Geschichten aus dem Dorf: Neue Schweizer Debüts

Claudia Walder, Rebekka Salm, Thomas Pfenninger, Noemi Somalvico

Approfondimento del 31.05.2022 di Beat Mazenauer

Claudia Walder: Bruchpiloten (Verlag Die Brotsuppe)

Ein Flugzeug zerschellt am Berg oberhalb des Dorfs und versetzt die Bewohner und Bewohnerinnen in Aufregung. Die Männer eilen herbei, um den Piloten zu bergen, die Frauen schauen zu. Eine von ihnen bereitet in ihrem Haus alles vor, um den Schwerverletzten bei sich aufzunehmen. Die nächsten Tage wird sich die Aufmerksamkeit im Dorf um den Piloten ranken und um sein gelbes Flugzeug, dessen Überreste in der Scheune stehen.

Claudia Walders Debütoman spielt in einer bekannten Szenerie: das karge bäuerliche Leben in den Bergen, in die unverhofft die Moderne in Form eines Flugpioniers hereinbricht. Das erinnert an traditionelle Dorf- und Familiengeschichten. Hinter dieser Oberfläche wird allerdings schnell eine zweite Ebene spürbar. Die Autorin verwebt das spektakuläre Ereignis mit einer grossen, ungestillten Sehnsucht, welche die Protagonistin auf einmal befängt. Der Pilot, der zur Erde fällt, lenkt ihren Blick unweigerlich dahin, wo er herkommt: in den Himmel, über den engen Horizont hinaus. «Der Pilot träumt vom Fliegen. Vom Fliegen träumt der Pilot.» So setzt das schmale Buch ein. Der Pilot liegt komatös im Bett, das von der Protagonistin bewacht wird. Während der bäuerliche Betrieb ringsum weitergeht, alle in der Familie ihre Aufgaben erfüllen, schaut sie zu ihm, schaut ihm zu und beginnt seine Träume zu teilen. «Der Pilot träumt vom Fliegen, vom Fliegen träumt die Mutter», variiert die Erzählung den Refrain schon bald einmal. Dabei bleibt es: Der Traum vom Fliegen entfernt die Mutter innerlich von ihrem Mann und ihren vier Kindern. Aber sie weiss, dass sie die Familie nie verlassen würde, weil sie sie alle auch liebt. Sehnsucht und Geborgenheit halten sich die Waage.

Wie der Pilot dann aufwacht und und schliesslich abtransportiert wird, zerbricht dieses Gleichgewicht. Aber das Leben geht immer weiter, die Hühner müssen gefüttert, das Vieh auf die Alp getrieben werden, die Kinder werden grösser, verlassen das Haus, verheiraten sich. Solange hält die Pflicht der Sehnsucht stand – dann obsiegt letztere doch.

Es ist im Grunde nur ein Pilot, der bruchlandet, doch mit ihm gerät das häusliche Leben sanft aus der Balance. Der Pilot selber bringt es später, wie er aus dem Koma aufgewacht ist, auf den Punkt: «Wir sind alle Bruchpiloten.» Das ist tröstlich und desillusionierend zugleich. Die Mutter aber, ihre Kinder und schliesslich ihr Mann machen das Beste daraus und geben ihrer Sehnsucht freien Raum. Claudia Walder gelingt es, diese ganz und gar unspektakuläre Geschichte mit einer Schlichtheit und Reife zu erzählen, die schnell darüber hinwegtäuscht, dass es sich um eine einfache Begebenheit aus vergangener Zeit handelt. Es geht ums Ganze, steht zwischen den Zeilen: um das Sehnen und das Pflichtbewusstsein. Und um ihr Gleichgewicht. Das ist überzeugend schön erzählt, mit einem leichten Zug ins Märchenhafte, in dem das Exemplarische steckt. Wie halten wir es mit unseren Träumen?

Es gibt Hoffnung überall. Das geheime Zentrum und eigentliche Faszinosum dieses Buches ist aber vielleicht ein anderes – eine wahrhaftige Utopie: Die Menschen hier gönnen einander von Herzen die Träume vom Fliegen und Wegsein, auch wenn sie zuhause bleiben. Wo gibt es das schon? Hier, in dieser unaufgeregten Geschichte von den Bruchpiloten des Lebens, die nach ihren Niederlagen wieder aufstehen und den Himmel suchen. Es kann schon schiefgehen, doch es muss nicht.

