Das 48-Stunden-Gedicht
Ein Kettengedicht. Deutsch und Japanisch

Zwei Dichter, sehr verschieden nach Lebensalter und kultureller Herkunft, schreiben gemeinsam ein Kettengedicht. Der junge Schweizer Dichter Jürg Halter und Tanikawa Shuntarõ, einer der großen alten japanischen Lyriker, haben im Herbst 2014 am Tsuda College in Tokyo ein gemeinsames Projekt realisiert: Über 48-Stunden dichteten sie im direkten poetischen Austausch miteinander. Einer schrieb ein Gedicht, der andere bekam die Übersetzung, reagierte mit einem eigenen Text, der wiederum auch sofort übersetzt wurde und dann die Grundlage bildete für eine erneute poetische Reaktion. - So entstanden als Kettengedicht insgesamt 48 Gedichte, 24 von Jürg Halter zu jeder ungeraden Stunde, 24 von Tanikawa Shuntarõ zu jeder geraden Stunde. Die beiden weltweit renommierten Künstler Tabaimo (Japan) und Yves Netzhammer (Schweiz) haben sich vom Kettengedicht zu je vier Zeichnungen inspirieren lassen. Das Resultat ist ein aufregender Austausch, ein intensiver Dialog auf den verschiedensten Ebenen: zwischen den Kulturen, den Generationen, den Geschlechtern, zwischen Kunstgattungen ... mehr als ein Buch - ein Gesamtkunstwerk.

(Buchpräsentation Wallstein)

Nota critica

Vor einigen Jahren schufen der Berner Dichter Jürg Halter und sein japanischer Kollege Tanikawa Shuntarõ gemeinsam ein Kettengedicht per transatlantischem E-Mail-Austausch. Beim Verfassen ihres nun erscheinenden zweiten Kettengedichts sassen sie in Tokyo im selben Raum – zusammen mit den Übersetzern Franz Hintereder-Emde und Niimoto Fuminari. Abwechselnd steuern die beiden Dichter, die Grossvater und Enkel sein könnten, Kurzgedichte bei. Diese «Kettenglieder», die oft in Haiku-artiger Reduktion Bilder aus dem Alltagsleben skizzieren und dem Nachdenken überantworten, sind in vielfältiger Weise untereinander vernetzt. Zwei kompatible Geister verkehren hier, in einem Medium, das für Allusion, Ironie und Witz ebenso Platz hat wie für die fernöstliche Symbolsprache. (Florian Bissig)