Letzte Züge
Eine Geschichte

Erinnerungen sind Reisen in die Vergangenheit, auf denen das Vergangene im Handumdrehen zur Gegenwart wird, oder mit Novalis: «Alle Erinnerung ist Gegenwart». Christian Kiening begibt sich auf eine solche Reise. In 17 Kapiteln zeichnet er die Wege zweier Generationen nach, die sich mit Kriegen, Verfolgung, Flucht, Gefangenschaft und Neubeginn konfrontiert sahen. Spuren einer Kindheit am fränkischen Main, ein Leben im besetzten Polen, das München nach 1945: Aus Fragmenten und spärlichen Überresten – Formularen, Aufzeichnungen,Dokumenten – entsteht die poetische Geschichte einer Familie, die zwischen Pragmatismus und Schwärmerei, Träumen und Sehnsüchten ihr gefährdetes Dasein gestaltet.

«Vor unseren Augen», sagt der Autor, «vollzieht sich die Arbeit des Erinnerns. Für Augenblicke erhalten die Toten eine Stimme, in der sich Gewusstes und Vorgestelltes überlagern.» Christian Kienings Debüt ist ein spannendes, mutiges und erzählerisch kraftvolles Stück Literatur, eine poetische Rekonstruktion, in der wir lesend miterleben, wie Erinnerung funktioniert.

(Buchpräsentation Weissbooks)

Der Schatten der Rechtschaffenheit

di Beat Mazenauer
Inserito il 13.08.2018

In den kleinen Geschichten verbirgt sich die grosse Historie. Das ist nichts Neues, die Literatur betreibt dieses Geschäft seit je her. Der in Zürich lehrende Germanist Christian Kiening, Professor für Ältere deutsche Literaturwissenschaft, reiht sich mit seinem Debütroman Letzte Züge in diese Tradition ein. Er begleitet seinen Ich-Erzähler auf einer Reise zur Beerdigung der Grossmutter nach Deutschland. Viel hat sie nicht hinterlassen, ausser «den wenigen Briefen einige Ausweise, Sparbücher und Arbeitsbücher, der Wehrpass des Großvaters», dazu «Postkarten und Fotografien, Impfzettel des Urgroßvaters aus den 1880er Jahren» und so weiter.

Dieses Wenige aber signalisiert eine politische Brisanz, die sich ins Private eingeschlichen hatte. Es enthält auch «Auszüge aus Kirchenregistern in Zusammenhang mit dem Ariernachweis, Entlassungspapiere aus verschiedenen Lagern mit Fingerabdrücken». Was steckt hinter diesen belastenden Dokumenten, fragt sich der Ich-Erzähler und versucht sich ein Bild seiner Vorfahren bis ins vorletzte Jahrhundert zu machen. Auf der Suche nach seinen Grosseltern und Urgrosseltern sichtet er die Dokumente, entziffert die Briefe, schaut sich die Fotos genau an, forscht den Ausweisen und Entlassungspapieren nach, folgt ihren Spuren auf eigenen Reisen und – vor allem – erinnert sich selbst an die Grosseltern Rosie und Anton. Der Erzähler beweist dabei einen wachen Sinn fürs Familiäre. Mit seinem Erinnerungsprojekt versucht er sie lebendig zu halten.

