Circolare

Mit ihrem Prosaband Circolare nimmt uns Anna Felder mit auf Reisen an ferne und nahe Orte. Wir reisen mit ihr nach Lugano, Sizilien, Olten, Bern und Spanien und weitere Orte, und wir begegnen den unterschiedlichsten Menschen. Etwa einem Barmann in Italien, der die Worte rund und rein hervorbringt, einem pensionierten Versicherungsagenten beim Hundespaziergang, einer Frau, die sich beim Strei­chen eines Butterbrotes nicht stören lässt, oder Teresa, die barfuss in die Erzählung eintritt.

Über­all mit dabei ist Anna Felders Gespür für das Besondere im Alltäglichen. Sie beschreibt in ihren kurzen Texten das Leben zwischen Bewegung und Innehalten, zwischen Be­obachten und Weitergehen, und das alles in ihrer musi­kalischen, zerbrechlichen Sprache. Dabei entdeckt sie im­mer wieder im Fremden das Bekannte und im Bekannten das Fremde.

Circolare ist eine ganz eigene, innere, Geografie europäischer Orte und Unorte.

(Buchpräsentation Limmat Verlag)

Ein Fliessen und Kreiseln

di Beat Mazenauer
Inserito il 26.02.2018

Aus Anlass ihres 80. Geburtstags im Dezember 2017 und rechtzeitig zur Verleihung des Grand Prix Littéraire 2018 bringt der Limmatverlag einen neuen Prosaband der Tessiner Autorin Anna Felder heraus. Circolare heisst er auf Deutsch – ein Titel, der die italienische Überschrift Liquida um ein zweites Bewegungsmuster erweitert. Das Fliessen und das Kreiseln beschreiben den Schreib- wie den Leseakt dieser Prosa treffend.

Nehmen wir die Geschichte Ein Kuss in der Dritten. Von aussen beobachtet die Erzählerin – oder der Erzähler – die Vorgänge in einer Schulpause. Wie in einem Aquarium bewegen sich die Schüler stumm hinter den Glasscheiben, bilden flüchtige Gruppen und Konstellationen, die wieder auseinander streben. Die Beobachterin sieht, wie sich zwei Schüler, Marina und Mario, auf der Dachterrasse einen Kuss geben, der mitten hinein in eine Geschichte platze, schreibt sie, «die Marina später – wem? – erzählen wird. Eines Tages wieder dem Mario?» Die Pause geht zu Ende, die Schüler und Schülerinnen machen sich zum Klassenzimmer auf. Marina fährt mit dem Lift hoch, doch wie Freundinnen einsteigen wollen, wehrt sie ab: «Nein, bitte, kommt nicht herein, ich bitte euch, wirklich nicht.» Die aussenstehende Beobachterin nimmt erstaunlich vieles mit ihren Blicken ins Glasgebäude hinein wahr. Wie kann sie hören, was drinnen passiert? Und wenn sie so vieles weiss: Warum erfahren wir dann nicht Genaueres? Mit einem ironisch anmutenden Konjunktiv fängt die Erzählerin solche Bedenken auf: «Übrig bliebe Marinas Nein: ungelöst, zügellos...» – beschützt in dem grünlichen Schul-Aquarium.
Die Erzählung hinterlässt mehr Fragen als sie selber stellt. Sie funktioniert wie eine Versuchsanordnung im Erzähllabor. Aus einer kritischen Position beobachten wir Lesende die Autorin, wie sie listig Fallen aufbaut, ohne dass diese auf Anhieb erkennbar werden. Der Text klingt absolut folgerichtig und gut verständlich. Die Erzählerin verschachtelt keine Ebenen ineinander, sie behauptet keine Über-Realität. Und neuralgische Punkte überspielt sie gerne mit Konjunktiven und Fragen. Als Ganzes erweckt diese Prosa – und viele andere in diesem Band – den Eindruck einer frischen, zupackenden, transparenten Geschichte, die die Beschränktheit und das Unwissen der Erzählinstanz freimütig zugibt. Im Gespräch sagt Anna Felder, dass sie als Autorin «keinen Schlüssel zum Buch» habe, «ebenso wenig wie der Leser». Die Lektüre bestünde demnach darin, hinter die kleinen, im Text angelegten Rätsel zu kommen, die allenthalben in den alltäglichen Verrichtungen und Dingen stecken.
Ein Kuss in der Dritten ist keine neue Erzählung, sie erschien erstmals 2007 in einem Sammelband mit dem Titel Innenbilder von Mittelschulen. Typisch für Anna Felder, bespielt sie das gestellte Thema, indem sie ihr Innenbild als Aussenbild ausgibt – obgleich leicht erkennbar ist, dass die Erzählerin sehr wohl weiss, wie es drinnen zugeht.

