Springen oder Fallen

Fünf Debütromane im Frühjahr 2023

Approfondimento del 02.07.2023 di Beat Mazenauer

Saskia Winkelmann: Höhenangst (Verlag Die Brotsuppe)

Ob ein Mensch springt oder ob er geschubst worden ist, ist seinem Fall nicht anzusehen. Unterschiedlich aber sei die Höhenangst, schreibt Saskia Winkelmann in ihrem danach benannten Debütroman. Sie unterscheidet zwei Arten: «Eine vor dem Fallen und eine vor dem Springen.» Wie aber lassen sie sich auseinanderhalten? Und wie ist es, zu springen oder zu fallen, wenn der Kopf in einer Schlinge steckt?

Höhenangst erzählt von einer jungen Frau, die knapp vor der Matura steht und Jo kennen lernt. «Als du in unsere Klasse kamst, wussten alle, dass du versucht hattest, dir die Unterarme aufzuschneiden. Aber irgendwer hat dich gefunden.»

So beginnt eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und Verzweiflung, die sich zwischen zwei Lebensperspektiven abspielt: Alles ist in der Welt gegeben und gemacht, respektive: Du selbst kannst alles verändern. Jo scheint ganz an letzteres zu glauben, während die Ich-Erzählerin sich am Gegebenen reibt und damit schlecht zurecht kommt. Sie lebt mit ihrer Mutter in einem Haus, in dem sich deren Freunde treffen, palavern und die Flasche kreisen lassen. Die Erzählerin kennt die Wirkung von Alkohol seit jungen Jahren, sie hat miterlebt, wie Mutter und Vater sich ebenso lustvoll wie gehässig betranken. Seit der Vater ausziehen musste, hat die Mutter kaum mehr das Haus verlassen. Sie tut irgendwas in ihrem Arbeitszimmer und trinkt und will ihre Tochter um sich haben, bis es diese nicht mehr aushält und sie flieht. Mit Hilfe von Jo entdeckt sie den «Keller», eine illegale Tanzbar, wo es zu trinken gibt und allerlei Pillen in Umlauf sind. So geraten die Dinge allmählich ausser Kontrolle, immer weniger ist der Alltag ohne Hilfsmittel zu ertragen.

Saskia Winkelmanns Buch überrascht weniger mit dieser familiären Fallgeschichte als mit der Form, in die sie die Autorin bettet. Sie erzählt konsequent aus der mehr und mehr sich verrückenden Optik der Protagonistin, die Wachen und Träumen, Ich und Du immer weniger voneinander abzugrenzen vermag. So glücklich die Anwesenheit von Jo sie macht, so sehr verfinstert sich das Gemüt der Erzählerin, wenn Jo abwesend ist. Der Protagonistin fehlt deren Selbstsicherheit und radikaler Eigensinn. So pendelt der Erzählstrom unstet zwischen Sehnen und Erfüllung, Hoffen und Verzweifeln, nüchtern und high. Die Nächte im Keller oder die Tage in der Hütte droben in den Bergen bedeuten Freiheit, doch je länger je weniger stellt sich diese ohne Drogen ein. Es ist diese knisternde Unruhe, die Höhenangst lesenswert macht. Das Buch lässt die Leserinnen und Leser auf eindrückliche Weise teilhaben an einer Welt, die sie meist nicht kennen und der sie entwachsen sind. Die jugendliche Unrast, die sich mit Neugier und Verzweiflung paart, nimmt hier einen unglücklichen Ausgang. Zwischen Erinnerungen an die Kindheit zum einen, zum anderen an die Tage mit Jo – 373 sind es genau, zählt sie die Protagonistin – richtet diese ihre Erzählung wechselweise an die stumm bleibende Jo, oder an «die Königin» im schwarzen Polsterstuhl während der Therapiesitzungen. Am Ende liegt alles deutlich vor Augen und bleibt doch unscharf in den Konturen. Für ihr Pendeln zwischen dem Glauben, alles sei gegeben und dem, alles lasse sich verändern trifft Saskia Winkelmann präzise die schwebende Ton- und Fallhöhe.

