Eine dieser Nächte
Roman

Es ist eine dieser Nächte, die man durcher­zählen muss. Das zumindest findet Bill, der auf dem Flug von Bangkok nach Zürich neben Emma sitzt. Bill geht ihr gehörig auf die Nerven. Mit Donnerstimme erzählt er aus seinem Leben – und um sein Leben, und nicht nur Emma, sondern auch andere Passagiere sind gezwungen zuzuhören. Trotz ihres Widerstands werden sie aber alle, Emma, Michael, Stefan, Walter und ein Junge, ja, auch die japanische Familie in der hinteren Sitzrei­he, vom Sog der Geschichten erfasst, wobei eigene Geschichten und Phantasien wachgerufen werden. Alle diese Geschichten fügen sich zu einem Rei­gen, bei dem sich ungeahnte Bezüge und Entspre­chungen und ein geheimnisvoller Mittelpunkt her­ ausschälen. Denn Bill beschwört sprachgewaltig Orte, Leute und seltsame Wesen herauf. Die zwölf Stunden dieser Flugnacht entwickeln einen gefähr­lichen Reiz – und bekommen nicht allen gleich gut.

(Buchpräsentation Dörlemann)

Mitreissender Erzählwildwuchs

di Daniel Rothenbühler
Inserito il 23.04.2018

«Schriftsteller können auch erzählen, wenn’s sein muss.» Zu dieser Erkenntnis kommt in Eine dieser Nächte die Schriftstellerin Emma Dél nach bald zwölf Stunden Flug von Bangkok nach Zürich in Gesellschaft des redefreudigen Bill Kovacsics. Zunächst will sie so wenig von diesem «dauernd quasselnden Amerikaner» wissen wie die vier übrigen Mitfliegenden, die in ihrer und Bills Nähe sitzen. Doch dann lässt sie sich – wie diese – nach und nach von dessen Erzähllust anstecken. Zum Schluss erkennt sie im mündlichen Erzählen eine Lösung für die Schreibblockade, die sie in Rom angesichts der Videoproduktion dreier Informatik-Geeks befallen hat.

Mischung von Stimmen

Auf für sie verstörende Weise haben diese Geeks Zeiten, Räume, Personen und deren Privatsphären digital aufgegriffen und miteinander vermischt. Und nun geschieht im Erzählreigen, den Bill während des Langstreckenflugs in Gang bringt, etwas durchaus Vergleichbares: Bill reiht verschiedene Geschichten aus seinem Leben aneinander und vermischt sie, und diese kreuzen sich mit denjenigen, die seine Mitfliegenden sich durch den Kopf gehen lassen, vorbringen oder aufschreiben. Nur sind es jetzt nicht Algorithmen, die das Ganze bestimmen, es ist das Hin und Her zwischen Menschen, die versuchen, sich über das klar zu werden, was sie gehört oder selbst erlebt haben. Das ist die Stärke des mündlichen Erzählens: dass es im Dialog immer auch die (mögliche) Reaktion der Zuhörenden mit einbezieht und so eine Vervielfältigung verschiedener Sichtweisen auf dieselben Grundstoffe und -motive ermöglicht.

Was Christina Viragh in ihrem bisherigen Schreiben im avantgardistischen Verfahren der literarischen Montage gesucht hat, erreicht sie nun durch den Rückgriff auf die Tradition mündlichen Erzählens: die Mischung von «Stimmen, die wir schon gehört haben, und Stimmen, die wir noch nie gehört haben, aber schon gehört zu haben meinen», sagt Bill. Wie hier kommentiert er dauernd sein eigenes Erzählen und das der anderen und erweist sich dabei trotz Alkoholrausch als so überlegter und versierter Erzähler, dass die Schriftstellerin Emma Dél sich vornimmt, künftig ebenfalls «in Billmanier» zu erzählen.

Mit Emma reflektiert die Autorin ihr eigenes Vorhaben in diesem neuen Roman, lässt diese Schriftstellerin also nicht von ungefähr in Rom wohnen wie sie selbst und ebenfalls einer Familie entstammen, die aus Ungarn in die Schweiz geflohen ist. Bestechend am neuen Verfahren der Autorin ist nicht nur die Verflechtung der Geschichten Bills mit jenen seiner Mitfliegenden, sondern auch die Erzählsituation, die sie im Flugzeug arrangiert. So wie in herkömmlichen Novellensammlungen eine Gruppe von Leuten sich die Zeit mit Erzählen vertreibt, als «die Not» sie «unter ein Dach, in eine enge Hütte zusammendrängt» (Goethe), so machen es Bill und seine Sitznachbarn. Und so wie Scheherazade in Tausendundeine Nacht zur Abwehr des Todes dauernd forterzählen und die Neugierde des Zuhörers durch unaufgelöste Episoden wachhalten muss, so bekämpft Bill seine Angst vor «einer dieser Nächte» und befolgt beim Erzählen die Devise eines angeblichen Weisen aus Vietnam: «Das Rätsel ist die Lösung.»

