Reise im Korbstuhl
Ein Epos

Christian Hallers Epos nimmt den Leser auf eine kosmische Reise durch die Geschichte mit. In beschwingten Rhytmen führt es einen dantesken Höllentrichter hinab zum Durchgang in die ganz andere Welt der Quanten, die ungewohnten, doch wunderbaren Gesetzen folgt.

(Buchpräsentation Wolfbach)

Christian Hallers lyrisch-epische Achterbahnfahrt

di Beat Mazenauer
Inserito il 11.06.2018

Eine andere poetische Form legt Christian Haller mit seinem universellen Epos Reise im Korbstuhl vor. Wie der Ich-Erzähler seine Brille aufsetzt, wird er unvermittelt in eine Welt jenseits seiner wohligen Realität in einem bequemen und ererbten Korbstuhl verrückt. Auf einmal «sah ich mich verirrt in einer Landschaft, dunkel und verloren...» – und aus der aristotelischen Dreifaltigkeit von Ort, Zeit, Handlung in einen schwebenden Zustand herauskatapultiert. Sanft schwebend und zugleich rasant in die Tiefe stürzend fliegt er an den «Überresten meiner Bildung» vorüber:

Was sie zusammenhielt – Kalk der Wahrheit –

das hatten Säuren längst zerfressen / ließen
ein bruchstückhaftes Wissen in mir übrig

bedroht jetzt / im Vergessen zu versinken

An der Hand Dantes – oder Vergils? – führt ihn die Reise durch die Höllenkreise der Divina Commedia zurück durch die Geschichte ins Erinnern und Vergessen und hinunter an den Nullpunkt: Ecce Homo.

Christian Hallers Sturz und Schweben durch Raum und Unendlichkeit ist ein kühnes, ungewöhnliches Unterfangen. In einem Schnellrücklauf durch die abendländische (Kultur-)Geschichte, den das Ich traumhaft körperlich und zugleich wie in einer virtuellen Simulation erlebt, lösen sich alle Ordnungen auf. Der Sturz führt zum Höllenloch, das rite de passage ist zum Purgatorium, in dem Beatrice die Führung übernimmt und sie bald einem Fremden überlässt. Dieser – Wittgensteinsch wissend: «keine Wörter können da genügen» – wird als Genie, Scharlatan und Philosoph apostrophiert und gleicht vielleicht doch nur dem erzählenden Ich.

Reise im Korbstuhl ist eine lyrisch-epische Achterbahnfahrt, ein tief Hinunter und hoch Hinaus in die Unendlichkeit des Kosmos, die den Protagonisten am Ende an den Punkt führt, wo alle menschlichen Potenzialitäten zuhause sind: zu sich selbst. Christian Haller zieht alle Register seines nicht geringen «bruchstückhaften Wissens», um sein lyrisches Ich in seiner subjektiven Kosmogonie zu verorten.

jetzt ein erster blick! und ich tat, wie geheissen, schaut, sah mein zimmer, das bett, den schreibtisch, darüber das
gemälde […] ich sah mich selbst in meinem zimmer am schreibtisch sitzen.

So gross und kühn Christian Haller sein Epos anlegt, so sehr erregt seine Lektüre auch Widerspruch.

Nein, schrie ich wütend, genug! Was diese
Installation mir zeigt, ist Halbwissen
beliebig, wie es passt, zum Sinn verknüpft.

Die selbstironische Volte fällt auf das Epos selbst zurück. Seine Dramaturgie wirkt in einzelnen Passagen nicht restlos nachvollziehbar, etwa wenn sich der Höllensturz wiederholt. Vor allem aber weckt die Sprache Widerstand. Christian Haller hält sich weitgehend an ein jambisches Pentameter-Mass, das dem Text eine klassizistische, zuweilen altertümelnde Note verleiht. Das erweist sich stellenweise als produktiv, stellenweise will es aber auch nicht so recht zur virtuellen Inszenierung passen. Wäre eine moderne Sprech- oder Singweise nicht angebrachter gewesen für diese Reise ins kosmische (Ich-)Bewusstsein? Bei aller schwebenden und stürzenden Dynamik bleibt Christian Hallers Epos in einem Zwischenstadium stecken, das als Dichtung die Einheit von Zeit, Stil und Subjekt nicht immer befriedigend herzustellen vermag.

Beat Mazenauer im Fokus-Artikel «Poetische Experimente 2018», 17.07.2018