Das Fleisch der Welt
Roman

Wer hat Amerika entdeckt? Ein Schweizer! Schelmenroman, Roadmovie und historischer Roman in einem – und ein Einsiedler auf Abwegen.

Als sein Vater Niklaus beschließt, die Familie zu verlassen, um Eremit zu werden, ist Hans von Flüe schockiert. Drei Jahre später hat sich der junge Bauer jedoch an die väterliche Abwesenheit gewöhnt. Er hat eine Menge zu tun, bewirtschaftet einen eigenen Hof und hilft seiner Mutter und den Geschwistern.

Da tritt sein Vater auf einmal wieder in sein Leben und fordert Hans auf, ihn auf eine letzte Pilgerreise zu begleiten. Zögernd willigt Hans ein. Die Reise führt das ungleiche Paar nach Westen, immer dorthin, wohin Niklaus’ Vision sie treibt. Als sie am Atlantik ankommen, glaubt Hans, die Reise sei nun zu Ende. Ein Irrtum, denn Niklaus möchte sich mit einem Floss auf den Ozean wagen …

Das Fleisch der Welt ist ein wilder spätmittelalterlicher Road Trip, der daran erinnert, dass man weder vor der Welt, noch vor der eigenen Familie und schon gar nicht vor sich selbst fliehen kann. Glaube und Unglaube, Wahrheit und Lüge und die Kolonialgeschichte werden in diesem gewieften Text neu erzählt.

(Buchpräsentation Zytglogge)

Klaus ist ein anderer

di Beat Mazenauer
Inserito il 31.10.2017

Im Jahr 2017 sind Bruder Klaus-Festspiele angesagt. Niklaus von Flüe (1417-1487) feiert sein 600 Jahr-Jubiläum. Dieser Einsiedler war schon immer ein sonderbarer Heiliger. Er verliess im Alter von fünfzig Jahren seine Frau und die Schar von zehn Kindern, um Gott zu folgen. Das mutet heute unter christlich-konservativer Familienperspektive schon sehr seltsam an. Seine Visionen werden dennoch hoch in Ehren gehalten. Und sein «Machet den zun nit zu wit» (Macht den Zaun nicht zu weit) erhält kräftigen Applaus von Seiten der helvetischen Isolationisten. Dergestalt bietet Bruder Klaus auch eine wunderbare Projektionsfläche für eine andere Sicht auf den Heiligen und das ihm Heilige. Der Basler Adam Schwarz gibt einen Eindruck davon.
In seinem Romandebüt Das Fleisch der Welt erzählt er, wie Bruder Klaus im Januar 1474 seine Klause verlässt, um einer göttlichen Eingebung, genauer einem Befehl von oben zu folgen und eine goldene Turmkuppel zu suchen. Er überredet – mit väterlicher Autorität – den ältesten Sohn Hans, ihm zu folgen und seinerseits die junge Ehefrau mit ihrem noch Ungeborenen zu verlassen. Begleitet von einem weiteren komischen Klausner und später einem desertierten Henker wenden sie sich strikte gen West. Der Weg ist lang, das Ziel irgendwo nirgends und unterwegs herrscht die Pest. Dem Viergespann setzt allerdings bloss der Hunger zu. Zumindest den drei Begleitern, denn der heilige Niklaus ernährt sich von Licht und Luft. Diese Tugend des Totalfastens verlangt er auch den anderen Drei ab. Ohne Erfolg.

Adam Schwarz lässt diesen abstrusen Road Trip durch Hans von Flüe erzählen, der drei Jahre später allein heimkehren wird. Weil ihn seine Elsi dann auch nicht mehr zurückhaben will, übernimmt er die väterliche Klause und zürnt Gott, dem Vater und dem Schicksal dafür, dass er ohne «GOTTvertrauen» zu dieser Pein verdammt ist. Ein Pfarrer, der eigentlich den echten Heiligen besuchen will, hört sich die lange Geschichte als mündliche Beichte an und erteilt Hans schliesslich die Absolution. Rettung aber vermag er nicht zu geben.
Die Geschichten, die Adam Schwarz mit schelmischem, ab und an auch lästerlichem Witz erzählt, nehmen immer turbulentere Züge an. Bruder Klaus fordert von den anderen nichts als blindes Vertrauen in sein «GOTTvertrauen», er erweist sich ebenso als herrische Autorität wie als lächerlicher Asket. Der Autor lässt ihm beides zukommen: Spott wie Respekt. Er hält darin eine feine Balance.
Sein historischer Pilgerroman entwickelt indes eine immer abenteuerlichere Seite und gipfelt in einer wilden Atlantiküberquerung auf einem Floss und dem darauf folgenden friedlichen Kontakt mit der indianischen Bevölkerung auf dem neuen Kontinent. Das historische Korsett wird sachte auch sprachlich gesprengt, indem sich das «GOTTvertrauen» mehr und mehr in ein «GOTTverdammt» verwandelt. Daran ist Niklaus von der Flüe nicht unschuldig, denn er hat diese Reise nicht nur angezettelt, sondern erkennt auch erst sehr spät, dass Gott ihn hereingelegt hat. Allein auf dessen Geheiss hat er selbst den Zaun zu weit gesteckt. Hans von Flüe dagegen gelingt die Rückfahrt mit einem der ersten Schiffe, die den neuen Kontinent vermutlich vor Kolumbus erreicht hatten.

Adam Schwarz bewältigt seinen Stoff sprachlich souverän und über weite Strecken lebhaft und anschaulich. Er wählt dafür ein ganz leicht altertümelndes Deutsch, das immer durchschimmern lässt, dass der Autor sich nicht um historische Genauigkeit bemüht. Der Pfeffer, den sich Hans von Flüe im 15. Jahrhundert zum Essen wünscht, würde er frühestens 200 Jahre später überhaupt kennen gelernt haben. Das ist die eine Seite dieses Romans. Mit Fortdauer der chronologisch linear erzählten Geschichte fragt sich allerdings mehr und mehr, was uns diese Demontage des Einsiedlers vom Ranft sagen will. Ein Satz am Schluss: «Das Volk braucht seinen Bruder Klaus» gibt einen versteckten Hinweis auf den ehemaligen Volksvertreter Blocher, der sich im Jubeljahr speziell des komischen Heiligen angenommen hat. Klaus ist ein anderer, liesse sich frei nach Rimbaud formulieren. Mehr aber ist auf der Ebene des Textes nicht herauszubringen.

In Interviews hat Adam Schwarz seine diebische Freude über das hinterlistige Klaus-Bildnis kundgetan, im Roman selbst aber kommt der satirische Aspekt eher zurückhaltend zum Tragen. Es mangelt der langen Beichte, die in Wirklichkeit keine echte Beichte sein kann, etwas an beissendem Höllenzunder, oder an einer Reflexion darüber, wie die sachliche, vernünftige Aufgeklärtheit gesellschaftlich und politisch mit Phänomenen umgeht, die ihre Befehle von ausserhalb dieser Welt zugeflüstert erhalten. Diesbezüglich hält sich Adam Schwarz zurück, weswegen sein Roman auf den fantastischen historischen Road Trip fokussiert bleibt. Vielleicht braucht es gar nicht mehr, solange andere die politische Demontage des Säulenheiligen besorgen – wenn auch unfreiwillig.