Neuer Viceversa-Preis für literarische Übersetzung

Barbara Sauser erhält den ersten Viceversa-Preis für literarische Übersetzung

Approfondimento del 09.02.2023 di Ruth Gantert

2023 vergibt Viceversa erstmals einen neuen Preis, den Viceversa-Preis für literarische Übersetzung. Dieser Preis wurde in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Schillerstiftung ins Leben gerufen und ist bestimmt für die Übersetzung eines bedeutenden literarischen Werks, die eine Autorin oder einen Autor aus der Schweiz in einer anderen Landessprache bekannt macht.

Der Viceversa-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung für literarische Übersetzung 2023 (5000.-) geht an Barbara Sauser für ihre Übersetzung des Romans Fuori per sempre von Doris Femminis (Milano, Marcos y Marcos, 2019): Für immer draussen, Zürich, Edition 8, ch Reihe, 2022.

Doris Femminis’ 2020 mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichneter Roman erzählt die Geschichte der jungen Studentin Giulia, die mit einer depressiven Mutter, einem überforderten Vater und vier Brüdern im fiktiven Tessiner Dorf Giusello aufgewachsen ist. Wegen eines Selbstmordversuchs landet sie in der Psychiatrischen Klinik von Mendrisio. Wird ein Leben «draussen» für sie je wieder möglich sein? Dank Barbara Sausers präziser, vielschichtiger Übersetzung vermag der in verschiedenen Landesteilen der Schweiz spielende Roman eine deutschsprachige Leserschaft zu begeistern. Barbara Sauser gelingt es, den zahlreichen Figuren, den «Normalen» wie den psychisch Kranken, den alten Dorfbewohnern wie den Jugendlichen, der Mailänder Chefärztin wie der Hilfspflegerin aus Ex-Jugoslawien, den Quasselstrippen und den Schweigsamen eine eigene Stimme zu geben. Ihre flüssige Sprache drückt differenzierte Emotionen aus, ohne je kitschig zu werden.

Barbara Sauser wurde 1974 in Bern geboren. Sie studierte Slawistik und Musikwissenschaft in Freiburg i. Ue. und Kazan (Russland). Nach einem Volontariat im Lektorat des Diogenes Verlags arbeitete sie sieben Jahre als Lektorin und Pressebeauftragte im Zürcher Rotpunktverlag. Sie übersetzt hauptsächlich aus dem Italienischen – darunter zahlreiche Tessiner Autorinnen und Autoren –, in kleinerem Umfang auch aus dem Französischen, Russischen und Polnischen. Sie hat an vielen Werkstätten und Seminaren teilgenommen, ist Mitglied und Mitorganisatorin der Weltlesebühne Schweiz, seit 2020 Delegierte des AdS (Autorinnen und Autoren der Schweiz) im Dachverband der Literaturübersetzer:innen Europas CEATL und seit 2022 Vorstandsmitglied des AdS.

Barbara Sauser stellt ihre Übersetzung im Gespräch mit Salomé Meier im Podcast «Jetzt spricht die Übersetzerin» vor, der hier zu hören ist.

Terra nova Preis an Fanny Desarzens für «Galel» (Slatkine)

Mit dem Terra nova Preis wird 2023 erstmals ein Buch ausgezeichnet, das der Stiftungsrat aus den Werken ausgewählt hat, die von den für die vier Schweizer Landessprachen zuständigen Jurys nominiert wurden. Der Terra nova Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ist somit der Schweizer Literaturpreis, der diesen Namen verdient: Er wird in Kenntnis des literarischen Schaffens in der ganzen, mehrsprachigen Schweiz für ein Erstlingswerk verliehen.

Der Terra nova Preis der Schweizerischen Schillerstiftung 2023 (5000.-) geht an Fanny Desarzens für: Galel, Genève, Éditions Slatkine, 2022.

Fanny Desarzens erzählt eine unscheinbare Geschichte. Es passiert fast nichts. Es geht um eine Freundschaft, so elementar wie ein Geröllfeld, das ins Rutschen kommen kann oder nicht, eine Freundschaft zwischen drei Männern, die ihr Leben der Liebe zu den Bergen widmen. Die Sprache ist genau abgestimmt auf die Ungerührtheit der Steine, ist sachlich und karg, und lässt uns die die Schönheit des Felsens, der Elemente spüren, eine ruhige, bedrohliche Schönheit abseits der Menschenwelt. Die Schnörkellosigkeit der Sprache ist abgestimmt auf die Einfachheit der Beziehung der drei Männer und die ruhigen Farben der Landschaft. Mit Meisterschaft lenkt die Autorin den Ablauf der Erzählung. Mit jedem Auftritt einer der drei Figuren stellt sich eine ganze leichte Spannung ein zwischen dem, was sie miteinander verbindet und dem, was unausgesprochen ihr Leben bestimmt, wenn sie alleine sind, allein, in der «Stadt», im Winter, in der Kälte, in einer Art Winterschlaf. Paul, Jonas und der heiterste der drei, Galel, durchmessen die Berge wie man die Zeit durchmisst. So wie die winzigen Reflexe von diesem Grossen, Unbeteiligten, Bedrohlichen, an dessen Schönheit man sich verliert: der Berg.

Fanny Desarzens lebt in Lausanne. Sie machte einen Bachelor in bildender Kunst an der Genfer Haute école d’art et de design. Beim Schaffen von Bildern begreift sie, dass die Sprache für sie dafür das geeignetere Mittel ist. Sie nimmt die Sprache in die Hand, knetet die Wörter, keltert deren Essenz. Sie geht mit der Sprache um wie eine Handwerkerin, erspürt Textur und Klang als Werkstoff und Werkzeug, um ihre einfachen Geschichten zu formen und Unfassbares doch fassbar zu machen.

Für den Preis nominiert waren ausserdem:
Jachen Andri: be cun rispli, Turich, editionmevinapuorger, 2022 (rätoromanisch).
Peter Gisi: Mutters Krieg. Roman, Basel, Lenos Verlag, 2022 (deutsch).
Sara Rossi Guidicelli: Voi che avete visto il mare. La mia famiglia, il Sessantotto e altri ideali, Bellinzona, iet, 2022 (italienisch).