Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
Roman

Das eigene Leben noch einmal erleben. Soll man sich das wünschen? — Christoph verabredet sich in Stockholm mit der viel jüngeren Lena. Er erzählt ihr, dass er vor zwanzig Jahren eine Frau geliebt habe, die ihr ähnlich, ja, die ihr gleich war. Er kennt das Leben, das sie führt, und weiß, was ihr bevorsteht. So beginnt ein beispiellos wahrhaftiges Spiel der Vergangenheit mit der Gegenwart, aus dem keiner unbeschadet herausgehen wird. — Können wir unserem Schicksal entgehen oder müssen wir uns abfinden mit der sanften Gleichgültigkeit der Welt? Peter Stamm, der große Erzähler existentieller menschlicher Erfahrung, erzählt auf kleinstem Raum eine andere Geschichte der unerklärlichen Nähe, die einen von dem trennt, der man früher war.

(Buchpräsentation S. Fischer)

Im Mischgefühl von Glück und Trauer

di Daniel Rothenbühler
Inserito il 21.03.2018

Was machen wir, wenn wir eines Nachts einer Person begegnen, die aufs Haar derjenigen zu gleichen scheint, die wir vor zwanzig Jahre waren? Wir können ihr nachstellen und sie beobachten, um den Eindruck zu bestätigen oder zu widerlegen, dass wir es mit unserem Alter Ego zu tun haben. Wir können ihr ausweichen, sie fliehen, um diesen Eindruck loszuwerden. Wir können ihr begegnen und ihr unsere Geschichte erzählen. Wir können sie verdächtigen, diese Geschichte auszubeuten und unsere Vergangenheit als ihre Zukunft zu leben. Und wir können einzuschreiten versuchen, um dieser Geschichte im Plagiat eine andere Wende zu geben.

Verschlungene Zeiten
Christoph, der Ich-Erzähler des jüngsten Romans von Peter Stamm, realisiert nicht die eine oder andere dieser Möglichkeiten, er lebt sie alle nacheinander durch, nachdem er dem jungen Chris begegnet ist und in ihm den Doppelgänger seines früheren Ichs gesehen hat. Er erzählt diesen Parcours der verschiedenen Möglichkeiten Lena, der jungen Frau, die mit Chris zusammenlebt und in der er die Doppelgängerin seiner einstigen Geliebten Magdalena sieht. Er erzählt ihr auch, wie er seine Geschichte mit Magdalena vor der Begegnung mit Chris schon einmal zu einem Roman verarbeitet hat, wie er sie Chris erzählte, und wie er seinen Roman noch einmal zu schreiben anfing, nachdem Chris ihm zu beweisen versuchte, dass es diesen Roman gar nicht gab.

Das Abenteuer Christophs besteht also nicht bloss in der Begegnung mit zwei Doppelgängerfiguren, Chris und Lena, es ist vor allem auch ein Abenteuer im mehrfachen Erzählen seines Lebens. Und je weiter unser Einblick in sein Erzählen reicht, desto stärker haben wir den Eindruck, dass wir es mit einem unzuverlässigen Erzähler zu tun haben. Den jungen Chris, der diesen Verdacht am schärfsten äussert, hindert dies nicht daran, der Geschichte nachzuleben, die er als unglaubhaft abtut. Die junge Lena hingegen geht behutsamer auf Christophs Erzählung ein, versucht mit ihm zu ergründen, wie weit die Wiederholungen in ihrer beider Leben reichen. Sie weiss mit ihm, dass es Asymmetrien sind, die unser Leben überhaupt erst möglich machen, im Universum wie im Alltag, und dass jede kleinste Abweichung sich vervielfältigt. Und sie sieht deutlicher als die beiden Männer, die Chance der Doppelgängergeschichte darin, ihre eigene Geschichte in Relation zu derjenigen anderer Menschen zu deuten, sich nicht in der Abgrenzung von ihnen als einzigartige Individualität zu definieren.

