Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete Ein höchst fiktiver Roman
Der österreichische Skirennfahrer Franz Klammer wird von 1974 aus ins Jahr 33 zurückgeschleudert. Der Zufall will es, dass er direkt über Jerusalem abstürzt und auf Jesus Christus landet, der beim Aufprall wie ein Luftballon platzt. Franz Klammer muss schauen, wie er sich aus der Affäre zieht.
Zusammen mit dem Kopf von Johannes dem Täufer, auf den Franz Klammer in Jerusalem stößt, reist er weiter zurück in die Vergangenheit, bis zum absoluten Urpunkt, an dem noch nichts existiert, weder Zeit noch Raum noch Gott. Auf ihrer Reise werden sie in alle nur vorstellbaren (und unvorstellbaren) Mysterien eingeweiht: in die altägyptische Hochtechnologie, in die bewusstseinserweiternden Praktiken der Maya sowie in urgnostische Vorstellungswelten. Am Urpunkt sorgt der Kopf des Täufers dafür, dass nichts jemals existieren wird. Doch Franz Klammer gelingt es, eine neue Menschheit zu erschaffen.
Cavelty wäre nicht Cavelty, wenn er diesen schweren Stoff nicht ironisch-subversiv unterwanderte; die Figur des Franz Klammer triumphiert am Schluss über alle Geistes- und Ungeisteskonstrukte der gesamten Menschheit; der durch nichts aus der Ruhe zu bringende Held wünscht sich in sein geliebtes Kärntner Gailtal zurück und will nur eins: «Schifahren und sonst nix!».
(Buchpräsentation Lector Books)
Die Welt als Wahn und Witz, turbulent
Was war denn vor dem Urknall? Fragen wie diese bleiben der menschlichen Vernunft unzugänglich. Die Schöpfung ex nihilo ist ein schwer vorstellbarer Vorgang. Umso glücklicher dürfen wir uns schätzen, wenn die Literatur in die Bresche springt und die Wissenslücke mit ihrer Einbildungskraft auffüllt. Gion Mathias Cavelty kommt das Verdienst zu, diese Aufgabe besonders rabiat und turbulent anzugehen. In seiner «Andouilette»-Trilogie – bestehend aus den Bänden Die Andouilette, Die letztesten Dinge und Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete – durchmisst er den Kosmos nach Antwort selbst auf Fragen, die noch nie jemand gestellt hat. Es geht darin um die allerallerletztesten Dinge, die sich zugetragen, weit bevor ein Gott zum Zauberstab gegriffen und der Urknall den Kosmos entzündet hat. Was oder wer genau steckt hinter alle dem?
Der Band in der Mitte der Trilogie gibt im Titel das Thema vor: «Die letztesten Dinge». Der Ich-Erzähler tuckert mit einem Lieferwägelchen durch den nichtexistenten Orbit, hinten im Laderaum steckt Gott in einem Topf. Respektive das namen- und körperlose , das sich noch nicht bereit fühlt für seine Rolle als Schöpfer. Es muss erst noch darüber nachdenken. Zur eigenen Beruhigung übt es sich im Spiel auf einem Waldhorn, das es immerhin schon mal erfunden hat. Mit diesem Instrument will es zuerst einmal ein wenig durch das Nichts spazieren. Auf Anregung des Ich-Erzählers richtet es für die Übergangszeit einen Himmel ein, der wie ein riesiger Media Markt ausschaut. Der Erzähler selbst soll als Statthalter und real existierender Gott in der körperlichen Gestalt von Peter Alexander über dieses Reich und über die allmählich eintrudelnden verstorbenen Seelen walten. Doch Herrschaft weckt stets Widerstand. Deshalb droht bald Ungemach und bald geht es im Himmel zu wie in einem Warenhaus bei Ausverkauf.
Theologisch ist das schwer ernst zu nehmen, aber was vermag die Wissenschaft von Gott gegenüber dem Furor einer überschäumenden Fantasie? Mit einer offenkundigen Schwäche für letztendliche Fragen behaftet, schöpft Cavelty aus dem Vollen und flunkert sich aus dem Nichts eine Welt zusammen, die vor allem verständlich macht, warum Gott selbst Bedenken gegenüber der von ihm zu schöpfenden Welt hegt.
Was hätte ich überhaupt von meiner Schöpfung? Wäre die Verantwortung dafür nicht zu gross? Würde sie mir nicht zu Kopfe steigen?
Solche Skepsis ist zumindest mit Blick auf seinen Stellvertreter im Himmel berechtigt. Wir erkennen im Kern den real existierenden Schlamassel.
