Aus den Fugen
Zwei Debütromane von Anja Schmitter und Noëlle Gogniat
Anja Schmitter: Leoparda (Basel, Lenos, 2021)
Nach den Gesetzen der Thermodynamik erhöht die Zufuhr von Wärme die Dynamik in einem System. Was physikalisch klingt, hat mitunter auch gesellschaftliche Konsequenzen, insbesondere wenn das Klima verrückt spielt oder der psychische Alpdruck steigt.
Anders ist nicht zu erklären, weshalb in diesem ausserordentlichen Hitzejahr die 30-jährige Lehrerin Kleo in einen inneren Aufruhr gerät. Eben noch war alles heil und alles so super, wie die umsorgende Mutter nie zu beteuern vergisst. Ernst ist ein treuer Verehrer, die Familie ein Musterbeispiel an Zusammenhalt, Fabienne weit mehr als eine Therapeutin, und die Kinder – na ja, mit ihnen nimmt die Gesellschaft «ein schlimmes Ende», seit Kleo findet, dass sie wie stumme Fische dahocken, wenn sie mit ihnen über die Klimakatastrophe zu reden versucht. Doch dann springt die Amaryllis-Pflanze zum wiederholten Mal aus ihrem Topf, und Kleo macht ihrem treuen Verlobten Ernst unvermittelt den Vorschlag, es abwechslungshalber mit einer offenen Beziehung zu versuchen. Damit gerät die schöne Ordnung durcheinander. Ernst nimmt Kleos Vorschlag allzu ernst, was zum Bruch führt, wogegen ihre verzweifelte Tinder-Aktion enttäuschend endet. Aus Wut beginnt sie sich zu versteifen und nachts mit den Zähnen zu knirschen.
Anja Schmitter entwirft in ihrem Debütroman Leoparda eine Atmosphäre der unterschwelligen Beunruhigung. In der Hitze beginnt die Luft zu flirren und gaukelt falsche Dinge vor und das heisseste Jahr seit Messbeginn bringt Unrast in die Welt, auch bei Kleoparda Frei alias Kleo, der Tochter aus gutem Lehrerhaushalt. Nicht dass sie nach nächtlichen Alpträumen als Käfer wie Gregor Samsa aufwachen würde, ihre Metamorphose vollzieht sich unscheinbar. Durch das Zähneknirschen werden allmählich die Eckzähne geschärft, im Raubtierhaus des Zürcher Zoos saugt sie lustvoll den süsslich-scharfen Geruch ein, auch wenn die Tiere selbst in der Hitze gänzlich verwahrlost aussehen. Traum oder Wirklichkeit? Hitze oder Überreiztheit? Kleo merkt, dass sie sich freimachen muss, von den stets gutgelaunten Eltern, von ihrem Beruf; dass sie Ferien benötigt. Doch die Reise führt nicht in einem überfüllten stickigen Zug nach Kroatien. Kleo sperrt sich zuhause ein, versendet Strandgrüsse, eröffnet einen Instagram-Account und dokumentiert hier ihre innere wie äusserliche Verwilderung.
Anja Schmitter beschreibt diesen Prozess mit feiner Diskretion. Sorgfältig und sparsam setzt sie Signale einer Mutation, deren Ausmass erst nach und nach sichtbar wird. Begleitet wird sie von einem leitmotivischen Singsang des alles bleibt, wie es soll. Das mit Ernst wird schon wieder, heisst es immer wieder, und die Mutter beteuert bei jeder Gelegenheit: Du bist die Schönste, meine Kleine. Bloss Kleo glaubt nicht mehr daran. Indem sie sich verwandelt, verdüstert sich rings um sie herum der fröhlich optimistische Zeitgeist, die Szenerie wird in ein anderes Licht getaucht. Die Geier kreisen am Himmel, die Lochergut-Wohnsiedlung bewegt sich, die Amaryllis-Pflanze stürzt sich zu Tod, im Haus der Eltern hält das Unglück Einzug, die Strassen leeren sich in der Hitze und Kleo lässt sich von Tiger, dem Stylisten, das Haar im gescheckten Leoparden-Look färben. Ihre neue Fangemeinde auf Instagram ist begeistert. Doch wie das Smartphone aussteigt, entgleitet die Lage in einen Zustand der Unordnung, deren Ausmass schummrig, unscharf bleibt. Verschiebt sich das Gefüge der Welt, oder ist die Erzählerin allzu nahe an ihrer Figur dran und sieht die Umgebung zu sehr durch deren hitzige Erregtheit? Anja Schmitter lässt es wohlweislich offen. Sie bewegt sich mit ihrer Prosa auf einer oszillierenden Grenze hin und her, um vielleicht am Ende doch wieder Boden unter den Füssen zu gewinnen.
