Fünfers Schatten
Roman

Auf dem Höhepunkt seines Ruhms reist der Dramatiker Maxim Diehl auf die Insel Porquerolles, um seine Autobiographie zu schreiben. Die mediterrane Kulisse soll ihm helfen, sich seinen Erinnerungen an die Kindheit, an den hartherzigen Vater und die verträumte Mutter zu stellen. Dabei wirft sich für ihn die existentielle Frage auf, ob man im Vergleich zu den Schicksalen des 20. Jahrhunderts heute überhaupt noch eine Biographie haben kann.

(Buchpräsentation Klett-Cotta)

Im Spiegel der Erinnerung

di Beat Mazenauer
Inserito il 04.07.2018

Daniel Goetsch liebt es, seine Protagonisten zwischen den Zeilen verschwinden zu lassen. Oder besser gesagt: zu erzählen, wie sie sich selbst abhanden kommen. Vorab der Roman Ein Niemand (2016) spielte mit diesem Thema, in das sich Lebenskrise, Langeweile und bedrängende Erinnerungen mischten. In seinem sechsten Buch Fünfers Schatten nimmt Daniel Goetsch diese Motive wieder auf. Was wäre, wenn ich gar nicht geboren wäre? Die Frage mag absurd klingen, allein das hindert Maxim Diehl nicht daran, genau davon besessen zu sein. Ob das ein gutes Ende nimmt?

In der Theaterszene hatte sich Maxim Diehl über die Jahre hinweg den Ruf eines poète maudit geschaffen, der gerne mit der Figur Rimbauds kokettierte. «Ton Voyant» unterschrieb er die Briefe an seine Muse Vivien, der er sich zeitlebens nahe fühlte, auch wenn sie weit weg von ihm lebte. Er war gewissermassen von ihr gefangen. Bettina, der Mutter seines Sohnes Jan, blieb derlei erspart, ihre Liaison hielt kaum über die erste Verliebtheit hinweg. Diehl war ein ewiger Junge, der sich in steter Unruhe in seinen eigenen Theaterstücken zu verbrennen drohte. Kurz vor der Jahrtausendwende 1999 wollte er auf der südfranzösischen Insel Porquerolles nochmals einen Neuanfang schaffen, weg vom Theater und seinen Intrigen, hin zu einer Lebensgeschichte: der eigenen. Die Konfrontation mit dem kleinbürgerlichen Milieu seiner Herkunft führte ihn, den rebellischen Schweizer Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters, allerdings an einen toten Punkt, den er auch mit Aufputschmitteln nicht überwinden konnte.

So war es ein Glück, dass auf Porquerolles ein zweiter Tourist weilte, der wie die Diehl die Insel in der Nachsaison besuchte. Allabendlich trank der Amerikaner Jack Quintin auf der Terrasse des Sainte-Agathe seinen Cognac. Die beiden mussten sich zwangsläufig begegnen. Diehls Neugierde wurde geweckt, als ihm der Amerikaner zu erzählen begann, wie er 1945 als US-Soldat in einer Truppe diente, die auf die Reeducation der Deutschen spezialisiert war. Ein ebenso strapaziöses wie erfolgloses Unternehmen, das im Kalten Krieg bald vergessen ging. Quintins Erzählung erschien ihm weit aufregender als das eigene Leben, weshalb Maxim Diehl alles haarklein sie für seinen neuen Roman festhalten wollte. Insbesondere faszinierte ihn, dass er darin ein Schnipsel der eigenen Geschichte zu erkennen glaubte. Sein Vater lebte 1946 als 15-jähriger Junge im ausgebombten Mainz. Hier soll es, erwähnte er einmal, zu einer verhängnisvollen Begegnung mit einem Amerikaner gekommen sein. Es hätte sich um Quintin handeln können, zumal dieser von einer ähnlichen, womöglich gar tödlichen Begegnung mit einem 15-jährigen Jungen in Mainz erzählte. Wären die beiden tatsächlich aufeinander getroffen, gäbe es Diehl allerdings nicht. Auch deshalb hörte dieser mit wachsender Anspannung dem Amerikaner zu.

Daniel Goetsch verklammert in seinem Roman zwei Lebensgeschichten miteinander, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Was wäre, wenn ...? Die Frage fesselte Diehl, eine schlüssige Antwort darauf fand oder notierte er freilich nicht. Und auch Jack Quintin behielt sein Geheimnis für sich. Kurz nachdem er aus Porquerolles abgereist war, stürzte Diehl von einer Klippe. Unfall oder Selbstmord? Niemand würde es je erfahren. Auch nicht der Erzähler, der Jahre später seine Biographie schreiben will. Die Erkundigungen bei Freunden und Bekannten bringen Dinge an den Tag, die dem eigenwilligen Maxim Diehl eine verschattete Kontur verleihen. «Wir sind aus Leben gemacht, nicht aus Möglichkeiten», schliesst das Buch mit einem trefflichen Satz von Jack Quintin alias Jakob Fünfer, den der Erzähler zum Schluss in Tel Aviv ausfindig machen kann.

Mit seinen Protagonisten greift Daniel Goetsch eine Reihe von unterschiedlichen historischen Themen und gesellschaftlichen Szenen auf. Maxim Diehl war eine Sternschnuppe am Himmel der deutschen Theatergeschichte, als noch Genies das bürgerliche Publikum verschreckten. Jack Quintin erlebte Deutschland im Jahr 1945, als sich die Nazis klein machten und nurmehr pflichtbewusste Opfer einer Diktatur sein wollten. Und durch seine Freundin Viv erhielt Diehl Einblick in die Härten des Drogenelends am Letten. Insgeheim ist Fünfers Schatten vor allem aber auch ein Vater-Roman, wie etliche andere Bücher von Daniel Goetsch. Alle diese Themen finden im Protagonisten Diehl einen turbulenten Widerhall. Das Böse, bemerkte er einmal, erkennt man im Spiegel.

Daniel Goetsch erzählt davon beredt und schwungvoll. Er hält von Beginn weg eine hohe Spannung aufrecht, ohne dass er sich um eine chronologische Ordnung kümmert. Im Rahmen der biographischen Nachforschung werden die Vor- und Rückblenden (übersichtlich) ineinander verschachtelt, die Erzählperspektive wechselt dabei immer wieder zwischen dem Protagonisten Diehl und seinem biographischen Erzähler. Manche Zuspitzung und Verkürzung ist durch dessen literarische Nacherzählung legitimiert. Auch wenn die eine oder andere Passage etwas zu ausführlich ausgefallen sein mag und intertextuelle Spielereien, von denen sich etliche im Text finden, hin und wieder etwas aufgesetzt wirken, sind die einzelnen Elemente und Motive doch subtil miteinander verwoben. Daniel Goetsch legt es nicht auf eine oberflächliche Irritation an.

Die Leser und Leserinnen sollen der Geschichte, so verworren sie mitunter anmutet, folgen können. Gleich zu Beginn heisst es: «Es ist schwierig, sich kein falsches Bild von Maxim Diehl zu machen. Besonders im Nachhinein, wenn man weiss, was mit ihm geschehen ist.» Erst nach und nach lässt sich erahnen, woraus dieses Wissen bestehen könnte. Dieser Konjunktiv bleibt bis zum Schluss erhalten, festgemacht im angesprochenen Paradox: Was wäre, wenn ich nicht geboren wäre und wenn mein Vater nicht hätte mein Vater sein können?