Heimkehr nach Fukushima
Roman

Der Architekt Paul Neuhaus, frisch verlassen, erhält eine Einladung von seinen alten Freunden Ken-Ichi und Mitsuko. Der Bürgermeister eines Dorfes nahe beim Unglücksmeiler von Fukushima, Mitsukos Onkel, bittet Neuhaus, ihn zu besuchen. Die Gegend ist verstrahlt, die Dörfer sind verlassen, die kontaminierte Erde ist abgetragen. Die Regierung wünscht die Rückbesiedlung, aber die Menschen haben Angst. Der Bürgermeister will Neuhaus für eine Künstlerkolonie gewinnen – in der verstrahlten Zone –, um neue Hoffnung zu wecken. Neuhaus reist mit Mitsuko an und sie geraten in eine unentrinnbar intensive Nähe zueinander. Ist in der schönen, verseuchten Landschaft Fukushimas eine Zukunft möglich wie auch in der Liebe zwischen Paul und Mitsuko? Sie beide begleitet die Lektüre Adalbert Stifters. So wie dort die geheimnisvolle Kette von Ursache und Wirkung die Bereiche des Lebens gleichermaßen verknüpft, so stellt die unheilvolle Kettenreaktion im Atommeiler in Fukushima nicht nur die Japaner vor die Frage, was diese Katastrophe über uns alle sagt. Sind wir im Zentrum der Gefahr nicht näher an unserer Wahrheit und an der unserer Gegenwart?

(Buchpräsentation C.H. Beck)

Liebe in der verstrahlten Zone

di Florian Bissig
Inserito il 03.09.2018

Irgendwann fällt es Paul Neuhaus plötzlich wie Schuppen von den Augen. Der Bürgermeister eines Dörfchens in der verstrahlten Zone in Nähe rund um Fukushima will die Rückkehr der Menschen in ihre Häuser vorantreiben. Ein Vorzeigesiedler wie der renommierte Architekt und Schriftsteller aus Deutschland soll ein entsprechendes Signal aussenden. Die kluge und attraktive Nichte des Bürgermeisters, Mitsuko, mit der Neuhaus die Gegend ein paar Tage lang allein zu zweit erkundet, sollte die Sache dabei in Schwung bringen…

Plumper kann man es nicht anstellen. Doch der Plan geht auf, wenn auch nicht genau so, wie es sich der Bürgermeister vermutlich vorgestellt hatte. Neuhaus, der während der Katastrophe 2011 zufällig in Japan unterwegs gewesen war, ist durchaus bewegt vom Schicksal der Region. Er lässt sich bei fiependem Geigerzähler durch die Region fahren, stiefelt in einem Schutzanzug durch verlassene Häuser und führt gedolmetschte Gespräche mit Menschen, die seit Jahren in provisorischen Unterkünften ausharren.

Hat er je ernsthaft in Erwägung gezogen, im Dorf Yoneuchi ein Haus zu kaufen und sich als der exotisch-intellektuelle Pionier einer Künstlerkolonie im verstrahlten Gebiet ausstellen zu lassen? Da sind Zweifel angebracht. Was hingegen bereits klar wird, als er die Einladung von Mitsuko und ihres Ehemanns Ken in Händen hält ist – er hatte die beiden vor Jahren in Deutschland kennengelernt –, ist, dass ihn die 25 Jahre jüngere Japanerin fasziniert.

Heimkehr nach Fukushima ist ein vielschichtiger Roman, in dem Adolf Muschg auf zwei Ebenen grosse Stärken ausspielt. Erstens ist er ein Kenner Japans und vermag tiefe Einblicke in die japanische Mentalität zu geben, von der wichtigen Rolle der Scham bis zu den Relikten der Samuraikultur. Zweitens ist der Roman auf leichthändige Weise intertextuell, indem er Neuhaus auf seiner Reise eine Erzählung Adalbert Stifters lesen und darüber nachdenken lässt. Die Anspielungen auf Stifters später Erzählung «Nachkommenschaften» aufzufächern, welche Muschg mit der Handlung zwischen Paul und Mitsuko und mit seiner Verhandlung von künstlerischen Motiven und Lebensthemen macht, böte genügend Stoff für eine germanistische Lizenziatsarbeit.

Die schon vom Klappentext als «unentrinnbar» angekündigte Nähe zwischen Paul und Mitsuko ist aber schliesslich, was vom Buch in Erinnerung bleiben wird. Zunächst knistert es sanft, wenn ihre Haarsträhne auf seine Wange fällt, oder wenn sie sich ihm nach einem koketten Wortwechsel wieder verschliesst. Der stürmische Sex unter erschwerten Bedingungen (Schutzanzüge, verstrahlte Erde, mangelndes Gleichgewicht) ist brillant imaginiert und bildet auch dramaturgisch einen Höhepunkt des Romans.

Was für Paul in Fukushima auf dem Spiel stand, scheint er selber erst zu realisieren, als er nach der Verabschiedung von Mitsuko und den Dorfleuten noch einige Tage in einem Tourismusresort mit Blick auf den heiligen Berg Fuji vor sich hinvegetiert und mit Halluzinationen und Suizidgedanken kämpft. Erst in den letzten Zeilen des Buchs wird, als Mitsuko Paul kurz vor seinem Abflug am Flughafen noch erwischt, der Anfang einer neuen, schönen und langen Geschichte verraten.