So gegenüber Gedichte
Gedichte, im Blocksatz angerichtet: Das dürfte zum einen für eine gute Verwirrung sorgen, zum anderen neue Räume fürs Mitdenken und Mitfühlen, fürs Lesen und Verstehen eröffnen. In der Empfindung, zwischen Wahrnehmung und Wort, wo auch die Musik zuhause ist, der Klang, hat sich so gegenüber Fichtners lyrisches Ich eingerichtet.
(Buchpräsentation Wolfbach Verlag)
Recensione
Ingrid Fichtner: So gegenüber
Wo Melanie Katz ihre Poesie schichtet, faltet und verquirlt, so verfolgt Ingrid Fichtner in ihren neuen Gedichten ein konträres Konzept: Sie bannt tägliche Beobachtungen in lyrisch rhythmisierte Blocksätze von maximal einer Seitenlänge. Ihr Band So gegenüber umfasst 67 Gedichte, die in Gruppen von 21 + 27 + 21 Gedichten einem dreiteiligen Triptychon vergleichbar angeordnet sind. Übers Ganze hinweg decken sie einen Jahreskreis ab, der von Winterkälte und erstem Frühlingserwachen (Abteilung 1) über den hellen Sommer (Abteilung 2) zurück zu Herbstnebel und erstem Schnee (Abteilung 3) führt.
Die Autorin hält sich dabei ganz an ihre Beobachtungen, die sich auf die sie umgebende Natur und den Himmel konzentrieren. Es beginnt so:
Als wäre ich auf hoher See
nur schaue ich nicht hinauf zum Ausguck eines alten Segelschiffs, ich schaue nicht hinauf zu einem Krähennest, mein Blick wandert nur einen Kran hoch; […]
Die Titelzeilen sind stets Teil des lyrischen Erzählens. Was Ingrid Fichtner respektive ihr lyrisches Ich in sich aufnimmt, ist das Wachsen der Pflanzen (Blumen und Bäume), sind die Tiere (Fische und Vögel), ist der sich verändernde Himmel und darüber gebogen die Weite des unendlichen Sternenhimmels. Das lyrische Ich erkennt sich als ein kleinstes Teilchen in einem kosmischen Gefüge, der mehrfach erwähnten «Lokalen Gruppe», einer Ansammlung von Galaxien, zu der nebst der Milchstrasse auch der Andromeda-Nebel gehört. Zwischen dem Universum und den «instrumentalen Signalen» der Vögel tut sich eine Welt auf, in die das beobachtende Ich ganz eintaucht und sich selbst darob vergisst – oder vergessen kann.
In der Beschränkung liegt der poetische Reiz dieser Gedichte, die Gesehehenes in präziser, knapper, oft abgebrochener Diktion einfängt und Gedanken nur kurz antippt. Die Winterkälte lässt eine leise Melancholie spüren, die sommerlichen Reisen in die Kakteenwüste oder in südliche Meere heben zum Lobpreis des Lichts an, das im Herbst wieder demütig den Nebeln Platz macht. Demut findet auch im leitmotivisch wiederholten und den Titel prägenden «so» ihren Widerhall. In ihm steckt ein «irgendwie so», das nicht Chiffre der Beiläufigkeit und Beliebigkeit ist, sondern Eingeständnis der eigenen Grenzen. Dieses Eingeständnis wird in den zufällig umgebrochenen Zeilen, die sich zum Blocksatz formen, gebannt. Rhythmisierungen, Binnenreine, Alliterationen, Wiederholungen und eine enge Verknüpfung der Motive untereinander bilden das poetische Rückgrat dieser Gedichte.
Zweimal gibt die Autorin Aufschluss über ihr «So nachdenken», allem voran im letzten Gedicht:
Von Zeit zu Zeit
eine Feder in die Hand genommen, einen Bleistift, einen Pinsel oder auch ein anderes Fundstück, und damit ein zwei drei Striche nur getan; ein zwei drei Striche nur, als blosse Möglichkeit, so außerhalb der Dinge Ordnung, entgegen Sinn, entgegen Uhr und Zeiger -
Nur selten offenbart das lyrische Ich seine Empfindungen, etwa als «sich plötzlich dieses Vögelchen in meinen Kummer verfliegt» und später angesichts der funkelnden Perseidenschwärme im August, denn «zu wünschen bleibt mir dabei nichts». Meist jedoch bleiben sie ganz in dem streng geformten Inventar der beiläufigen Wahrnehmungen aufgehoben – gerade deshalb spürbar für die Leser und Leserinnen.
Fokus «Gedichte aus dem Frühjahr. Neue Lyrik von Raphael Urweider, Thilo Krause, Melanie Katz und Ingrid Fichtner» (06.08.2018)