Das Unwahrscheinliche ist das Wahre, liesse sich die Erzählstrategie von Gion Mathias Cavelty umreissen. Nicht nur in diesem zweiten Band entpuppt sich der Ich-Erzähler als wahrer Actionliebhaber: «In meinen Texten musste immer etwas passieren, zack-zack, ratz-fatz, bäng-bäng». genau so kommt es hier. Cavelty beweist in der gesamten Trilogie einen spektakulären Hang zu Trashkultur, Trivialmythen und Turbulenzen. Die Logik? Na ja, die reicht ohnehin nicht bis in die Tiefe der letztesten und allerallerletztesten Dinge. Deshalb macht er sich daraus sein Spiel und erfindet eine Welt hinter dem Urknall; mit Gott in Gestalt von dem , oder einem Stück harter Seife, auf der die -Ismen aller Art spielend ausgleiten.
Letzteres ist der Fall im ersten Band der Trilogie, Die Andouillette oder Etwas Ähnliches wie die Göttliche Komödie. Unvermittelt und ohne sich «zeit meines Lebens gross mit dem Tod beschäftigt zu haben», erstickt der Ich-Erzähler in Paris an einer Andouillette: einer französischen Innereienwurst. Die Reise in den Himmel mündet in eine herbe Enttäuschung. Das Regime der Engel ist humorlos und arrogant, und der Zugang zum innersten Himmelszirkel bleibt gewöhnlichen Seelen versperrt. Sie werden bloss zu Fischstäbchen für die 44 «celestialen Delphine» gestampft.
Glücklicherweise aber gelingt dem Erzähler mit Tricks der Zugang zu der lichten Sphäre und eröffnet er so seinen Lesern erstaunlichste Einblicke in eine Welt, in der Gott als weiss gleissendes Seifenfeld erscheint. Eine kardinale Expedition hinaus in die unendliche Weite dieses Wesens, der sich der Eindringling verbotenerweise anschliesst, endet jedoch im Desaster. Der Trupp stösst auf eine Lücke in der Seife, welche nicht nur die Makellosigkeit Gottes beschädigt, mehr noch gefährlich ein Tor öffnet, durch das das höllische Böse eindringen kann. Uneigennützig opfert sich der Erzähler, um das Unheil abzuwenden. Im Sturzflug gelangt er zurück ins wüste irdische Purgatorium und von da – Dante retrospekulativ – tiefer hinab in die Unterwelt der vollkommenen Wurstigkeit. Die Königin der Andouilletten rüstet bereits zum Kampf, auch der Erzähler kann die Apokalypse des Himmels nicht mehr aufhalten. Immerhin vermag er sich selbst nach dem Tod Gottes über den Rand der sich allmählich auflösenden Seife hinaus zu retten.
Letzte Fragen vertrauen zwangsläufig auf Spekulationen – und um letzte Fragen handelt es sich hier, denn die letztesten werden die erstesten sein. Gion Matias Cavelty stellt in diesem ersten Band der Trilogie die Weichen. Sein Roman ist eine Trashkomödie, in der die reine himmlische Sphäre in unsäglich absurder Gestalt vor uns aufersteht. Entsprechend ist seine Erzählung gleichermassen eine Glaubensfrage wie eine Geschmackssache. Bezüglich der zweiten zieht Cavelty gerne alle Register der sprachlichen Wurstigkeit, die nicht erst mit diesem Buch zu einem seiner Markenzeichen geworden ist.
Die literarische Biographie von Gion Matias Cavelty beschreibt ein wildes Auf und Ab. 1997 debütierte er in der renommierten Edition Suhrkamp mit dem Roman Quifezit oder Eine Reise im Geigenkoffer, der auf geteiltes Echo stiess. Den einen gefiel das freche Spiel mit Zitaten, andere konnten daran kaum literarischen Wert erkennen. Dies änderte sich auch mit den zwei Nachfolgebänden nicht. Caveltys Reaktion darauf hiess 2000 Endlich Nichtleser, eine Therapie gegen die Sucht des Lesens. In seiner trashigen «Literaturshow» im Zürcher Jazzclub Moods zelebrierte er diese Therapie während Jahren öffentlich und zwickte mit einer Mischung aus Talk, Text, Performance und Musik den gehobenen Kunstgeschmack. Dazu gehört bis heute auch, dass er sich als Fan von Heavy Metal ausweist.
Den guten schlechten Geschmack möchte er daher auch im dritten Band seiner Trilogie nicht kampflos preisgeben. Im Unterschied zu den ersten zwei Bänden hält sich das Ich hier als Erzähler bedeckt. Sein Held, der Skigott Franz Klammer, wird von auktorialen Erzählfäden durch die Geschichte der Menschheit gehetzt.
