Mein Leben als Hoffnungsträger
Roman

Philipp hat gerade eine Lehre zum Mechatroniker abgebrochen und ist aus seiner WG rausgeflogen, weil die Mitbewohner seinen Putzfimmel nicht mehr tolerieren wollten. Als er sich an einer Tramhaltestelle die Zeit mit dem Auflesen von Stanniolpapieren vertreibt, wird Uwe auf ihn aufmerksam. Uwe ist Leiter des städtischen Recyclinghofs und sieht in Philipp sofort seinen neuen Hoffnungsträger. Auf dem Hof arbeiten auch Arturo und João, zwei Portugiesen, die aus dem Kreislauf der Waren ihren eigenen, nicht ganz legalen Nutzen ziehen, für den sie bald auch Philipp gewinnen wollen – bis ihnen ein Großprojekt aus dem Ruder läuft und die aufgeräumte Welt des Recyclinghofes gehörig ins Wanken gerät.

(Buchpräsentation Arche)

Zwischenhalt auf dem Recyclinghof

di Jörg Hüssy
Inserito il 08.01.2018

Vorbei ist es mit der Ruhe auf einem Zürcher Recyclinghof im Niemandsland zwischen Autobahn, Limmat und Schrebergärten, als der Winter mit Schneegestöber hereinbricht und auf einmal ein riesiger Andrang beim Entsorgen der Weihnachtsbäume Hektik aufkommen lässt. Die vier Angestellten in ihren blaugelben «Monturen» zeigen sich darob wenig begeistert. Während der sonst besonnene Vorgesetzte langsam die Contenance verliert und drauflosschimpft, bleiben die anderen ruhig und harren regungslos der Dinge, die da kommen. Fulminant beschreibt Jens Steiner die Auswüchse unserer Wegwerfgesellschaft, die sich mit dem Feigenblatt Recycling schmücken. Wir sind gleich mittendrin in diesem Mikrokosmos mit seinem für Aussenstehende undurchsichtigen Ordnungssystem, bei dem nicht klar ist, wo ein Gartenstuhl aus Eisen und Holz und wo einer aus Eisen und Plastik hinkommt.

Mit feinem Gespür für (aber-)witzige Situationen und Konstellationen lässt Jens Steiner seinen Protagonisten Philipp vom «Leben als Hoffnungsträger» erzählen. Nach einer abgebrochenen Lehre als Mechatroniker macht dieser nun Zwischenstation als Hilfskraft auf einem Recyclinghof. Sein Vorgesetzter Uwe setzt grosse Hoffnungen in ihn, da er bei ihm ein ausgeprägtes Flair für Ordnung beobachtet hat. Diesen Recyclinghofchef zeichnet Jens Steiner – gekonnt mit Klischees spielend – als einen beredten und gerne belehrenden, nie um ein Bonmot verlegenen Deutschen, der es nicht so mit Fremdsprachen hat. Auch die beiden portugiesischen Mitarbeiter stellt er als Karikaturen mit prototypischen Zügen dar. Den einen mit «Schnauzer» und wunderbar geradebrechtem Deutsch, den anderen als stummen, lethargischen Melancholiker. Mit den Namen der beiden hat Uwe seine liebe Mühe. Arturo kann er noch halbwegs aussprechen, doch João überfordert ihn vollkommen. Das stimmhafte «sch» und den ersten Vokal unterschlägt er schlicht. Und so lautet seine alltägliche Begrüssungsformel: «Schau, schau, der Schau!».

Es ist zwar eine Ehre, Hoffnungsträger zu sein, aber es kann auch irgendwann zu einer Last werden. Schwierig wird es vor allem dann, wenn man zugleich Hoffnungsträger mehrerer Personen ist. Und genau dies geschieht Philipp. Denn nicht nur sein Chef, sondern auch die portugiesischen Mitarbeiter setzen Hoffnungen in ihn. Sie betreiben mit dem Entsorgungsgut eine lukrative Schattenwirtschaft und hoffen dank Philipp ihren Kundenstamm erweitern zu können. Aus Höflichkeit aber auch aus Neugier lässt er sich gegen besseres Wissen in diese Geschäfte einweihen.

Hoffnungsträger ist man bekanntlich nur auf Zeit. Irgendwann gilt es die in einen gesteckten Hoffnungen zu erfüllen. Im Gegensatz zu seiner mit wenig Ambitionen ausgestatteten Figur gelingt dies dem Autoren Jens Steiner ziemlich schnell. Bereits mit seinem zweiten Roman wird aus dem Hoffnungs- ein gefeierter Preisträger: 2013 wird Carambole den Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Mittlerweile ist er ein etablierter Autor, Hoffnungsträger sind nun andere. Der 1975 geborene Jens Steiner wird darüber nicht unglücklich sein. Jedenfalls zeigt er sich in seinem vierten Roman erneut als ausserordentlich verspielter Erzähler mit einem mitfühlenden Blick auf Aussenseiterfiguren. Auf Menschen, die ihren Platz in einer fordernden Gesellschaft suchen, die Druck ausübt und Hoffnungen in einen setzt. Jens Steiners Gesellschaftskritik ist jedoch nie militant, sie bedient sich vielmehr der Waffen des Komischen und der präzisen Beschreibung alltäglicher, teilweiser tragisch-komischer Geschehnisse: Einmal bringt eine ältere Dame ihre über dreissig Jahre gesammelten Buttons vorbei. Sie ist in heller Aufregung, da die Anstecknadeln doch noch sortiert werden müssten. Selber fühlt sie sich dazu jedoch ausserstande und so haben sich Philipp und Arturo nicht nur um die Buttons zu kümmern, sondern auch um die Dame. All dies wird aus der Sicht von Philipp erzählt, der sich als genauer Beobachter erweist und unaufgeregt Kritik übt. Ein Unangepasster, der sich von der Gesellschaft nicht vereinnahmen lässt und der dem Erwartungsdruck seiner Umgebung zu entfliehen weiss. Sein soziales Umfeld ist dabei sehr überschaubar. Im Wesentlichen besteht es aus seiner Freundin Mila und aus Jonas, einem Bekannten aus Jugendzeiten, den er viele Jahre später wieder trifft. Nicht zufällig erwähnt Jonas, der als «freischaffender Baumpfleger» arbeitet, einmal Italo Calvinos Baron auf den Bäumen, diesen Adligen aus dem 18. Jahrhundert, der ein unabhängiges Dasein in den Baumkronen seinem vorgezeichneten aristokratischen Leben vorzieht. So radikal wie der Baron ist Philipp natürlich nicht. Dennoch würde er sich gerne Jonas anschliessen und seinen Freiheitsdrang als «Fledermausbaumkünstler» ausleben. Ob dies sein nächster Zwischenhalt sein wird?