Emmanuelle Fournier-Lorentz: Villa Royale, übersetzt von Sula Textor, Dörlemann

Die Familie hält zusammen, oder die Familie fällt auseinander. Die beiden Optionen bilden Gegensätze, aber manchmal durchdringen sie einander – wenn beispielsweise das väterliche Oberhaupt verloren geht, unter welchen Umständen auch immer. Dann verschiebt sich der familiäre Status oft ins Prekäre. Emmanuelle Fournier-Lorentz stellt in ihrem Roman Villa Royale eine solche Familie vor. Der Vater ist vor kurzem verstorben – durch Suizid, wie sich herausstellt und womöglich auch, um seinen Schuldnern zu entkommen. Seiner Frau und den drei Kindern zwischen acht und vierzehn fehlt er, sie ziehen sich wie eine Schnecke in Haus der Restfamilie zurück. Der einzige gesellschaftliche Bezugspunkt bleibt die Grossmutter Lakusha. Die ohnehin schwierige Situation verschärft sich zusätzlich, als die Mutter spontan beschliesst, mit den Kindern auf die Insel La Réunion im Indischen Ozean umzuziehen, weil sie da angeblich eine Stelle in Aussicht habe. Mit wenig Gepäck fliegen sie dahin, richten sich auf Luftmatratzen und ohne Geld in einem unwohnlichen Haus ein, um nach wenigen Wochen wieder zu verschwinden – dieses Mal in die France profonde, in ein Dorf im Südwesten, zu dem sie nicht den geringsten Bezug haben; abermals einer Stelle wegen. Das Muster wird sich die nächsten Jahre zwanzig Mal wiederholen. Die Vier bilden eine gesellschaftliche Monade, die, wie sich allmählich herauskristallisiert, von den väterlichen Schulden gejagt wird, in Person eines gewissen Lanvin, der sie mit Rechnungen verfolgt. Kaum hat er die neue Adresse eruiert, steht der nächste Umzug an. Es gleicht einem Teufelskreis, der die Mutter in Atem hält und die drei Kinder unterschiedlich belastet. Die elfjährige Palma erzählt mit dem Verantwortungsbewusstsein eines frühreifen Mädchens, wie sie sich selbst das Leben in Träumen erfindet und wie der naseweise Victor in seinen Schachfimmel flieht. Einzig Charles, der Älteste, hält Kontakt zur Aussenwelt; er führt ein geheimnisvolles Nebenleben, das sich der Kontrolle der Mutter entzieht. Wie sie ist er ein starker Raucher – ein Leitmotiv in diesem Buch. Palmas Geschichte ist gewissermassen vom Dunst der Zigaretten umnebelt. Charles weiss trotz jungen Jahren seine Umgebung mit seiner anmutigen Lässigkeit zu bezirzen – auch wenn er sich selbst nicht so souverän fühlt.

Mit der Stimme von Palma erzählt Emmanuelle Fournier-Lorentz eine so tragische wie komische Familiengeschichte, die geprägt ist von Niederlagen, von Ärmlichkeit, aber auch von einer unverbrüchlichen Solidarität, in der immer wieder ein Widerspruchsgeist und somit ein Funken Hoffnung aufblitzt. Aus der Optik dieser Familie gerät die Umwelt zu einer Karikatur der geregelten Normalität, die keine der familiären Tugenden so richtig zu würdigen vermag: Freiheit, Frechheit, Zusammenhalt, Kreativität in der nomadischen Existenz ohne eigentliches Zuhause. Die Mutter und ihre drei Kinder mögen allein sein mit ihren Schulden, einsam sind sie nie. Und sie behalten den Vater in ihrer Mitte, indem Palma und Victor auf Rache sinnen, nachdem sie hinter das Geheimnis von seinem Tod und von diesem Lanvin kommen; oder indem Charles auf seine Weise eine Schuldentilgungsstrategie entwickelt. Dies mag ein wenig idealisiert anmuten, was an dhiesem Roman aber überzeugt, sind die Liebe zum Detail und die Empathie für die Hauptfiguren, die die Autorin mit einem trefflichen „Mutterwitz“ ausstattet und einer versöhnlich stimmenden Solidarität. Immer wieder behilft sich Palma mit Sprichwörtern und kernigen Sätzen wie «auf einem rollenden Stein könne kein Moos wachsen» oder «Unser Leben mochte zwar aus der Bahn geraten sein, aber es folgte wieder einem festen Rhythmus». Dieser kluge, zugleich naive Pragmatismus hilft der Familie zu überleben. Palmas Erzählen auf dem feinen Grat zwischen Komik und Tragik zeichnet obendrein ein schönes Bild der France profonde, durch die die Familie reist; ein Bild, das in der Übersetzung von Sula Textor auch auf Deutsch feine Konturen erhält.