Noëlle Gogniat: So ist es eben (Biel/Bienne: Die Brotsuppe, 2022)
Der Föhn ist ein warmer, trockener Fallwind auf der Leeseite eines Gebirges. Die sachgerechte Definition verbirgt das Eigentliche des Föhns: das laute Brausen und Toben und den Alpdruck, der wetterfühligen Menschen aufs Gemüt schlägt. So ist es eben in den Föhntälern. Davon erzählt Noëlle Gogniat in ihrem Debütroman So ist es eben. Beim Ort, in dem ihr Buch spielt, könnte es sich um Altdorf handeln, mit dem engen Dorfplatz und dem Dorfhelden auf dem Sockel, um den der Postbus mühsam herumkurven muss. Edi, sein Fahrer, sieht von seinem Sitz aus alles, er weiss früher als die andern, was abgeht und wer mit wem. Ausser bei Lutz, da fragt er sich schon seit längerem, was der bis halb zwei nachts im Nachbardorf treibt. Edi ist auch Mitglied in der Kulturkommission, die jeweils im September das traditionelle Chabis- und Schaffleisch-Wettkochen organisiert, genauso wie Adriana aus dem Tourismusbüro. Lutz ist ihr bester Freund, Theo ihr periodischer Geliebter und der Fremde, der auf einmal auftaucht – das wird sich erst noch weisen. Mit Hanspeter, Philippe und den anderen diskutiert Adriana mit, wer dieses Jahr kocht und ob es eine Vegi-Variante geben soll. Letzteres ist zwar zeitgemäss, aber umstritten, denn Edi mag Fleisch und der Metzger Alois sitzt mit in der Kommission. Die Frage wäre dennoch vermutlich leicht zu entscheiden, tobte nur nicht der ewige Föhn durchs Tal und zerrte allen an den Nerven. Mit ihm wird aus der Marginalie schnell ein Kulturkampf, der das ganze Dorf erregt und verwirrt. Doch irgendwann lässt jeder Föhn nach.
Diese Ausgangslage verwandelt Nöelle Gogniat, die aus Altdorf stammend ihren Föhn kennt, in ein ausgesprochen munteres dörfliches Panorama. Alle kennen hier alle und alles, und alle tun so, als ob sie nichts wüssten. Deshalb will niemand der Heidi sagen, dass ihr Mann Hanspeter mit der Gemeindepräsidentin Ruth etwas hat, obwohl Heidi, die Königin des Dorftratschs, natürlich auch darüber längst im Bilde ist. Die Frage ist allein, wer sich als erster oder erste vor ihr verspricht. Wenn der Föhn tost, ist das leicht möglich. Es ist dieses gesellschaftliche Spiel des Verheimlichens, die Kunst der Andeutung und der vielsagenden Lücke, die Gogniat wunderbar beherrscht. Stilistisch eingängig, oft an der gesprochenen Sprache orientiert, gibt sie Einblick in diese Mechanismen, ohne selbst alles auszuplaudern. Zwischen den Prosapassagen, die innerhalb einer kurzen Spanne im September spielen und zwischendurch auch zeitlich zurückblenden, findet eine Chatkommunikation über das besagte Wettessen statt, an dem sich die Gemüter erhitzen. «Irgendwie scheinen hier alle ständig in alles einzugreifen», wundert sich der Fremde, der in Altdorf strandet, weil am Axen ein Fels den Weg versperrt. Was er als übergriffig empfindet, ist wichtiger Teil des Gemeinwesens, das gerade deshalb zusammenhält. Viel anderes passiert im Dorf ja nicht. Die Enge zwischen den aufragenden Bergen verlassen will eh nur Theo, der trotzdem immer wieder zurückkehrt. Edi bringt es herrlich auf den Punkt, wenn er meint, für eine Fahrt in einem überdimensionierten Camper auf einem amerikanischen Highway «würde es sich lohnen, etwas von der Welt zu sehen».
Noëlle Gogniat beweist ein gutes Sensorium für die genau beobachteten, witzigen Details, die sich zu einem feinen Netz flechten und all das Ungesagte umgarnen. Ihr Buch liest sich leicht und steckt doch voller Raffinesse. Der Föhn ist ein guter Lehrmeister, wie sie den Förster predigen lässt. Experimente hätten gezeigt, dass Bäume ohne Wind keine Wurzeln bilden und deshalb keinen Halt im Boden finden. «Widerstand ist wichtig. Wir fallen um vor Langeweile, wenn alles ideal ist.» Den Satz sollten wir von der Lektüre dieses leise tobenden Romans aufheben.