Dead End
Erzählungen

Eine Erbschaft in Valencia. Ein Club-Wochenende in Berlin. Das Wiedersehen mit dem Sohn eines alten Freundes. Eine Dienstreise in den Senegal. Nichts ist harmlos, nichts läuft wie geplant in David Signers bitterbösen und rabenschwarzen Erzählungen. Signers Protagonisten treffen alltägliche Entscheidungen, die sich als falsch erweisen. Als fatal. Sie entfesseln verhängnisvolle Ereignisse, denen wir als Leser und Leserin atemlos folgen.

David Signers acht neue Erzählungen kreisen um biografische Wendepunkte, an denen bisher geregelte Existenzen aus den Fugen geraten. Eben noch im Alltag verhaftet, finden sich die Protagonisten plötzlich an fremden, düsteren Orten wieder. In Situationen, die sie überfordern. Oder in denen ihr Leben zu einem jähen Ende kommt. Dead End.

Signer schickt in Dead End weiße europäische Männer im mittleren Alter ins Verderben. Ob in Varanasi oder in Zürich, alle jagen verlorenen Träumen und unstillbaren Sehnsüchten hinterher, neben denen die Fassaden der bürgerlichen Leben zu Staub zerfallen.

Mit boshaftem Witz und klarer, verknappter Sprache ist Signer mit Dead End ein fesselnder Erzählband in Schwarz gelungen.

(Buchpräsentation Lectorbooks)

Fluchtpunkt Varanasi: Manuela Di Franco «Der Himmel ist grün» (Basel, Lenos) und David Signer «Dead End» (Zürich, Lectorbooks)

di Beat Mazenauer
Inserito il 13.11.2017

Die «Literatur unterwegs», also Reiseberichte oder Reportagen, hat in der Schweiz Tradition. Zum einen gibt es die fundierte Zeitschrift Reportagen, die diese Form der Weltaneignung mit Bravour betreibt. Zum anderen haben Schriftsteller immer wieder das Abenteuer beim Schreiben wie beim Reisen gesucht. Nicolas Bouvier etwa war zeitlebens von Ungeduld und Neugier getrieben und entsprechend viel in fremden Ländern unterwegs. Ins Unbekannte zog es auch Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart, deren «voyages extraordinaires» (so der Titel des eben erschienenes Films über Maillart) nicht nur Abenteuerlust, sondern auch Mut, ja Übermut erforderten. «Ins Unbekannte hinausziehen, das ist neues Leben. Alles ist Wiederbeginn, ich weiss nicht, was vor mir liegt», heisst es bei Maillart.
Das moderne Reisen mit dem Smartphone im Gepäck erscheint demgegenüber harmlos, liesse sich denken. Das stimmt in gewisser Weise, dennoch sind in vielen Weltgegenden weiterhin Unwägbarkeiten damit verbunden. Neben Bruno Pellegrino (Atlas Hotel) oder Aude Seigne (Chroniques de l'Occident nomade) bestätigen dies auch Manuela Di Franco mit Der Himmel ist grün und David Signer mit dem Erzählband Dead End.
Die Bücher von Di Franco und Signer verfolgen je unterschiedliche Strategien und beschreiben so, aneinander gemessen, gegenläufige Reiserouten. Während Manuela Di Franco in ihrem Buch zum Himmel des erfahrenen Glücks strebt, das erst durch ihre Rückreise ein Ende nimmt, lässt David Signer seine Helden unweigerlich in die Hölle der existentiellen Sackgasse abgleiten. Im indischen Varanasi kreuzen sich ihre Wege.