Rebekka Salm: Die Dinge beim Namen (Knapp Verlag)

Das Gute am Dorfleben ist, dass jeder auf jeden aufpasst: soziale Kontrolle. Das heisst aber auch, dass alle alles voneinander wissen, auch wenn niemand darüber spricht. Um diesen Kern dreht sich Rebekka Salms Roman Die Dinge beim Namen. Dieser Kern ist klar lokalisierbar. Es ist nur oberflächlich ein Geheimnis, dass im Februar 1984, nach dem jährlichen Unterhaltungsabend, die Sandra von Max … Ab hier gehen die Interpretationen des Ereignisses auseinander. Auf jeden Fall haben die beiden kurz danach geheiratet und neun Monate später kam ihr Sohn Roland zur Welt. Die Zweckehe hielt, mehr schlecht als recht. Es wurde nicht mehr darüber gesprochen. Im Dorf passen alle aufeinander auf. Und geschieht doch, was nicht geschehen sollte, so wird es verschwiegen. Es wissen es eh alle.

In der Form eines Reigens bringt Rebekka Salm etwas Licht ins dunkle Geschehen vor dreissig Jahren. Auch sie nennt die Dinge nicht beim Namen, sie lässt aber doch eindeutige Schlüsse zu. Dass die alte Wunde wieder geöffnet wird, daran hat der Vollenweider Schuld. Weil er nicht vergessen kann, schreibt er die Geschichte auf und schickt sie an einen Verlag. Auch davon erfährt das Dorf und der Vollenweider bekommt seine Abreibung. Nach und nach lenkt Rebekka Salm das Interesse auf die anderen Dörfler. Der tumbe Freddy, Vollenweiders Nachbar, hört draussen etwas rumoren. Später sitzt Roland an Sandras Geburtstag neben ihm. Auch Melanie ist bei dem Anlass zugegen und so weiter. Die Erzählung führt hinüber zum alten Lysser, zu Tschudin, Max und Beat – bis Sandra schliesslich, um die sich die Dorferinnerung ja dreht, dem Ganzen eine Wendung verleiht.

Rebekka Salm orchestriert ihren Roman mit gutem Gespür für die Dramaturgie dieses dörflichen Chors. Sie plaudert nichts vorschnell aus, sondern offenbart nach und nach das enge Beziehungsgeflecht zwischen den Personen. So bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten, schön ausbalanciert zwischen Tragik und Komik. Diese Geschlossenheit hat indes auch etwas Verräterisches und bildet eine leise Schwachstelle in diesem Buch. Über dreissig Jahre hinweg sei alles gleich geblieben, erzählt es; niemand habe sich davon gemacht. Alle richteten sich ein, ohne einem Traum oder einer Sehnsucht nachzugeben. Es scheint im Dorf kein Glück zu geben, keine echte Freude und schon gar kein Aufbegehren. Vielleicht aber hat Rebekka Salm so die Dinge doch etwas zu einfach arrangiert. Dennoch darf ihrem Roman zugute gehalten werden, dass er das unglückliche Bewusstsein ihrer Figuren anschaulich und mit Witz einfängt.

Thomas Pfenninger: Gleich, später, morgen (Kommode Verlag)

Im kleinen Dorf ist alles Nachbarschaft. Ganz anders verhält es sich in der unübersichtlichen Stadt – liesse sich glauben. Doch dieser Eindruck trügt, wie Thomas Pfenninger erzählt. Das Quartier am Stadtrand kann schnell auch dörflichen Charakter annehmen. Sein namenloser Protagonist ist ein Briefträger, der in seinem Rayon am Fuss des Zürcher Üetlibergs freundlich und verlässlich die Post austrägt – meistens verlässlich, wäre zu ergänzen. Der Briefträger neigt hin und wieder zu Sentimentalitäten und Träumereien und lässt sich daher zu Schummeleien hinreissen, indem er nicht jeden Brief austrägt. Er überlegt sich ein wenig allzu intensiv, ob eine Post einem Adressaten zuzumuten sei. Das ist menschlich schön gedacht, betrieblich aber hochproblematisch. Bald beginnt deshalb auch ein Gemunkel und Gerede, das die Dinge nicht vereinfacht.

