich demnach einen wahren Urteilssatz gesprochen. In einer rein rationalen Einstellung, die nur empirisch begründbare Aussagen über die Welt als wahr gelten lässt, ist die Welt, über die wir uns sinnvoll äussern können, dann tatsächlich nichts anderes als das Gesamt dieser wissenschaftlich seriösen Aussagen.

Wittgenstein galt aufgrund solch schneidend scharfer Sätze bald als Begründer eines seelenlosen Positivismus. Dabei hat er selbst keinen Zweifel daran gelassen, dass die wissenschaftlich festgestellte Welt in seinen Augen nicht einmal ansatzweise an das heranreicht, worauf es uns in unserem In-der-Welt-Sein ankommt. Unsere Sinnbedürfnisse werden davon nämlich gar nicht berührt. Wittgenstein spielt mit der Mehrdeutigkeit und der religiösen Tradition des Wortes «Fall», vor allem mit der biblischen Geschichte vom Sündenfall. Pointiert gesagt: eine Welt, die nur aus Tatsachen besteht, ist eine gefallene, weil sinnlose Welt.

Ich begnüge mich mit diesen Hinweisen, um nicht als Laudator Ihnen, liebe Zuhörer, den säuerlichen Denkschweiss auf die Stirn zu treiben, von dem Sie der Roman glücklicherweise nichts spüren lässt. Aber ich würde mich freuen, wenn ich Sie auf eine Lesespur gesetzt hätte, die in meinen Augen ein wesentlicher Faktor für das grosse Vergnügen an Duartes Erzählung ist. Achten Sie also, wenn Sie den Roman lesen (vielleicht sogar schon zum zweiten Mal) auf das feinsinnige Spiel, das der Autor mit dem Wortfeld «Fall» betreibt: vom – wie gesehen – wittgensteinschen Wahrheits-Fall der Sachverhalte über den Sündenfall, die Hilfsgesuchsfälle (die ja letztlich Kranken- bzw. Notfälle sind, als Tatsachen also gar nicht zu erfassen) bis hin zum unvermeidlichen Zu-fall, der unser Leben aller Rationalisierung zum Trotz weiterhin entscheidend bestimmt. Das kann bis zum Wortspielerischen gehen, wenn wir z.B. erfahren, was für den Chef des Hilfswerks ausschlaggebend ist, um über ein Hilfsgesuch positiv zu entscheiden: ganz einfach, dass «der Fall gefällt». Bei allem witzigen Spiel begreifen wir aber doch den Ernst, der unausgesprochen hinter der Geschichte steht. Thomas Duartes Roman lässt uns ahnen, dass eine immer weiter rationalisierte, vermessene, mathematisierte, digitalisierte Welt, in der – nebenbei bemerkt – durch permanente Innovation alles Neuproduzierte sofort wieder Ab-fall wird, dass eine solche Welt durchaus als ein einziger grosser Unglücks-fall angesehen werden kann. Solche Einsichten – und wie mit ihnen am besten umzugehen ist – kann Literatur besser, nachhaltiger vermitteln als zeitkritische Anklageschriften.

Im Namen der Jury gratuliere ich Ihnen, lieber Herr Duarte, ganz herzlich zum Gewinn des Studer-Ganz-Preises 2020. Und ich kann mir nicht verkneifen hinzuzufügen: Wir würden uns ausnehmend freuen, wenn dieses Jahr noch ein weiterer, in Aussicht stehender Preis dazukäme! Dieser Roman hätte ihn verdient.