Bevor sie die Grenze zur Wüste Belutschistan überquert, denkt Mo an Bouvier und Annemarie Schwarzenbach. Letztere notierte auf ihrem Weg nach Kabul: «wenn wir Halt machten, gesellten sich schlichte Bauern zu und und teilten mit uns ihre Melonen». Hinter solcher Zuversicht müssten doch ihre mulmigen Gefühle verschwinden, denkt Mo. Manuela Di Franco erzählt davon in ihrem Prosadebüt Der Himmel ist grün. Ihr literarisches Alterego Mo reist mit ihrem Gefährten Chalil auf dem Landweg nach Indien. Die Strassen sind seit Bouviers Zeiten besser geworden, nicht mehr blosse Sandpisten. Doch die Regeln, wann wo ein Bus oder Zug abfährt, erschliessen sich den Reisenden aus dem Schweizer ÖV-Paradies nicht immer. Sie spüren zugleich, dass Taktfahrpläne und Pünktlichkeit die Lust am Reisen mindern, weil es kein Reisen mehr ist, sondern bloss ein Transfer von hier nach dort. «Ich bin auch ein Büro« haben es vor Jahren die Zürcher Verkehrsbetriebe auf den Punkt gebracht.
Der Bus, der an der iranisch-pakistanischen Grenze wie aus dem Nichts auftaucht, verbreitet allein dadurch Vertrauen, dass er keine Schusslöcher aufweist: Mit ihm würde sich die Reise durch die Wüste wohl bestehen lassen. Mo und Chalil reisen wann immer möglich mit den Einheimischen, um ein wenig in ihren Alltag einzutauchen. Im Jahr 2006 führt sie der Weg über Bosnien durch die Türkei, den Iran bis ins Herz von Pakistans: das idyllische Swattal, das Mo an «die Schweizer Berge» erinnert. Nach einem Abstecher nach Indien und Nepal kehren sie nochmals dahin zurück, weil da der Himmel so herrlich grün ist und weil sie sich längst in ihren Gastgeber Samir «verliebt» hatten. Auch wenn sie das Reisen oft anstrengt, überwiegen für Mo respektive Manuela Di Franco am Ende die beglückenden Begegnungen und Momente. Ernsthafte Gefahr mussten sie nie erleben, selbst im Swattal fühlten sie sich aufgehoben.
Dennoch bleiben Mo und Chalil irgendwie Touristen allein dadurch, dass sie sich die Freiheit nehmen können, unbeschwert ein Jahr lang zu reisen. Ihr Roman erzählt am Ende vor allem eine Reihe von berührenden Begegnungen mit Menschen, die zum Verweilen eingeladen haben und von denen es schwer war Abschied zu nehmen. Die Autorin tut es mit anschaulichen Beschreibungen und einfühlsamen Porträts etwa von Samir, den sie allabendlich auf der Terrasse ihres Zimmers erwarteten, um miteinander zu kiffen und zu plaudern.
Erst gegen Ende 2006 verdunkelt sich der Horizont ein wenig, als die Kämpfe gegen die Taliban ins Swattal einsickern. Als einzige Touristen sind Mo und Chalil deshalb gefährdet, glaubt die Polizei. Mit dem Mute des Optimismus weisen sie die Warnung von sich. Tatsächlich haben sie Glück, die noch lauen Winde des Krieges werden erst ein Jahr später zum Sturm über die liebliche Region anschwellen.
Mo glaubt, dass ihre Angst auch von den medialen Vorurteilen über diese Gegend herrührt. Sie ist einzig etwas irritiert, wenn sie gewahr wird, dass sie immer nur mit Männern verkehrt. Die Frauen bleiben in dieser paternalistischen Welt unsichtbar. Und wenn sie Frauen trifft, so gibt es keine Verständigung, weil ihnen eine gemeinsame Sprache fehlt. Der Eindruck eines friedlichen Zusammenseins in dieser grossartig fremden Welt obsiegt und drückt ihrem Buch den Stempel auf. Deshalb trägt sich Mo schon auf ihrer Reise mit der Idee, diese Reise in Buchform festzuhalten.

