Die Fragwürdigen Erzählungen
Alles beginnt mit einer fliehenden Kuh. Kaum hat sie Frau Hasler über den Haufen gerannt, hebt sich der Vorhang und die Fragwürdigen betreten einer nach der anderen die Bühne. Jede und jeder ein Unikat, Künstler und Künstlerinnen des Lebens. Eine Frau, die den Zug nicht verlassen will, weil sie sich vor dem Schmutz da draussen fürchtet. Ein Mann, der mit Pralinen nicht umgehen kann. Die für zu leicht befundene Alice und der dicke Marc. Erwin, der nicht versteht, warum nicht alle so sind wie er. Die umsichtige Frau Sägisser und die vielleicht gar nicht so hilfsbereite Frau Siegentaler. Menschen, die ihre Liebe nur spüren, weil sie getrennt sind, Menschen, die nur zusammen sind, weil sie ihre Lügen lieben. Leute mit sprechenden und verschwiegenen Namen. Und natürlich die Polizei!
Es herrscht ein wunderbares Durcheinander in diesem Buch. Judith Kellers Prosa gibt all jenen eine Stimme, die sonst in den Wörtlichkeiten hängen bleiben. Manchen genügt ein Kurzauftritt, andere brauchen etwas länger. Immer aber müssen sie durch jene feingeschliffene Sprache hindurch, die ihnen diese Schwyzer Autorin für einen Moment zur Verfügung stellt und sie und uns die Lage erkennen lässt. Ein Buch zum Aufblättern und Darin-Versinken.
(Buchpräsentation Menschenversand)
Fragwürdig ist in der Tat vieles in diesem eigenwilligen ersten Buch der jungen Außerschwyzer Autorin. In gegen hundert kurzen und kürzesten Prosatexten rückt sie einem kunterbunten Haufen von tragischen, kranken, ausgegrenzten, oder schlicht merkwürdigen bis unglaubwürdigen Charakteren ohne jede Vorwarnung zu Leibe. Umstandslos werden hier Verhaltensmuster, tragikomische Plots und irrwitzige Pointen in knappster Weise skizziert, ohne dass die Geschichten ausgestaltet oder als realistisch beglaubigt würden. Viel Beobachtung steckt in diesen Texten, aber noch viel mehr Reflexion, über das Allzumenschliche ebenso wie über das Schreiben und nicht zuletzt über dessen Gewaltpotenzial: Die geflüchtete Esperance etwa «ist nicht ertrunken. Aber sie lebt jetzt untergetaucht». (Florian Bissig, siehe auch Viceversa 12, 2018)