Was zunächst als Trick des professionellen Erzählers erscheint, erweist sich als Hauptbeweggrund des Erzählens eines verstörten Menschen und seiner Sitznachbarn: Ihre Geschichten kreisen immer wieder um unauflösbare Rätsel, die ihr Leben und den Tod ihnen wichtig gewordener Menschen bestimmt haben und die auch in archaischen Bildern gründen wie demjenigen eines Teichs in der Prärie von Kansas, dessen Wirbel jedem den Tod bringt, der sich ihm über den tückischen Treibsand nähert.

Spannungsvolles Leseabenteuer

Wer im Wirbel des Teichs verschwindet, hinterlässt keine Spuren. Nicht zu tilgen hingegen sind die Spuren dessen, der im Wirbel des Erzählens untergeht. Mit faszinierter Anteilnahme denken zum Schluss des Romans nicht nur die Reisegefährten an Bill zurück. Auch wir Lesenden können uns dem Sog seiner ausufernden Erzählungen und dem Charme seiner forschen Leutseligkeit nicht entziehen. Selbst wenn sein Erzählen insistierend immer wieder die gleichen Grundmotive umkreist, verfolgen wir es und das mit ihnen verbundene Palaver in der Flugkabine mit unverminderter Spannung, weil es immer wieder neue Nuancen und Variationen hervorbringt – ähnlich einem grossen Musikwerk. Musikalisch wirkt auch der Wechsel der Sprachregister, den die Autorin virtuos beherrscht. Mit der Vermehrung der Stimmen und Perspektiven geht so auch jene der Rhythmen und Klänge einher.

Im Echo der Vielstimmigkeit zeigen sich Zusammenhänge zwischen den Sitznachbarn in der Flugkabine und ihren Geschichten, die weder einer Notwendigkeit noch dem Zufall entspringen. «Alle Momente sind in sich abgeschlossen und gleichwertig, und sie hängen mit allen anderen zusammen», lässt Emma ihre Mutter in einem imaginierten Dialog sagen. Das entspricht Viraghs Überzeugung, deren literarisches Verfahren seit je davon ausgeht, dass «sich nichts aus etwas anderem ergibt», während dem traditionellen Erzählen ja gerade diese Logik innewohnt: eins aus dem anderen. Im Widerhall mehrerer Stimmen können Geschichten aber an andere Geschichten anklingen, auch an Comics oder an Songs wie zum Beispiel den Procol-Harum-Song The Devil came from Kansas, dessen zentrale Motive sich sowohl im Erzählen des Italo-Schweizers Michael wie jenem des Amerikaners Bill wiederfinden.

Ums «Herstellen von Koordinaten» im richtungslosen Dunkel des nächtlichen Flugs geht es Bill beim Erzählen. Seine leitmotivisch wiederkehrende Obsession durch das Land der «Löwen Hicsunt» und der «Kopffüssler» erinnert an die Furcht der alten Römer vor dem Chaos jenseits der Grenzen ihres Reiches: «Hic sunt leones», sagten sie, «hier sind Löwen» und mit ihnen ist da die Gefahr des Zerrissen- und Verschlungenwerdens. Im Erzählen und dessen klarer Portionierung – für jede Flugstunde zwei Geschichten – versucht Bill heutige Ängste vor ähnlichen Gefahren zu bannen und Ordnung zu schaffen. Die Reaktionen seiner Sitznachbarn bringen sein Erzählprogramm durcheinander und lassen ihn selbst den mitreissenden Erzählwildwuchs vorantreiben. In diesem liegt die grosse Stärke des Romans und zugleich Bills Scheitern. Er merkt das und flüchtet in den Vollsuff mit «Martha», seinem Whisky. Warum er diesen so nennt, ist eine andere Geschichte. Eine der vielen, die diesen Roman zu einem spannungsvollen Leseabenteuer machen.