In seinem Romandebüt zeichnet Thomas Pfenninger das Bild einer freundlichen Nachbarschaft am Rande der Stadt, in der die Gesetze des Dorfes gelten. Wir schreiben das Jahr 1991, der Platzspitz erschreckt die Menschen auch im Quartier, vor allem, wenn einer aus der Szene hier unvermittelt auftaucht und die vertrauliche Nähe stört. Dies betrifft auch den Briefträger, der mehr und mehr seine Position als neutraler Überbringer von Postsendungen aufgibt. Aus Mitgefühl setzt er sich über die ehernen Prinzipien seines Berufs, über «Zuverlässigkeit, Moral und Disziplin» hinweg. Pfenninger zeichnet diesen Prozess mit Wärme und einem Schuss Naivität und Sentimentalität, was dem Buch nicht immer gut ansteht. Das bestätigt sich auch stilistisch und kompositorisch. Manche Formulierungen klingen allzu versöhnlich und harmonisch. Andererseits gelingt es dem Autor, mittels der sich häufenden Schummeleien des Briefträgers das Geschehen mit Spannung aufzuladen, weil dem Briefträger das Ganze allmählich, «über den Kopf gewachsen war». Doch das Gute an der Nachbarschaft ist, dass sie derlei solidarisch auszuhalten vermag.

Noemi Somalvico: Ist hier das Jenseits, fragt Schwein (Voland & Quist)

Auch Noemi Somalvico erzählt in ihrem unbekümmerten Debüt von gut vertrauten Verhältnissen, selbst wenn sich diese topografisch weitläufiger darstellen. Der Besuch von Dachs bei Gott ist eine Überraschung – für beide. Gott lebt auf einer überschaubaren Lichtung in einem bescheidenen Haus, in dem er in «Gummifinken und Trainerhosen» und einem «Pulli mit verwaschenem Logo» umher schlurft. Mit der Fernbrille schaut er auf seine Erde, die er selbst nicht immer ganz versteht. Heftig erstaunt ist er aber, als auf einmal Fisch im Flur seiner Wohnung liegt. Woher mag der nur kommen?

Doch um Gott geht es anfänglich gar nicht in diesem Roman. Die Hauptrolle spielen vielmehr Schwein, Dachs und Reh. Die Dinge geraten in Bewegung, als Dachs einen Wechselapparat erfindet, mit dem er Gott in seiner Lichtung besuchen kann. Schwein begleitet ihn und fragt, ob hier das Jenseits sei. So beginnt eine abenteuerliche Reise in ein Gefilde, das auch Gott unbekannt ist. Es wird schnell klar, dass es Noemi Somalvico in ihrem Roman mit dem Realismus nicht allzu ernst nimmt.

Sie erzählt vom tanzfreudigen Schwein, dem findigen Dachs, dem melancholischen Reh und von Gott, der sich manchmal fragt, ob er das alles wirklich erfunden hat. Die hier anklingende theologisch-metaphysische Dimension hat schon Matthias Cavelty in seinem trashigen Roman Die letztesten Dinge bespielt. Noemi Somalvico verleiht ihr jedoch eher märchenhafte Züge, mit Tieren in den allzumenschlichen Hauptrollen. Ihre Expedition ins Jenseits führt an einen einladenden Sandstrand, wo Gott zum ersten Mal im Meer baden kann. Trotz der Zeitreise ins Unbekannte bewahrt dieser Roman die nachbarschaftliche Perspektive. Die Welt ist gross und zugleich überschaubar klein.

Das alles ist höchst launig und stellenweise mit viel Situationskomik erzählt. Etwa wenn Gott, nach dem Jenseits gefragt, erwidert, wo das denn sei. Doch Noemi Somalvicos Metaphysik bleibt geerdet, ihre Figuren kennen sich, und Gott ist bloss einer von ihnen, wenn auch der Schöpfer. Die Leichtigkeit all dieser Findungen stösst da an Grenzen, wo der saloppe Tonfall stilistische Schwächen verrät und ein paar schöne Pointen leichtfertig vergibt, etwa in Gestalt des wunderbar mysteriösen Kaninchens, das gleich eingangs das Schwein paffend an der Bushaltestelle umkreist – um bei Gelegenheit womöglich dessen Portemonnaie zu entwenden und dabei, wie man sagt, «so unverschämt (zu) gucken, dass jede Empörung zu spät kommt». Doch die wunderbar zwiespältige Figur verschwindet leider gleich auf Nimmerwiedersehen. Noemi Somalvicos Roman macht in dieser Form einen kompositorisch etwas unfertigen Eindruck. Das schnelle Erzähltempo obsiegt über die Genauigkeit, die frische spontane Idee bedarf keines weiteren Suchens. Das mindert die Heiterkeit, die das vergnügliche Buch ohne Zweifel verströmt.