Sara Wegmann: Sırma, Telegramme

Weniger geschmeidig präsentiert sich Sırma von Sara Wegmann. Sie experimentiert mit den erzählerischen Mitteln, pendelnd zwischen fremden Stimmen und dem Verstummen sucht sie einen sprachlichen Zwischenraum, in dem sich die tägliche Realität mit Imaginationen füllt. Der Roman gliedert sich in drei Kapitel, die drei Etappen im Leben der Titelheldin Sırma erzählen. Sie kommt in Pakistan zur Welt, als Kind leistet sie die meiste Zeit ihrer Grossmutter Gesellschaft, die den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt. So erlernt Sırma die Sprache aus fremden Dialogfetzen, ja mehr noch, sie beginnt selbst mit «dem auswendig gelernten Zeug» zu kommunizieren. Während der Vater abwesend bleibt, kriselt es zwischen Mutter und heranwachsender Tochter. Da bietet sich die Gelegenheit, dass Sırma in die Schweiz reisen kann, um dort ihren Sprachtick zu kurieren. Sie findet Aufnahme bei der Familie eines väterlichen Freundes, deren Tochter Alexandra mit fünf aufgehört hat zu reden. Vielleicht würden die beiden Mädchen zueinander passen. In ihrem Gepäck nimmt Sırma ihr blökendes Schaf mit, eine reine Traumfigur, die für Sırma aber ganz real ist.

Diese Ebene des Mysteriösen erhält in Zürich neue Nahrung, als zwei Flugzeuge in zwei Hochhäuser fliegen. Da implodiert der Fernseher und bringt die Zeitordnung durcheinander. Während die Welt draussen normal weiterdreht, verlangsamt sich die Zeit drinnen im Haus. Auf einmal verpasst Sırma, wenn sie in ihrem Bett schläft, eine ganze Schulwoche. Doch: «Wo lief die Zeit falsch? Drinnen oder draussen?» Die Zeitverschiebung bleibt unerklärlich, die Familie verlässt das Haus. Weil sich die stumme Alexandra heimlich Computerkenntnisse beigebracht und so eine Programmier-Challenge gewonnen hat, tut sich auf einmal die Chance eines Jobs in Hong Kong auf. Sırma wird sie begleiten, das mysteriöse Schaf reist mit.

Hier treffen wir die beiden 18 Jahre später im dritten Kapitel wieder. Alexandra hat einen Sohn geboren und ein Startup aufgebaut, das Apps programmiert, darunter eine Sprachapp, mit deren künstlicher Stimme die Stumme sprechen kann. Doch auch in Hong Kong geschehen mit leichtem Sciencefiction-Touch wunderlichste Dinge, die eine rationale Überprüfung verweigern. Sırma ist Illustratorin, doch wenn sie dabei allzu erregt ist, bringt sie das Papier, auf dem sie zeichnet, zum Brennen. Inzwischen können auch Alexandra und ihr Sohn Henri das blökende, älter gewordene Schaf erkennen. Kompliziert wird der Aufenthalt, als sich das Amt für Sozialkredit einmischt und das Score von Henri herabstuft, weshalb er in eine schlechte Schule eingeteilt wird. Dieses staatliche Willkürsystem beschädigt alle Menschen, die Alexandra und Sırma nahe sind.

