Meer und Berge

Im Zentrum von Annette Lorys Roman steht die Freundschaft zwischen zwei Frauen. Monika und Helen. Meer und Berge. So unterschiedlich wie ihre Sehnsuchtsorte sind auch ihre inneren Landschaften, ihre seelischen Topographien. Monika, die Suchende, Helen, die Radikale. In ihrer innigen Beziehung gleichen sie sich einander mehr und mehr an, werden zu «zwei Schattierungen des selben Blaus». Während einer Reise nach Griechenland kommt es zum jähen Bruch zwischen den jungen Frauen. Ein Bruch, der unüberwindbar scheint. Ein Jahr lang. Dann der Versuch, die Kluft, die sich zwischen ihnen aufgetan hatte, zu schliessen, auf einer gemeinsamen Bergtour. So war es gedacht. Doch Monika stürzt.

In Rückblenden wird die Geschichte nach und nach greifbar. Monika, die Ich-Erzählerin, reist zurück in verschiedene Vergangenheiten: Ihre Kindheit in der Enge eines Durchfahrtstals, die Flucht in die grosse Stadt am See, Szenen der Freundschaft, die Suche nach Helens Vater, Trennungen ... Dazwischen reihen sich traumartige Sequenzen und verschwommene Wahrnehmungen aus der Gegenwart im Spital.

(Kommode Verlag, Zürich)

Gratwanderung

di Ruth Gantert
Inserito il 28.05.2018

Kirschen finden sich zu zweit oder zu dritt an den Stielen verbunden – und um Zweier- oder Dreierkonstellationen geht es in Annette Lorys zweitem Roman Meer und Berge, dessen Ich-Erzählerin Monika Kirschen heisst. Aufgewachsen mit dem um wenig älteren Bruder Mani (Hermann) in einem Schweizer «Durchfahrtsdorf in einem Durchfahrtstal», lebt die junge Frau unterdessen im Mittelland, in der «grossen Stadt am See», wo sie als Psychiatrie-Hilfskraft arbeitet, da sie sich nicht zu einem Studium durchringen kann. Nach und nach kommen alle für sie wichtigen Zweierbeziehungen zu einem Ende, in der Familie ebenso wie in der Liebe und in der Freundschaft: Der Bruder zieht in die USA, der Freund Mauro verlässt sie für eine andere Frau, die Eltern trennen sich, und schliesslich verliert sie auch noch ihre beste Freundin Helen nach einem Streit im gemeinsamen Griechenland-Urlaub, in dem eine Ferienbekanntschaft, Sila, die Harmonie zwischen den Freundinnen erschüttert.

Die Geschichte wird als Rückblende erzählt, ein Jahr nach den Ereignissen in Griechenland. Nach langer Funkstille schlägt Helen eine Aussprache vor, und es kommt zu einer Bergwanderung, wie sie die beiden Freundinnen früher oft zusammen unternahmen, bevor Helen eine andere Freundin zu ihren Touren einlud. Unterdessen leidet die einst trittsichere Erzählerin jedoch an Höhenangst, was sie Helen sorgfältig verschwiegen hat. So setzt der Roman fulminant mit einem Bergdrama ein: Monika folgt ihrer Freundin auf der für sie viel zu schwierigen Route über Leitern und Engpässe, bis schliesslich das Schreckliche passiert. Nach einem Absturz schwebt sie zwischen Leben und Tod. Gedanken und Bilder, die in ihrem Dämmerzustand auftauchen, wechseln in kursiv gesetzten Passagen mit Szenen aus der Vergangenheit ab.

Meer und Berge – der im Titel genannte Gegensatz bildet nicht nur den landschaftlichen Rahmen der Geschichte, die sich in den Schweizer Bergen, in Städten und am Mittelmeer abspielt, sondern er bezieht sich auch auf den Charakter der beiden Hauptfiguren und auf ihre von Gegensätzen bestimmte Beziehung: Die schwarzhaarige Helen liebt das Gebirge, ihr Element ist das Feuer, sie kann schroff und radikal sein, während die hellhaarige, weichere Monika sich in der Horizontalen, am und im Wasser am wohlsten fühlt, auch wenn sie die Gipfel ihrer Kindheit in sich trägt. Zwischen innerer und äusserer Landschaft gibt es eine Verbindung, wie Monika ihrem chilenischen Arbeitskollegen erklärt:

In einer unseren Kaffeepausen erläuterte ich Carlos meine Theorie der inneren Landschaft, die Vorstellung, dass äußere Merkmale die innere Topografie prägten, oder – mit anderen Worten –, dass die Außenwelt, insbesondere Meer und Berge, der Seele einen Stempel aufdrückten.

In Carlos’ Heimatland Chile treffen Berge und Meer aufeinander, und so keimt eine Hoffnung auf, welche die Erzählerin vielleicht aus ihrer drohenden Depression rettet: Lassen sich die unüberbrückbar scheinenden Gegensätze in einer Person und zwischen den Menschen schliesslich doch noch vereinen? Nach Annette Lorys in New York angesiedeltem Romanerstling Vom Fliegen ausser Atem, in dem eine junge Schweizerin ihrer Au-pair-Familie davonläuft und sich der Hippie-Szene anschliesst, sind es auch hier wieder atmosphärische Landschafts- und Städtebeschreibungen, die dem Buch seine besondere Prägung geben. Sei es eine Reise nach Barcelona auf der Suche nach Helens leiblichem Vater, ein Campingplatz in Griechenland, die grosse Schweizer Stadt am See oder die Berge – Annette Lory findet präzise Beschreibungen und überzeugende Bilder für die Aussenwelt und ihre Wiederspiegelungen im Inneren ihrer Figuren. Schwieriger gestaltet sich die Schilderung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die manchmal auf klischierte oder unschön saloppe Ausdrücke zurückgreift. Da wird etwas zu oft «kreischend über den heissen Sand» gerannt, um eine Komplizenschaft zwischen jungen Frauen auszudrücken, die Erzählerin «kocht innerlich» bei einem Fehlverhalten ihres Ex-Freundes, es geht ihr «der Laden runter», oder sie fragt sich bei der Trennung ihrer Eltern, «was zwischen den beiden abgelaufen war».

Trotz einiger sprachlicher Ausrutscher stürzt die Erzählung jedoch nicht ab wie die Hauptperson an ihrem Anfang – der Autorin gelingt eine sinnliche Gratwanderung durch das Gelände der Erinnerungen und der vertrackten zwischenmenschlichen Beziehungen, die ihre Figur Monika Kirschen schliesslich auch unabhängig von Familie, Partner und Freundin als Individuum ankommen lässt.