Im Leben von Rosie und Anton spiegeln sich die Katastrophen und Hoffnungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wegen wirtschaftlicher wie politischer Umstände waren sie nicht weniger als zehn Jahre lang miteinander verlobt, ohne dass sich Gelegenheit für eine Verehelichung geboten hätte. Während Rosie in der Bezirkssparkasse im unterfränkischen Ochsenfurt treue Dienste leistete, scheiterte der kulturbeflissene Anton mit seinen juristischen Ambitionen. Die neue Zeit jedoch bot auch neue Chancen. Anton «war im Grunde ein unpolitischer Mensch. Idealist, Spiritualist, Träumer» – der dennoch unter Einfluss eines Freundes am 1. April 1932 in die NSDAP eintrat, wo er sich bald als «Führer der NS-Kulturgemeinde» in Ochsenfurt empfahl. Er erhielt bald auch eine Anstellung im Finanzamt. Rosie folgte seinem Vorbild und trat 1934 in den NS Frauenbund ein. Beide verbanden damit weniger politische Ambitionen als die Hoffnung auf eine Auferstehung ihrer Heimat aus den Trümmern und der Schmach des ersten Weltkriegs. Der neue Krieg schien diese Erwartung vorerst zu erfüllen. Als Obersteuerinspektor im «polnischen» Kutno, das Nazideutschland 1939 annektierte, wurde Anton mehrfach vom Frontdienst freigestellt, bevor ihn der Krieg 1943 doch noch einholte.

Verlorene Hoffnungen, Niederlage und Vertreibung waren für Rosie wie Anton zwei Jahre später eine traumatische Erfahrung, mit der sie ihren eigenen Opferstatus begründeten. Als Funktionsträger gerieten sie zudem ins Visier der Entnazifierung durch die Alliierten, mit Lagerhaft und einer Einteilung in eine der Belastungskategorien. Christian Kiening beschreibt eindrücklich, wie sie, Opfer der Vertreibung und Misstrauen, jegliches Unrechtsbewusstsein verloren gegenüber den nazistischen Verbrechen – getreu einem Zitat von Ernst Wiechert, der über die alliierte Besatzung schrieb: «Es gab Zeiten, die so schlimm waren wie die Nazizeiten und einige waren noch schlimmer.» Hitler – ja schon, aber es habe auch Gutes gegeben.
In seinem Erinnerungsbild lässt Christian Kiening bewusst in der Schwebe, wo genau die Grenze zwischen historischer Realität und literarischer Fiktion verläuft. Literatur hat nicht wahr, sondern wahrhaftig zu sein. Allerdings hat er selbst einmal durchblicken lassen, dass die Vorbilder für Rosie und Anton seiner eigenen Familiengeschichte entnommen seien.

In Letzte Züge fragt Rosies Tochter Ursula in einem Aufsatz, den sie 1955 über Wolfgang Borcherts Draussen vor der Tür schrieb, nach dem Sinn des Erinnerns. Ist es nicht unnütz? Allein: «Wer zeigt uns was in uns wohnt? An die Vergangenheit zu erinnern ist die Aufgabe der Dichter.» Christian Kiening nimmt diese Aufgabe wahr.

Nebst seinen finanztechnischen Kompetenzen besass Grossvater Anton offenkundig ein hohes Interesse für Architektur, Kunst und Literatur. In diesem Punkt versteht ihn sein Enkel, der Ich-Erzähler, am besten. Allerdings macht es zuweilen den Anschein, dass er auf den Spuren des Grossvaters nach Paris, an die Atlantikküste oder ins Südtirol dieses Interessen überhöht und stark mit eigenem Wissen anreichert. Der philologische Exkurs über die Mnemosyne steht so eher quer in der souverän erzählten Geschichte. Souverän gerade auch deshalb, weil Christian Kiening die unwahre Chronologie der Ereignisse aufbricht und die Bruchstücke der persönlichen und historischen Erinnerung mit Bedacht peu à peu zu einem lockeren, zuweilen nur ahnungsvollen Gewebe zusammenfügt.

Darin erhalten die Träume und Enttäuschungen seiner Grosseltern ebenso Platz wie ihr stetes Bemühen, das Leben rechtschaffen zu bestehen. Dass solche Rechtschaffenheit in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts dunkel überschattet wurde, war Teil ihrer persönlichen Tragik. Doch geschah es ganz ohne ihr Zutun? Christian Kiening hält sich mit einem Urteil zurück. Sein Ich-Erzähler will sichtbar machen, ein Urteil steht ihm, dem Nachgeborenen, nicht zu. Oder wie Ursula schrieb: Die Dichter «richten sich gegen das Vergessen». Das allein genügt.