Sırma ist ein thematisch wie stilistisch ausgesprochen ambitioniertes Buch, das von den Leserinnen und Lesern Offenheit für eine Welt fordert, in der Dinge geschehen, die rational nicht erklärbar sind. Diesen magischen Aspekt setzt Sara Wegmann auf listige Weise um. Das Zeitlupen-Haus ist eine grossartige Findung. Solche Konfusion wird auch stilistisch aufgenommen, indem die widerständige Sprache zwischen Verfremdung und Verstummen schwankt. Sara Wegmann rhythmisiert dabei ihre Sätze gerne in Dreiklängen und verleiht ihnen mit den kursiv gesetzten Dialogfetzen eine sperrige Note.

Er hörte zu.
Sag es ihm selber. Er hörte aufmerksam zu.
Er hörte aufmerksam zu. Deshalb war er so verärgert.
Er hörte aufmerksam zu und ich hörte auf hinauszugehen.

In der Form öffnet sich der Roman allerdings nicht leicht, er gerät ob der eigenen Ambition etwas ins Straucheln, auch wenn Alexandra und Sırma erstaunlich reibungslos miteinander kommunizieren. Der Überschuss an Fantasie stellt sich aber vor allem auch einer Vertiefung der brisanten politischen Themen in den Weg. Das Willkürregime des Sozialkreditsystems und mehr noch die mit 9/11 heraufdämmernde westliche Islamophobie, die auch Sırma betrifft, werden nur angeschnitten. In dieser Hinsicht bleibt das Buch etwas hinter den geweckten Erwartungen zurück. Die Balance zwischen der inneren Welt voller Rätsel und Wunder sowie der geforderten Anpassung an die normierte Gesellschaft steckt im Kopf von Sırma und Alexandra fest. Sie halten ihren sprachlichen Widerstand gegenüber «der verrückten Welt da draussen» aber aufrecht, um wenigstens ihre eigene Stimme zu behaupten.

Mirja Lanz: Sie flogen nachts, Dörlemann

«Der Wind ist ein Dichter, er schreibt die Welt ins Reine», zitiert Mirja Lanz im Vorspann ihres Debütromans Sie flogen nachts den finnischen Dichter Toivo Laakso. Der Wind spielt darin in zweifacher Weise eine Hauptrolle: als raunender, zischender, säuselnder Wind, der der Protagonistin Eindrücke und Mythen zuträgt; und als Spielfigur namens Tuuli, was auf finnisch für Wind steht. Aava, die Protagonistin, reist nach Finnland, um die «Fischgründe meiner Ahnen» aufzusuchen. Sie trifft hier Verwandte mit klingenden Namen wie Satu, Suvi oder Sini, die ihr Korvapuusti (Hefeschnecken) auftischen und sie nach Suunitelmia (Plänen) fragen. Letztere hat Aava nicht, sie sucht die Ruhe und Abgeschiedenheit, um still in die Natur hinaus zu lauschen, den Raben zuzusehen oder eine einsame Spur über den zugefrorenen See zu ziehen. Vom Wind wird ihr auch Tuuli zugetragen, die sich ihr vorstellt: «ich entspringe einer versäumten Geschichte, denn ich schlief gleich zu Beginn auf der Seite ein.»
Es passiert nicht viel im winterlichen und allmählich vom Frühjahr aufgetauten Norden Finnlands. Mirja Lanz verlegt sich in ihrem Roman ganz auf das Klanglich-Sprachliche. Mit dem Wind räuspert sich der Text, spielt er mit Worten und Bildern, und versenkt sich förmlich in die Stille der Natur. Auf diese Weise erzeugt Die Autorin eine kühle, klirrende Stimmigkeit, die auch für die Protagonistin nur schwer Wärme erzeugt, selbst wenn ihr die Abgeschiedenheit wohl tut. Reizvoll mischt sich die finnische Sprache darunter, die fremd anmutet, dafür ein eigenes Klangspektrum hervorbringt und so die Sinne Aavas für die nordischen Mythen und Sagen öffnet, die in der Natur wohnen und sich regen. Hin und wieder weitet sich die bildhafte und klangvolle Sprache ins eigentlich Bildhafte und gerät förmlich ins Rieseln.

