Visuelle Literatur

Jürg Halter und Uwe Wittwer, Bettina Wohlfender und Béatrice Gysin, Claudio Landolt und Marcel Moser

Approfondimento del 03.10.2023 di Beat Mazenauer

Wenn Text und Bild gleichberechtigt zusammenfinden, entstehen eigene Genres und Kunstformen. Graphic Novels beispielsweise synthetisieren die beiden Elemente in narrativer Form. Das Künstlerbuch, wofür die ästhetische Avantgarde eine besondere Vorliebe entwickelt hat, überwindet gerne die klassische Buchform. Dazwischen situiert sich eine Variation, die poetische Texte mit künstlerischen Bildern verknüpft, indem Text und Bild sich lose aufeinander beziehen und einander ungezwungen ergänzen. Verlassenes Boot treibt Richtung Mond von Jürg Halter und Uwe Wittwer folgt diesem Konzept einer schwebenden Liaison. Für eine Ausstellung im Winterthurer Gewerbemuseum haben sie sich gemeinsam vom Film Ugetsu monogatari (Ugetsu – Erzählungen unter dem Regenmond, 1953) des japanischen Regisseurs Kenji Mizoguchi inspirieren lassen. Der Film gilt als ein Meisterwerk, für Martin Scorsese gehört er in die Topten der Filmgeschichte. Der Film erzählt, im 16. Jahrhundert spielend, die Geschichte zweier Töpfer vom Lande und wie sie auf der Suche nach Glück zur Hybris angestachelt werden, um am Ende zur Demut zurückzufinden. Geistersehen, Träume und falsche Illusionen spielen dabei eine tragende Rolle.

Während Uwe Wittwer aus dem Fluss der Filmbilder einzelne Eindrücke herauspickt, um sie mit dem Pinsel frei aus der Erinnerung (wie es im Vorwort heisst) wiederzugeben, setzt Jürg Halter kurze, an Haiku gemahnende Dreizeiler hinzu, die der poetischen Imagination Raum lassen.

Nebel überm Wasser,
ein verlassenes Boot
treibt Richtung Mond

setzt er eingangs mit einer Schlüsselszene an: der Überfahrt über einen See, auf dem geisterhaft aus dem Nebel ein leeres Boot auftaucht. Halters Zeilen lösen die Situation nicht auf, sondern stellen sich unverbunden neben das dazugehörige Bild und heben dieses aus dem fliessenden Kontext heraus. Die Filmerzählung wird so aufgelöst in Einzelbilder und in minimale Gedichte, die je für sich auch unabhängig bleiben. Die rauen, kriegerischen Zustände, das immense soziale Gefälle, die Armut der Landleute, wovon der Film erzählt, bleiben durch die hingetupften Szenen hindurch stets spürbar.

Geister verwirklichen
sich in uns
sei wachsam

Mit dieser Botschaft appellieren Bild und Poesie von Uwe Wittwer und Jürg Halter an die Leserschaft. Auch wenn die Geschichte so zu ihrer eigenen wird, bleibt das Japanische ebenso wie das Geisterhafte atmosphärisch eindrücklich bewahrt. Uwe Wittwer hat seine 53 Aquarellzeichnungen in schwarz-weisse Inkjetprints übersetzt, womit er einen sehr speziellen fotografischen Solarisations-Effekt erzeugt. Der Hintergrund der Zeichnungen wird zum silbernen Grau, das ihnen etwas Unwirkliches, Geisterhaftes verleiht. Jürg Halter lässt innerhalb wie zwischen seinen 90 dreizeiligen Gedichten viel imaginativen Leerraum. Er entzieht sich der einfachen Aussagen, stattdessen fängt er das Unausgesprochene, das Unaussprechliche ein.
Dem versucht auch das grosszügige Seitenlayout zu entsprechen, indem eine Doppelseite mal eine Zeichnung mit einem Gedicht (respektive zweien, jeweils auf Deutsch und Englisch) verbindet, mal nur ein Gedicht enthält, mal das ganze Blatt mit einem Bild füllt, mal die Seiten gänzlich weiss lässt. Rhythmisch schön aufgelöst entsteht so im Gesamteindruck ein gediegenes Buch, das immer wieder von Neuem zum Schauen wie zum Lesen anregt.

«jetz herkulari»

«jetz herkulari», so setzt das Lebensbild von Berta, dem Verdingkind, mit einem markigen Ausruf ein. Berta verwendet ihn als Grossmutter, sehr zur Freude ihrer Grosskinder. In diesem «jetz herkulari!» steckt eine Kraft, die Berta dringend benötigte, um unbeschadet durchs Leben zu kommen. Bettina Wohlfender und Béatrice Gysin fangen ihr Leben in aufeinander wohl abgestimmten Worten und Bildern ein.

Oft gab es nicht genug zu essen. Oft sass Berta allein in der Küche. Oft blieb der Hunger.

Was ist eigentlich schlimmer, der Hunger oder die Einsamkeit? Beide nagen an Bertas Gemüt, als sie zu ihrer Tante in Obermeilen, später zu einer fremden Familie in Adliswil und sonst wohin umplatziert wurde. Ihr blieben Hunger, Alleinsein und dazu die schwere Arbeit, deretwegen sie in der Schule oft einschlief. Der Lehrer sagte nichts dazu. Das Buch Berta erzählt von der sozialen Kälte, mit dem ein Verdingkind um 1900 zu rechnen hatte. Bertas Mutter starb früh und hinterliess vier Kinder, mit denen der Vater, der als Tagelöhner arbeitete, überfordert war. So wurden die Kinder von der Fürsorge auseinandergezerrt, der Rest war sozialpolitische Routine. Berta indes war tüchtig und machte ihren Weg, allen Erschwernissen zum Trotz.