Dabei beginnt am Anfang alles ganz manierlich realistisch. Am 8. Februar 1974 rast Franz Klammer auf dem Weg zu Olympiagold dem Ziel zu. Er muss dafür die Zeit unterbieten, die sein Konkurrent Bernhard Russi vorgelegt hat. Da geschieht auf einmal Spektakuläres. Nach schnellster letzter Zwischenzeit hebt er auf einer Bodenwelle ab, gerät in dichten Nebel, und wie er wieder zu Boden kommt, liegt unter ihm Jesus zerquetscht und tot. Aus die Maus für das Christentum.
Das gefällt nicht allen in Jerusalem. Verfolgt von römischen Soldaten und noch immer in seinem gelben Renndress mitsamt klobigem Schuhwerk steckend, wird der Franz vom abgeschlagenen Haupt von Johannes dem Täufer gerettet. Gemeinsam kriechen sie durch einen Tunnel ins Freie der Wüste und von da düsen sie mit Zwischenstation bei einem Gelage bei Kaiser Tiberius zurück zur Lade von Qumran und den Schlachtopferriten der Maya bis nach Atlantis, das von lauter kristallinen Vulven bevölkert ist, um zuletzt den «wahren Nullpunkt» zu sehen. Und abermals beginnt der ganze Schöpfungsschlamassel von vorne. Immerhin weiss der mythisch wie theologisch versierte Gion Mathias Cavelty diesen wilden Ritt durch die Historie mit erlesenem Wissen, überschäumender Fantasie und lästerlichem Humor auszustatten.
Das Haupt von Johannes dem Täufer will die kosmische Schöpfung am Nullpunkt auslöschen, damit nichts nie gewesen sein würde. Da kennt er den Franz aber schlecht, immerhin bliebe so auch sein Olympiasieg ungeschehen. Indem er sieben Jungfrauen beschläft, die alle Franz Klammer sind, verhundertfacht er sich und kehrt durch den Nebel ins olympische Rennen zurück, um den Abfahrtslauf zu gewinnen. Sein Motto und zugleich die Quintessenz all dessen lautet: Gailtaler Kasnudeln für alle – aber «gekrendelt, nicht gepfupft».
Genau so vernudelt Cavelty die mystische wie mysteriöse Kulturgeschichte surreal-ironisch zu einem Zirkus der Eitelkeiten, der formal verklammert wird durch Franz Klammer. Der Autor lässt keine Zweifel daran, dass er einiges weiss oder recherchiert hat. Seine Reise durch die Imperien und ihre gnostischen, makabren, mysteriösen Rituale steckt voll absurdem Witz, in welchem wohl ein Quäntchen historische Wahrheit steckt – wenn auch nur ein Quäntchen. Das liest sich über weite Strecken höchst amüsant, turbulent und strotzend vor intellektuellem Übermut. Dieser tröstet auch über manchmal etwas didaktische Nebenbemerkungen oder sich manifestierende Längen hinweg. Keine Schöpfung ist perfekt, nicht einmal diese hier.
Was von der dadaistisch angehauchten Flunkerei bleibt, ist eine vielleicht bestürzende, vielleicht beruhigende Einsicht: Wie gerne würden wir uns selbst mit uns selbst vervielfachen!
Caveltys turbulente Kosmogonie aus dem Geiste der Trashkultur und der Trivialmythen hält uns einen verzerrenden Spiegel vor, denn im Kern all dieser Mythen stecken letztlich doch nur wir selbst: der Homo sapiens desastrens. «Wir alle sind Franz Klammer», schliesst der Roman in diesem Sinn, hier und in allen uns umgebenden Paralleluniversen, auch jenem, wo die Olympischen Spiele in Innsbruck 1974 und nicht erst 1976 stattgefunden haben. Kenner haben es natürlich gleich bemerkt und durch YouTube ist es filmisch beglaubigt, dass Franz Klammer in Caveltys Roman fast auf den Tag genau zwei Jahr zu früh zum Olympiasieg rast.
Die Franz Klammerschen Embryonen in Abfahrtsmontur hat der Ich-Erzähler übrigens schon am Ende des zweiten Bandes im kosmischen Ejakulat des schliesslich doch zu Gott gewordenen entdeckt. Wäre das vielleicht nicht besser bei seiner zweitletzten Idee geblieben, als es gelobte, die Schöpfung «mit dem Gemüse» als «Krönung meines Werkes» zu beenden. Auch wenn der Erzähler in der Folge beim mehrtägigen Betrachten einer Gurke seinen inneren Frieden und den der Welt entdeckt haben will, ist das natürlich frech gelogen. Es gibt kein Gemüse ohne Vegetarier. Oder steckt das Böse doch in den Auberginen?
PS: In einer Nachbemerkung zu Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete, dankt Cavelty seinem Idol Franz Klammer dafür, dass er ihm «als Primarschüler den Wunsch nach einem Autogramm ganz unbürokratisch erfüllt hat». Was war da wohl mit Peter Alexander?