Die Jugend ist ein fremdes Land

Tatort: Riehen. Ein Vorort von Basel nahe der deutschen Grenze. Eine Welt der zugezogenen Gardinen, in der niemand geschieden ist und Frauen, die Auto fahren, eine anrüchige Sensation. Hier wächst Alain Claude Sulzer auf, als einer von drei Söhnen einer französischsprachigen Mutter, die kaum Deutsch kann (und es zeitlebens nie lernen wird), und eines Vaters, dessen ganzer Stolz das formstrenge Avantgarde-Haus ist, das es bis in eine angesehene Architekturzeitschrift schafft. Dumm nur, dass das Flachdach nie richtig dicht ist und die Rest-Familie dem Clou der Inneneinrichtung, den schwarz-weißen Tapeten und schwarzen Spannteppichen, wenig abgewinnen kann.

In kurzen Erinnerungsblitzen erzählt Sulzer seine Jugend. Seine so komischen wie unbarmherzig detailscharfen Beobachtungen bilden zusammen ein Erinnerungsmosaik, das es in sich hat: Da ist der Ballettunterricht, bei dem Alain einer der wenigen Jungen ist und aus dem er entfernt wird, als das Gerücht aufkommt, der russische Choreograf habe ein Auge auf ihn geworfen; oder Fräulein Zihlmann, die sich von Alains Vater gern zur Arbeit in die Stadt mitnehmen lässt – und dafür von der Mutter mit stillem Hass verfolgt und am Ende erfolgreich vertrieben wird; und schließlich die Ausflüge in die verheißungsvoll-zwielichtige Welt des Theaters und die gescheiterte Flucht nach Paris.

(Buchpräsentation Galiani)

Rassegna stampa

Keine falsche Melancholie schwingt daher in Sulzers Bildern aus einer seltsam fernen Zeit mit, kein Kitsch, keine maladie suisse verstellt ihm die Sicht. Er hält schlichtweg und in gebotener Kühle dem Anblick seiner Jugend stand. Wer meint, das sei keine grosse Kunst, der soll das erst einmal versuchen. (Philipp Theisohn, NZZ, 29.09.2017)

Sulzer erzählt von seiner Kindheit und Jugend in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren in kurzen, selten mehr als vier bis fünf Seiten umfassenden Episoden. Das mag auch damit zu tun haben, dass einige der Texte bereits als Kolumnen in Schweizer Zeitungen erschienen sind. Doch sind sie erfreulich wenig auf eine Pointe oder ein Resümee hingeschrieben, sondern bleiben offen in alle Richtungen. Sulzer wehrt sich gegen die Regelhaftigkeit und chronologische Planbarkeit von Erinnerungen. Er vertraut auf die sprachliche und stilistische Kraft, die sich als verbindendes Medium über all die verstreuten Rückblendensplitter legt. (Christoph Schröder, Süddeutsche Zeitung, 10.10.2017)

In Romanen hat Alain Claude Sulzer häufig tragische Lebensläufe geschildert. Seine zurückgenommene, ganz und gar unaufgeplusterte, untragische Haltung gegenüber dem eigenen Leben ist für den Leser eine große Wohltat, seine schmale Autobiografie ein Stück scheinbar kunstloser Kunst. (Ursula März, Die Zeit, 29.11.2017)

Nota critica

In fünfzig kurzen Prosastücken erinnert sich Sulzer an Dinge und Ereignisse aus seiner Kindheit und Jugend in Riehen bei Basel. Von »Willisauer Ringlein« über »Radio Beromünster« zu »Silva« oder »S-I-W« entsteht dabei auch ein Bild der Schweiz in den 50er- und 60er-Jahren. Unsentimental und lakonisch lässt der Erzähler viele Lücken, die er nicht füllen kann oder will. Was ließ die Mutter, eine Freiburgerin aus Domdidier, trotz Eheproblemen beim architekturbegeisterten Vater in der ungeliebten Deutschschweiz ausharren? Familie und Freunde bleiben schemenhaft, umso eindrücklicher treten prägende Erlebnisse des Jungen hervor: erste Lektüren und Schreibversuche und vor allem erste Erfahrungen des erotischen Begehrens. (Ruth Gantert, siehe auch Viceversa 18, 2018)