Manuela Di Francos Buch verströmt die Überzeugung, dass es weiterhin möglich ist, sich über kulturelle Grenzen hinweg frei zu begegnen. Trotz solcher Zuversicht lauern hinter vielen Ecken die Gefahren der Globalisierung, weniger in Form von Internetcafés, sondern von Betrug und Terrorismus, weil die Welt in einem Austauschverhältnis steht und die Touristen aus dem Westen auch Repräsentanten einer globalen Ungerechtigkeit sind – weit stärker als vor siebzig oder hundert Jahren Davon erzählt David Signer im Band Dead End.
Mo müsste eigentlich das namenlose Ich in dessen Erzählung «Untertauchen in Varanasi» begegnet sein. Beide streunen sie durch diesen heiligen Fluchtpunkt für Weltenbummler. Während Mo in Varanasi eine Nähe zum Ort zu spüren glaubt und nicht mehr nur «seltsam distanzierte» Beobachterin ist, fühlt sich der Ich-Erzähler bei David Signer eher abgewiesen. Der Fotograf, der als Zweimonats-Stipendiat in der heiligen Stadt weilt, nähert sich der Stadt in Form eines Tagebuchs an. Neugier, Unverständnis, Gutgläubigkeit und Betrug vermischen sich zu einer mythisch-gespensterhaften Atmosphäre, die dem Fremden mit seiner europäischen Optik unzugänglich bleiben muss. Nur einmal scheint er die Distanz zu überwinden, bei einer Frau, die ihm eine Ayurveda-Massage verabreicht, doch genau in diesem Moment der Entspannung kommt ihm die Kamera abhanden.
David Signer ist ein versierter Autor und NZZ-Korrespondent in Dakar / Senegal, er kennt sich in Politik und Kultur fremder Länder aus. Das macht sich in diesem, seinem dritten Buch bemerkbar. Es umfasst sieben Erzählungen, die dramatisch miteinander verbunden sind: Die Helden leben alle auf einer schiefen Ebene und rutschen darauf unaufhaltsam in die Tiefe, zu Absturz und Tod führt. Genau so, wie die letzte Erzählung am Schluss des Bandes endet: «Diese Geschichte handelt nicht nur von einer Sackgasse. Sie ist eine. Kein Happy End. Dead End.»
Dieses bittere Fazit wirft seine dunklen Schatten über den ganzen Band. Mal ist es Wehrlosigkeit, mal unglücklicher Zufall, mal Paranoia oder verblendeter Selbstbetrug, der die Protagonisten in die missliche Lage bringen. Einzig in der erwähnten Geschichte «Untertauchen in Varanasi» glimmt am Ende ein dünner Strohhalm. Dem bestohlenen Fotograf geht, während er an seine Tochter denkt, die Songzeile «You could be a reason to live» durch den Kopf. Solche Illusionen hegt der Schweizer Arzt am Ende von «Alb – Die plötzliche Verdoppelung» keine mehr. Sie erzählt von einem grundlegenden Dilemma in der Begegnung von Nord und Süd: ein Mensch aus dem Norden kann nicht arm sein. Das mag stimmen. Doch was, wenn seine Kreditkarte nirgends funktioniert? Der Arzt, der im Senegal das Personal für eine in Zürich ausrangierte Röntgenapparatur ausbildet, will zum Abschluss seines Aufenthalts noch einen Freund besuchen, der auf dem Land wohnt. Die Reise in eine völlig fremde Gegend wird zum Fiasko, indem sich Missverständnisse, schwindende Geldreserven und ein blöder Zufall grausam kumulieren. Dem Arzt helfen hier weder Kreditwürdigkeit noch berufliche Vorsorge.
David Signer erzählt es mit der stilsicheren Nüchternheit des Journalisten. Nicht alle Geschichten lesen sich freilich so raffiniert und spannend bis zum Ende wie die letztgenannte. Die schiefe Ebene gerät mitunter allzu glatt, so dass der Absturz vorprogrammiert ist und der Weg dahin lediglich eine vorhersehbare Reihung von falschen Entscheiden und unglücklichen Konstellationen. Den Geschichten fehlt mitunter ein Schwanken, eine Gegenbewegung, die zumindest auf Seiten des Lesers eine kleine Hoffnung zulassen. Es geht nur hinab. Warum bloss stellt sich der Protagonist in der ersten Erzählung «Das Vermächtnis» so saudumm an, wenn er doch längst erahnt, was ihm blüht?
Die paranoide Grundstimmung in diesem Band mag überraschen bei einem Autor, der sich journalistisch gegen billige Klischees über die Kulturen des Südens wehrt. Letztere scheinen sich sogar zu bestätigen, indem die Schweizer Protagonisten gnadenlos verraten und ausgenommen werden. Vielleicht liesse sich auch sagen: ausgebeutet. Dieser Begriff erlaubt eine gedankliche Wende. David Signer verdreht in vielen Erzählungen die Verhältnisse ins Gegenteil, um die Drastik der medialen Projektionen deutlicher sichtbar zu machen.

Die existentialistische Schärfe, die sich in Büchern von Bouvier, etwa im Skorpionfisch manifestiert, wird eher von David Signer als von Manuela Di Franco eingefangen. Signers Reisen sind freilich oft anders motiviert: touristisch oder geschäftlich. Dennoch muss fast alles schief gehen. Die beiden Bücher nehmen Gegenpositionen ein: sie sind pessimistisch sarkastisch respektive optimistisch glücksverheissend eingefärbt. So sehr sie in vielen Passagen zu überzeugen vermögen, so hätte beiden je ein Quäntchen Überraschung aus der anderen Optik anderen gut getan. In dieser Form bleiben sie in ihrer Grundhaltung etwas gefangen.