Wildern Gedichte
«wir warten nicht auf jahreszeiten das neue jahr beginnt / nie und das alte jahr endet wie immer zeitlos». Raphael Urweider führt vor Augen, was für erstaunliche Früchte die Gegenwartskunde trägt. Seine Gedichte betrachten das Ineinandergreifen der Dinge: «wir essen fisch der nach petrol riecht und / kochen mit petrol das nach fisch riecht». Ebenso unbeschwert wie klug seziert Urweider Pflanzen: «was ist die einsamkeit eines knackens / gegen die zweisamkeit eines zweigs / äste verzweigen sind nie allein / allein ist ein ast nur holz». Zehn Jahre nach seinen letzten vielfach ausgezeichneten Gedichtbänden meldet sich ein beglückend überraschungsreicher Dichter zurück.
(Buchpräsentation Hanser)
Recensione
Raphael Urweider: Wildern
In Raphael Urweiders neuem Gedichtband Wildern klingt im Titel eine Unruhe und Wachheit an, die den gesetzlosen Jäger auszeichnet. Ihm vergleichbar ist auch der Dichter voll Unruhe auf der Suche nach der (friedliebenden) poetischen Form. Seinen bislang vierten Gedichtband lässt Raphael Urweider mit dem Kapitel «wintern» beginnen, das den Buchtitel subtil variiert. Es umfasst vierzig zusammen gehörige Zweizeiler, einsetzend mit: «ich bin ein tier», dem wenig später die Zeile folgt: «erkenne die fährten bin jäger». In diesem frostklirrenden Winterstück changiert das lyrische Ich zwischen Jäger und Gejagtem, um sich mehr und mehr in der losen rhythmischen Struktur selbst aufzulösen und vom Subjekt zum Objekt zu mutieren:
[...] der wind
zieht an mir wittert mein dasein verteilt mich
mein nachleben in jede bewachsbare richtung
In der zweizeiligen Strophenform mit meist 11-12 Silben treiben die Verse im Stakkato das lyrische Ich voran und ziehen die Leser mit hinein in die Anteilnahme an dieser winterlichen Szenerie. Der Wind verteilt, schliesst die letzte Strophe, «mein nachleben in jede bewachsbare richtung».
Dieses formale Muster nimmt Raphael Urweider am Ende seines Bandes nochmals auf, jetzt mit dreizeiligen Strophen. «tannen» heisst das Gedicht, an «bannen» erinnernd. In umgekehrter Bewegung entwickelt sich aus dem bewachsenen Urzustand ein Wesen heraus, das die stoffliche Welt sinnlich in sich aufnimmt. Die ersten Klett-Geräusche der Windeln, der Geschmack von Eisblumen und Walnüssen oder der Geruch von Rauch wachsen sich zu Erinnerungen aus:
erinnerung gibt es nur im plural
erinnerungen an den geruch vom rauch
an den händen des vaterserinnerungen die rauen hände
der mutter morgens im
schlaffeuchten elternbett
Allmählich nehmen so Vater und Mutter Form an, eine bäuerliche Welt entsteht aus den Falten kleinster Wahrnehmungen. Sie erhält Gestalt unter der Drohung der zersprengenden Frage, «was atombombe sei».
Zwischen diesen beiden Kapiteln hat Raphael Urweider fünf Gedichtgruppen angelegt, deren Überschriften einem ähnlichen Muster folgen: «orten», «weilen», «winden», «dämmern», «fruchten». Die umfangreichste Gruppe «orten» verwickelt das lyrische Ich ins Zwiegespräch mit verschiedensten Städten rings um den Globus. Es ruft die Stadt als ein Du an, um sich (in) ihr bemerkbar zu machen: sie zu würdigen oder ihre Verschlossenheit zu beklagen. Im Kapitel «dämmern» wiederholt das Ich die Weltreise, indem es gen Osten und in der Uhrzeit zurückweichend der globalen Dämmerung folgt. Beide Abteilungen eignen sich die Welt auf intime poetische Weise an. «Alle Länder sind Träume», zitiert Raphael Urweider zu Beginn Gottfried Benn. Von allen lässt sich träumen, mal in trüber Tönung, mal in hellen Bildern.
Erweitert um Verse der Kontemplation («weilen»), der Variation («winden») und der präzisen Beobachtung («fruchten») präsentiert sich Raphael Urweider hier äusserst vielseitig. Mal harsch, mal sanftmütig demonstriert er seine lyrische Beweglichkeit. Womöglich rührt daher der Titel, der in keinem der Gedichte nochmals auftaucht. Raphael Urweider wildert poetisch in unterschiedlichsten Feldern. Mit der Wachheit des Jägers durchmisst er den Mikro- wie den Makrokosmos.
Fokus «Gedichte aus dem Frühjahr. Neue Lyrik von Raphael Urweider, Thilo Krause, Melanie Katz und Ingrid Fichtner» (06.08.2018)