Christoph erzählt ihr seine Geschichte in Stockholm, wo er vor sechzehn Jahren Magdalena verlassen hat, um sich ganz der Literatur zu widmen. Lena befindet sich Chris gegenüber nun in derselben Situation. Wird sich mit ihr wiederholen, was Christoph ihr von Magdalena erzählt? Die Begegnung der beiden findet ihren besonderen Reiz darin, dass das, was er ihr vom einstigen Geschehen in Stockholm erzählt, immer wieder zu verschmelzen droht, mit dem, was in der Erzählgegenwart geschieht. Wir erfahren beim Lesen neben der zunehmenden Unschlüssigkeit darüber, was der Ich-Erzähler tatsächlich erlebt und was er erfunden hat oder noch erfindet, auch immer wieder jene darüber, was nun Vergangenheit ist und was Gegenwart oder Zukunft. Die Zeiten werden dadurch so verschlungen, dass, versuchte man eine grafische Darstellung der Zeitebenen, diese am ehesten einem Bild von M. C. Escher gliche, in dem hochsteigende Treppen unvermerkt in absteigende münden und ein Wasserfall aus eben dem Becken gespeist wird, das mehrere Meter unter ihm zu liegen scheint. Was Escher im Raum gelingt, schafft Stamm im Gefüge der Zeit.

Fluchtversuche
Festzustehen scheint letztlich allein: Christoph hat drei Jahre mit Magdalena gelebt, hat sie zugunsten seiner literarischen Ambitionen verlassen und bleibt ein Leben lang so sehr hängen an dieser Liebe, dass sie sich ihm in dem jüngeren Paar sechzehn Jahre später zu wiederholen scheint. Die Zeit, der Umgang mit ihr, ist das eigentliche Thema dieses Romans. Christoph setzt die Linie jener Stamm’schen Protagonisten fort, denen wir z. B. schon in An einem Tag wie diesem mit Andreas oder zuletzt in Weit über das Land mit Thomas begegnen konnten. Christoph, der jüngste Lebensvermeider Stamms, versucht ins Erzählen zu flüchten, ob er nun tatsächlich Schriftsteller ist oder nicht, um nicht zu erleben, wie die Zeit und das Älterwerden ihn und Magdalena verändern und seine Liebe zu ihr bedrohen könnten. Unfähig, seine Liebe den Veränderungen und sich der sanften Gleichgültigkeit der Welt auszusetzen, flieht er in die Fiktion. Letztlich erweisen sich seine zeitverschobenen Doppelgängerfiguren Chris und Lena so als Projektionen seines Wunsches, festzuhalten, was auf unvermeidliche Weise zu entschwinden droht. Er empfindet ihnen gegenüber dieselbe Ambivalenz, wie Sigmund Freud sie im Motiv des Doppelgängers herausgearbeitet hat: der unheimlichen Verdoppelung der Wirklichkeit liegt der heimlichste Wunsch dessen zugrunde, der sie ebenso fürchtet wie herbeiführt. Im Doppelgänger Christophs zeigen sich seine «unterbliebenen Möglichkeiten der Geschicksgestaltung, an denen die Phantasie noch festhalten will» (Freud).

Christoph lebt dem Spruch des Kohelet aus der Bibel nach, für den nichts Neues unter der Sonne ist, weil das, was da ist, und das, was sein wird, angeblich schon vorzeiten da war. Aber das gelingt ihm nur im phantasierenden Erzählen. Dies kündigt schon der Anfang des Romans an, in dem Christoph als alter Mann die junge Magdalena an sein Bett kommen sieht und ihr dann draussen nacheilen will – eine Phantasie, in der seine Magdalena und die Lena von Chris zu einem einzigen Bild miteinander verschmelzen und in der Christoph nicht weiss, ob die Vermeidung des Älterwerdens durch die Fixierung der Jugendliebe im Bild ihn traurig macht oder glücklich. Dieses Mischgefühl von Glück und Trauer, Wunsch und Angst, Licht und Schatten durchzieht den ganzen Roman und verleiht ihm grosse poetische Kraft.

Rassegna stampa

"Attraverso questa storia, costruita su una struttura mantenuta in equilibrio grazie a uno stile asciutto e privo di sentimentalismo, Stamm si chiede se possiamo sfuggire al nostro destino o se dobbiamo arrenderci invece - appunto - alla ''dolce indifferenza del mondo''". (Helmut Failoni, La Lettura, 19.08.2018)