Lied der Einsamkeit
und andere Prosadichtungen

«Die ganze Tiefe der Zeit.» Philippe Jaccottet

Das Leben und Werk von Gustave Roud (1897–1978) hat nichts Spektakuläres an sich: Er wohnte zeitlebens auf dem Hof der Familie in Carrouge (Kanton Waadt), wo er in einer poetisch dichten, musikalischen Prosa seine melancholi­schen Wanderungen im Wechsel der Jahreszeiten durch die Landschaft des Haut Jorat festhielt.
Roud war ein wichtiger Vertreter einer Dichtung der Introspektion und tat sich ausserdem als Übersetzer deutscher Dichter (No­valis, Trakl, Hölderlin, Rilke) hervor, die ihn stark geprägt haben. Heute hat das Werk des von seinen Zeitgenossen verehrten Poeten über die Grenzen der Westschweiz hinaus breite Anerkennung gefunden.
Anerkannt ist inzwischen auch sein fotografisches Werk, und Roud gilt als einer der wichtigsten europäischen Schriftsteller­-Foto­grafen in den Jahren zwischen den Weltkriegen.

(Buchpräsentation Limmat Verlag)

Einsamkeit, die ich meine

di Florian Bissig
Inserito il 19.02.2018

«Wer wollte wohl leugnen, dass eine weite, wohlgeordnete Landschaft eine unwiderstehliche Macht auf uns ausübt und zuerst unseren Blick und allmählich unser ganzes Wesen beherrscht?» Nun, viele würden es leugnen, und viele würden es auch 1945 geleugnet haben, als Gustave Rouds Lied der Einsamkeit veröffentlicht wurde. Doch Roud versteht seine Frage rhetorisch, der in seiner poetischen Prosa das Zusammenspiel zwischen der Natur und dem Menschen beschwört und feiert – ein Zusammenspiel spiritueller, ästhetischer aber auch handwerklicher Art.

Der Dichter, Übersetzer und Redaktionsmitarbeiter verbrachte die 79 Jahre seines Lebens im hügeligen Hinterland des Kantons Waadt, und musste durch die Jahrzehnte auch schmerzliche Entwicklungen beobachten. Die Asphaltierung von Feldwegen oder das Fällen von Pappelalleen beklagt er als Verlust der traditionellen ländlichen Lebenswelt, der auch in der Seele seine Spuren hinterlässt. So wird seine poetische Anwort auf seine Eindrücke von der Landschaft und vom bäuerlichen Leben auf dem Hof, auf dem Kornfeld und in der Mühle auch zu einem Dokument einer Zeit, die nun, nochmals 70 Jahre später, definitiv untergegangen ist.

Nicht allein seinen Bund mit der Natur und der Landschaft, sondern auch denjenigen mit den mähenden und dreschenden Arbeitskräften zelebriert Roud in seinen kurzen Prosatexten. Und immer wieder stehen die Freunde Fernand und Aimé im Zentrum, deren kräftige, gebräunte, nackte Oberkörper Roud mit unverhohlener Anziehung lobt und beschreibt. Als Beobachter und Dichter gehörte Roud, der zwar auf dem Dorf wohnte und auch in der Feldarbeit mit anpackte, zugleich zur Gemeinschaft dazu und nicht dazu.

Die «schicksalhafte Einsamkeit» – vielleicht der treffendste Titel für sein Werk überhaupt – findet er indessen in der Natur und Landschaft. Doch sie ist nicht etwa die negative Kehrseite der Naturverbundenheit. «Die absolute Einsamkeit ist nicht in diesen verlassenen Höhen angesiedelt, sie ist unter den Menschen», schreibt er in einem epistolarischen Stück, das an seinen Dichterkollegen Maurice Chappaz gerichtet ist. Andere poetische Prosastücke sind an seinen Verleger Henry-Louis Mermod adressiert, oder an seine bäuerlichen Freunde Fernand und Aimé.

Seiner Zurückgezogenheit und unscheinbaren Existenz zum Trotz hat Roud mit seinem schmalen Werk eine nachhaltige Wirkung auf die Westschweizer Literatur ausgeübt. Nicht zuletzt auf Philippe Jaccottet, der sich unermüdlich um die Herausgabe und Bekanntmachung seiner poetischen Prosa bemüht. Vor bald dreissig Jahren stellte er Roud der deutschsprachigen Leserschaft erstmals in einem Auswahlband vor. Auch zum kürzlich erschienen Band, der nun das ganze Lied der Einsamkeit auf Deutsch verfügbar macht, steuerte er für die 2002 bei Gallimard erschienene Ausgabe eine Einleitung bei. Gabriela Zehnder überträgt die Prosadichtungen in eine verständliche deutsche Fassung, welche die eigentümlich widerständige Bildlichkeit des Dichters dennoch nicht einebnet. Der Band wird ergänzt mit zwei Dutzend Fotografien Gustave Rouds von den Landschaften und Feldern des Haut Jorat und von seinen sensebewehrten, braungebrannten Freunden.

NB: Fast gleichzeig erscheint bei den Editions Zoé das Buch von Bruno Pellegrino, Là-bas, août est un mois d'automne, das den letzten zehn Jahren im Leben von Gustave Roud und seiner Schwester Madeleine gewidmet ist.