Bettina Wohlfender berichtet von diesem Leben in kurzen Abschnitten, die aufs Wesentliche zielen und immer wieder die zentralen Fragen stellen:
Hat sie jemand getröstet, ihr den Ruf des Kuckucks gelehrt? Hat jemand mit ihr Buchstaben entziffert, Lieder gesungen, Sterne gezählt?
Béatrice Gysin setzt dazu feine Bleistiftzeichnungen und Bildcollagen, die den Text nicht einfach illustrieren, sondern ihm bildhaft Aspekte und Facetten hinzufügen. Im Miteinander formen sich die beiden Ebenen zu einer Erzählung, die Bertas Schicksal in einen poetischen Raum heben, der die Schwere nicht negiert, der Erzählung aber gewissermassen jene Attribute hinzufügt, aus denen Berta ihre Kraft schöpfte für ein Leben gegen alle behördliche Willkür. Béatrice Gysi malt mit Farbstiften, zeichnet mit feinem Bleistift und setzt Bilder zu anspielungsreichen Collagen zusammen. Gerne bläst sie die feine Strichzeichnung auf, sodass der klare Strich leicht schummrig wird und so etwas zauberhaft Unwirkliches ausstrahlt. Das «récit de vie» von Bettina Wohlfender bewahrt eine einfache, ungekünstelte Sprache, die die traurigen Sachverhalte nicht ins Kunstvolle überführt.

Bertas Leben bewahrt, bei allen Windungen, etwas bodenständig Klares, darin liegt das Wunder ihres Lebens. Die Historikerin Mirjam Janett arbeitet in fünf kurzen Kapiteln den historischen Kontext heraus. Dabei wird einmal mehr schrecklich deutlich, wie lange solche Praktiken möglich waren, die Tausende von Leben zerstört haben. Die fröhliche Grossmutter Berta aber konnte am Ende lachend «„jetz herkulari!» ausrufen, auch wenn sie beim Eile mit Weile verlor. Das nach ihr benannte Buch gibt ein schönes Zeugnis davon. Die Sieger schreiben die Geschichte, aber manchmal kommt sie einer Verliererin zugute.

Cat Content

«Eine Katze hat etwa 244 Knochen, je nach Rasse und Schwanzlänge kann diese Zahl etwas variieren.» So lautet die Antwort auf eine entsprechende Anfrage im Internet. Einerlei, ob «etwa» oder «circa», Claudio Landolts Circa 244 Knochen erinnert auf jeden Fall an den legendären «Cat Content»-Hype im World Wide Web. Er lässt keine Zweifel aufkommen, auf wessen Seite sich sein Buch gleich eingangs schlägt:

Keine Katze tritt
so unüberlegt
wie der Hund
in ein Zimmer.

Im Folgenden geht es nur noch um Katzen in allen Variationen und Stellungen. Um dieses Buch zu verstehen, gilt es den Untertitel mit zu bedenken: «Katz-Ups» heisst er und spielt damit auf das poetische Verfahren des Cut-Ups an. Landolt hat 25 Bücher über Katzen durchforstet und Textschnipsel aus ihnen herausgeschnitten, um sie rhythmisch, lautlich, alphabetisch, systematisch zu neuen Texten zu rekombinieren und damit, wie es in den Quellenangaben heisst, «eine alternative Poesie freizulegen». Mit einem Zitat des Autors: «Ich erwürge Texte gerne zu Gedichten.» Dieses Verfahren hat sich parallel dazu auch der Künstler Marcel Moser zu eigen gemacht und einige der Bücher als Quellen benutzt, um neue Katzenbilder zu collagieren. In ihrem schelmischen Nachwort erwähnt Friederike Kretzen schliesslich ein drittes stilbildendes Element: Erika, die klassische Schreibmaschine, die dem Band typographisch den Stempel aufdrückt.

Dergestalt ist Circa 244 Knochen ein siebenteiliger Katalog des Kätzischen in allen Aspekten und allen sieben Leben (oder sind es neun?). «Das wildeste aller wilden Tiere» erscheint als verschmuster Stubentiger wie als schwarzer Schwellendämon, als paläogene Eleganz wie als ekstatischer Faulpelz, als «petit chat de persan rouge» wie als «chatte europeene ocellee».

Es liegt also an uns
wenn wir sie
nicht verstehen

zitiert Landolt den 1. Vorsitzenden des deutschen Edelkatzenzüchter-Verbands. Genau darum geht es ihm hier: Was nicht zu verstehen ist, wird in Aufzählungen und Listen, Geschichten, Gedichten, Gefahrenkatalogen sowie einem begrifflichen Katzenbaum verarbeitet, worin sich gleichermassen die Faszination für dieses Tier wie die Lust am poetischen Spiel ausdrückt.

«Ein Katzenbildnis kann, abgesehen vom Technischen, eigentlich nie unschön sein», heisst es einmal. Dieses Technische drückt Claudio Landolt mit einer Cut-Up-Methode aus, die weder falsch noch schlecht sein kann, weil es sich der erzählerischen Logik entzieht. Zur ungewöhnlichen Methode gehört schliesslich auch die angemessene Buchgestalt. Die «Katz-Ups» präsentieren sich grossformatig mit Silberprägedruck auf einem blütenweissen, einschmeichelnden Veloureinband – absolut stimmig und geradezu zum Kuscheln.

Eine Nachbemerkung noch zu den Hunden: Einer taucht zuletzt doch noch auf, im erwähnten Nachwort von Friederike Kretzen. Erika schreibt seinen Namen aus: Ottos Mops, doch der sei für die Katz', auch weil Minz und Maunz drohend ihre Tatzen heben.