Wie dieser sind 20 der 27 Texte in Circolare zwischen 2001 und 2015 andernorts schon einmal erschienen. Das bedeutet, dass die Zusammenstellung nicht aus einem Guss entstanden ist. Die Autorin hat die Texte aber so angeordnet, dass «Qui» (hier) und «Lì» (dort) als Kapitelüberschriften zum dritten Teil «Liquida» hinführen, der von einem gleichnamigen Text mit dem Zusatz «fast ein Nachwort» abgeschlossen wird. Die Autorin berichtet darin, sie habe einmal einen Brief erhalten mit der Anschrift «Liquida Anna Felder», der ihr ebenso vielsagend wie mysteriös erschienen sei – auch wenn es sich nur um harmlose Osterwünsche gehandelt habe.

Zwischen Fliessen und Kreiseln wünscht sich Anna Felder, dass sich die Leser so bedachtsam und taktvoll ihren Texten nähern wie sie diese taktvoll und bedachtsam geschrieben hat. Einmal und wieder und nochmals. Was auf Anhieb leicht, ja leichtgewichtig anmutet, da es kaum je um bedeutendes Tun und Handeln geht, ist im Kern vertrackt und verzwirbelt. Schon der Anfang ihres zweiten Buches La disdetta (1974) hatte es angedeutet. Erzählinstanz ist eine Katze, die gleich im ersten Satz zu bedenken gibt: «Sie hielten mich für eine Katze». Solche Tücken zeigen sich auch in Circolare. Die Erzählung «Madame Germaine» (erstmals erschienen in Viceversa 9) bringt uns die gleichnamige Frau in einer häuslichen Szene näher, die eingangs unter eine grosse Metapher gestellt wird: «Ein Spielball des grenzenlosen Meeres». Am Telefon plaudert Madame über ein «heroisches Erscheinen der Katze». Doch die Katze – Anna Felders Totemtier – hält sich vor den Lesern verborgen. Ihr Heroismus mutet wie eine reine Behauptung an, nicht die einzige in dieser Geschichte, gerade deshalb bleibt ihr Rätsel über die Lektüre hinaus offen und irritierend.
Manchmal macht es den Anschein, die Autorin habe Recht mit ihrer Behauptung, «nicht gleich sagen zu können, wie das Ende eines Geschehens aussehen, wie die Geschichte enden wird». Mit unverschämten Konjunktiven, die sie – wie in La disdetta – gerne einstreut, bekräftigt sie dies.
Dennoch klingen ihre Erzählungen zugleich schalkhaft und gewitzt, dass man es ihr solche Naivität nicht recht glauben mag. Mit Sicherheit liebt es Anna Felder, Lücken und Tücken in den Text einzubauen, die die Lektüre verlangsamen und Aufmerksamkeit einfordern. Die Texte erscheinen nur jenen Lesenden kurz, die darüber hinweglesen. Stärker als der Logos ist es die Musik, die dieser erzählenden Prosa zugrunde liegt. Anna Felder schreibt Prosa mit den Mitteln der Poesie, oder umgekehrt. Übers eigene Schreiben sagt sie selber, «dass ich, bevor ich einen Satz auf dem Papier festhalten kann, einen eigenen Rhythmus treffen muss, den richtigen Rhythmus». Kommt dieser Satz ins Fliessen, entwickelt sich ein Text, dessen Drehbewegung erst nach und nach zu erkennen gibt, wohin er führen könnte. «Das Lautliche und Rhythmische in jedem Satz bekommt eine geradezu stoffliche Bedeutung», bekräftigt Anna Felder.
Dazu trägt ihr Leben in zwei Sprachen Entscheidendes bei. Anna Felder lebt seit vielen Jahren in Aarau, wo deutsch gesprochen wird. Das Nebeneinander von Alltags- und Schreibsprache verleiht ihr eine kritische Distanz auch gegenüber dem Italienischen. Umso befreiender sind die Exkursionen zu den «glücklichen Inseln der Muttersprache», wenn sie in den Süden reist. Die erste Erzählung «Wer ruft mich» erzählt davon. Eine Marisa geht durch die Fussgängerzone und hört, wie sie beim Namen gerufen wird: «mit langgezogenem i, wie sie es hier machen». Mit ähnlichen Worten erzählt Anna Felder von ihren Reisen nach Hause ins Tessin. Wenn sie aus dem Norden in Lugano aus dem Zug steige, «ist mir, als ob mich jemand rufen würde. Ich drehe mich um um zu schauen, ob jemand mich gerufen hat», mit langgezogenem erstem A. Genau so empfindet es auch «Mariisa» – nur: Wer hätte sie gerufen?