Poesie und Prosa: fliessende Grenzen

Klaus Merz, Zsuzsanna Gahse, Felix Philipp Ingold

Approfondimento del 04.12.2023 di Beat Mazenauer

Die Aufgabe bleibt die Aufgabe

Die Leichtigkeit seiner Gedichte ist ein Markenzeichen von Klaus Merz. So licht und einfach sie erscheinen, täuschen sie doch nie darüber hinweg, dass in ihnen die harte Arbeit des Verdichtens steckt. Gleich eingangs im neuen Band Noch Licht im Haus demonstriert es Merz in einem Dreizeiler im Versmass 7-5-5.

Unsere Aufgabe bleibt
die Aufgabe. Ich
arbeite daran.

Was oberflächlich wie ein bestärkender Pleonasmus klingt, eröffnet im Kern zwei Lesarten. In der Aufgabe steckt sowohl der Auftrag wie das Aufgeben, mit je ungleichen Vorzeichen des Aufbruchs oder des Verzichts. So erhalten die drei einfachen Zeilen eine prekäre Note, die allenthalben in diesem Band aufblitzt. Worte sind Dreh- und Angelpunkte, die Ambiguitäten erschliessen und Räume zwischen den Zeilen öffnen. Mit kleinsten Verschiebungen setzt Klaus Merz sein allgegenwärtiges lyrisches Ich in Situationen und Bilder, die so schlicht wie unauflösbar erscheinen. Dabei gilt: «alle Wege führen / im Morgengrauen / zurück zu mir» – zum Kind im Dichter. Sei es, wenn im nächtlichen Donnergrollen die «grossen Kindheitsgewitter» leise nachhallen, seien es die Stromschläge, die Mutter einst verabreicht wurden und die noch immer «gegen die eigene Schläfenwand» branden – mit einem Seitenblick auf Merz' Kernerzählung «Im Schläfengebiet».

Ein ganzes Kapitel versammelt Gedichte, die lyrische Echos auf bildnerische Werke geben, die unsichtbar bleiben und deshalb geheimnisvoll. Auf Anhieb vor dem inneren Auge erahnbar ist vielleicht einer der Spinnen von Louise Bourgeois, die riesenhafte «Maman», die das Ich umfangen soll: «Bevor der nächste Morgen / uns wieder entzweit». Gerne spielt Merz im neuen Band auch auf andere Dichter an, auf Rimbaud («ich ein anderer»), Büchner (Lenz im Gebirge), Mani Matter (die stehengebliebene Uhr) oder im Titelgedicht auf Vladimir Nabokov und sein Sprich, Erinnerung, sprich!. Durch das Fenster erkennt das lyrische Ich hier einen Mann vor dem Bücherregal: «Als stünde er / vor einer Urnenwand». Das Werk als Vermächtnis, rückwärtsgewandt – immerhin ist noch Licht im Haus, ein Widerschein des ersten Satzes bei Nabokov: «Die Wiege schwingt über einem Abgrund, und der Hausverstand sagt uns, dass unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist.» Im Merzschen «noch» steckt ebenso ein Memento mori wie ein Trotzdem: eine Aufgabe wie eine Aufgabe.

Die Versuche, der inwendigen
Abschüssigkeit etwas entgegen
zu stellen, bleiben vergeblich.
So beherbergt jedes der Gedichte einen tückischen Widerhaken. Dies gilt auch für die prosaische Abteilung in diesem Band. Klaus Merz hat schon immer die Grenzen zwischen Prosa und Poesie verwischt. Unter der Überschrift «Aus Hannover» finden sich «Sozioprotokolle von Studierenden bei Wilfried Köpke», einem Journalisten und Medienprofessor. In diesen kurzen Texten sind die Porträtierten auf einen Kern verdichtet, der so vielsagend wie rätselhaft bleibt. Und in «Stimmen von nebenan», vergleichbaren Porträts, sind es die anderen, die sprechen und das lyrische Ich zum Du machen. Die minimalistischen sechs- bis zwölfzeiligen, im Flattersatz rhythmisierten Prosatexte geben Splitter von Selbstaussagen wieder, denen der Dichter lediglich zuzuhören scheint. Aber natürlich trügt der Eindruck. «Leer dreht / der Regiestuhl neben / der laufenden Kamera» – der Dichter ist am Schreiben.