M   k   E   f   
i   a   r   l   
t   m       ü   
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d   d   l   t   
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Wenn zuweilen der Stammbaum ein paar Fakten«orakelt» , ist freilich nicht viel daraus zu erfahren. Damit tritt die Kehrseite dieses Buchs in Erscheinung. So stimmig und eigenwillig sich Sie flogen nachts zeigt, so wenig wird darin erzählt, auch wenn hin und wieder von Geschichten die Rede ist. Der Text schreckt davor zurück. Die Stimmigkeit bleibt in der Luft, oder mit Tuuli gesprochen, im Wind hängen und findet kaum Bodenhaftung. Die Figuren mit den klingenden Namen Suvi, Satu, Sini bleiben konturlos und somit ohne jenen Familienzusammenhalt, um den es der Protagonistin auf ihrer Reise eigentlich geht. Der Stammbaum schafft keine echte Verbindung, er hat keine Wurzeln. So spielen die verwandtschaftlichen Figuren für das Ich eigentlich keine Rolle, weshalb das Buch in luftiger und raunender Erinnerung bleibt, aber ohne Gesichter und Geschichten.

Martina Meienberg: Und dazwischen ein Ozean, Edition Bücherlese

Eine Geschichte mit zwei Gesichtern erzählt Martina Meienberg in ihren Roman Und dazwischen ein Ozean. Zwischen den beiden Schwestern Iris und Gabriela besteht eine äusserst schwierige, konfliktbeladene familiäre Beziehung. Während einer gemeinsamen Überfahrt über den Atlantik nach New York wollen sie die dunklen, verdrängten Punkte endlich einmal ansprechen. Sie unternehmen die Reise für Lea, die nicht mehr dabei sein kann. Sie ist ein Jahr zuvor, kurz vor ihrem zwanzigsten Geburtstag, bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Lea ist Gabrielas Tochter, sie ist aber bei Iris aufgewachsen, weil Gabriela als Künstlerin kaum Zeit für sie hatte. Ihren Vater hat Lea nicht gekannt. Die Mutter verschwieg ihn vielleicht auch deshalb, weil er zuerst mit Iris liiert war, sich dann zu Gabriela hingezogen fühlte. Diese brisante Ausgangslage bietet reichlich Gesprächsstoff.

Martina Meienberg erzählt die Geschichte zweistimmig. Iris hält Tag für Tag fest, was sich auf der Reise zuträgt, welche Gespräche sie führen – oder nicht, und woran sie selbst dabei denkt. Unterbrochen wird diese Erzählung durch Tagebucheinträge, in der sich Gabriela an ihre verstorbene Tochter wendet und ihr all das Geschehene zu erklären versucht. Aus den beiden Quellen erfahren die leserinnen und Leser, was selbst Iris und Gabriela noch nicht voneinander wissen.

Und dazwischen ein Ozean ist ein konventionell erzählter Tagebuchroman, der nach und nach eine Fülle von Geheimnissen enthüllt und dabei kaum ein Ende findet. Denn was die beiden Protagonistinnen verbindet, ist eine ganze Palette an familiären Katastrophen: Kinderlosigkeit, Scheidung, Verrat, schwesterliche Konkurrenz, verheimlichte Vaterschaft, Kindestod und schliesslich noch Iris' Mitschuld an Leas Tod. Selbst die Eltern leben in Scheidung und die Schwestern sind eigentlich nur Stiefschwestern, was die Konflikte keinesfalls besänftigt. Die beiden Protagonistinnen sind in einem Kokon der Verschwiegenheit gefangen, in dem sie bisher je auf eigene Weise die Missverständnisse und Gefühle der Schuld gepflegt haben. Ihre problematisches Verhältnis baute auf die Gutmütigkeit ihrer Umgebung, bei den Eltern und den Freunden, die sich am Ende mitbeteiligt haben am Gewebe des Verleugnens und Verschweigens. Leider wirkt dieses Beziehungsgefüge in dieser unendlich vertrackten Komplexität allzu stark aufgeladen, überzeichnet und schliesslich in der erzählerischen Durchführung auch nicht gefeit vor melodramatischen Zuspitzungen. Weniger Drama wäre mehr gewesen. Auch wenn die Autorin das geschönte Happyend vermeidet, bleibt der Roman so doch zu sehr an der psychologischen Oberfläche haften.