Wie ich auf die Welt kam
In der Sprache zu Hause

«Denke, was du willst, aber sag es nicht.» Das mütterliche Verbot machte aus Irena Brežná eine Schreibende. Bis heute betrachtet die engagierte Autorin ihre Texte als ein «Aufbäumen gegen das Gebot des Schweigens und des Nichthandelns». Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings flüchtete die Achtzehnjährige aus Bratislava in die Schweiz. Es war das Jahr 1968, für die junge Frau eine wichtige Weichenstellung. Im Exil fand sie bald Zuflucht in der neuen Sprache, entdeckte das kritische Denken. Die Teilnahme am öffentlichen Diskurs ließ sie sich fortan nie mehr verbieten, weder als Einwanderin noch als Frau. Vielmehr fand sie darin Identität und Haltung. Irena Brežná ist da zu Hause, wo sie schreiben kann. Davon zeugen die Essays und Reportagen in diesem Buch. Sie erzählen vom Roten Platz, wo der Dissident Viktor Fainberg sämtliche Zähne verlor, und von Friedrich Dürrenmatt, der so wohltuend kompromisslos war. Von der Männerwelt der russischen Mafia, tschetschenischen Friedensfrauen und dem Überwinden der Angst. Aber auch vom organisierten Widerstand gegen das Fällen einer Pappel in einem Basler Hinterhof.

(Buchpräsentation Rotpunktverlag)

«Schreibe ich, finde ich mich auf dieser Welt zurecht – indem ich sie mitgestalte»

di Natascha Fioretti
Inserito il 03.10.2018

Wie ich auf die Welt kam ist Irena Brežnás Lebenserzählung durch ihre persönliche Brille und Weltsicht. Zuerst ist es die Weltsicht eines jungen Mädchens, das 1950 in Bratislava zur Welt kommt und 1968 mit der Familie aus ihr Heimatland in die Schweiz emigriert: «Für mich ist bis heute keine Jahreszahl so bedeutend wie 1968». Stichwort Okkupation, Prager Frühling, gescheiterte Hoffnung: Die junge Irena Brežná kämpft um ihre Identität und setzt sich mit der Erfahrung einer Exilexistenz auseinander. Wie eine Pappel versucht sie, die Wurzeln in den Boden ihrer Heimat einzuschlagen, während sie ihre Äste stark und stolz in den Himmel der Zukunft ragen lässt. Schon in ihren jungen Jahren ist sie politisch aufgeklärt und engagiert, auch eigenwillig. Sie will es genau wissen, informiert sich, wie es um ihr Land steht und möchte teilhaben an der Gestaltung der Welt. «Meine Identität ist tschechoslowakisch, ich schreibe für die tschechoslowakischen Exilmedien und tanze auf tschechoslowakischen Bällen». Nach dem Studium der Slawistik, Philosophie und Psychologie an der Universität Basel mit einer Vorliebe für Martin Heidegger entwickelt sich Irena Brežná zu Journalistin und Kriegsreporterin für deutschsprachige Medien, ist zugleich aber auch Dolmetscherin, Russischlehrerin, Menschenrechtlerin, humanitäre Helferin und zu guter Letzt, seit 2003, Schriftstellerin. Diese verschiedenen Facetten zeigen sich schon in ihren früheren Werken, wie zum Beispiel Die undankbare Fremde und Die Wölfinnen von Sernowodsk. Doch hier konvergieren alle Steinchen zum reichen, bunten Mosaik einer eindringlichen und nüchternen Erzählung.

Die Sprache ist präzise und klar, ohne Umwege führt sie uns durch Irena Brežnás Lebensstationen. Man hat das Gefühl, die Autorin lege alles auf den Tisch: Erinnerungen, Ansichten, Erfahrungen, Gefühle, Misserfolge. Sie sortiert langsam aus, gibt ihnen Form und Substanz, lässt sie gedeihen und ordnet sie zeitlich ein. Das Buch beginnt mit dem Prager Frühling und endet voller Hoffnung und Sehnsucht mit dem Slowakischen Frühling und der heutigen Generation, welche die Autorin an ihre Zeiten zurückerinnert: «Wir sind die, auf die wir gewartet haben». Als 1989 die Samtene Revolution begann, packte sie ihre Sachen zusammen und fuhr in die Revolution, in einem dunkelgrünen Mantel im Stil der russischen Revolutionäre.
Gerade dieses Jahr, den 28. Oktober 2018, feiert die Tschechische Republik den 100. Jahrestag der Entstehung der unabhängigen Tschechoslowakei. 1989 wechselte sie von dem Realsozialismus in die Demokratie.

Der rote Faden, der alles miteinander verbinden, ist die Emigrationserfahrung der Autorin. «Die Emigration erschien mir ein Fluch zu sein. Wir waren also zu Flüchtlingen geworden». Sie meidet Wörter wie Willkommenskultur, legt aber den Akzent auf die Bereitschaft des Gastlandes, die Einwanderer willkommen zu heissen, sie als vollwertige Mitbürger zu begrüssen und nicht als Menschen zweiter, dritter Klasse. Sie wiederum fordert das Recht, frei zu sein, nicht nur von Furcht und Not, sondern frei, sich an öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen. Anfangs war die Begegnung mit der Schweiz gar nicht leicht für sie, es war eher ein kultureller Zusammenprall. Was sie vor allem schockiert, ist die Stellung der Frau in der Gesellschaft, zum Beispiel die Tatsache, dass Frauen an der Universität noch eine Ausnahme sind. Zu Hause kannte sie es anders: Frauen bildeten an den Universitäten eine Mehrheit, definierten sich über ihren Beruf und hatten das Wahlrecht schon 1918 erhalten. Um die Schweiz zu beschreiben, fallen ihr die Worte des ungarisch-schweizerischen Psychiaters Emil Pintér ein. Er bezeichnet sie als ein Land, das sich abgrenzt, das Eigene schätzt und einen sparsamen Umgang mit Gefühlen prägt. Stattdessen pflegt Irena Brežnás Herkunftsland Geselligkeit und Humor. Die junge Frau wehrt das kalte Paradies, wie die Schweiz genannt wird, zuerst ab und die Begegnung mit den Einheimischen glückt ihr nicht auf Anhieb («Sie stellen die banalsten Fragen, ob wir drüben einen Kühlschrank hätten»).

Doch sie kämpft wie eine Löwin um ihre Ansichten und sie bekennt, dass ihre Existenz als Migrantin «ein nie endender Prozess mit unerwarteten Phasen ist. Jeder und jede verläuft sie verschieden lang und intensiv, auch wenn jemand eine neue Identität zu haben glaubt, kann diese wieder in sich zusammenfallen».
Ihr Zuhause findet sie schliesslich in sich selbst und in ihrer Sprache. Man wandert nicht nur in ein Land ein, sondern auch in eine Sprache, und für Irena Brežná war es die deutsche Sprache, und zwar die Hochsprache. In ihr fühlt sie sich zuhause wie im eigenen Wohnzimmer. Sie schleift ihr Leben lang an der Sprache «wie ein Tischler an seinen Tischverzierungen». Und sie tut dies in der deutschen Schweiz, wo die Mundart bevorzugt wird. Doch sie steht zu ihrer Vorliebe, Schrift und Wort müssen miteinander hergehen, wie sie ergänzt: «Schreibe ich, finde ich mich auf dieser Welt zurecht – indem ich sie mitgestalte». Wo es um die Sprache geht, um ihre selbst erlernte Identität, schlägt das Herz ihrer Erzählung, in der ihre ganze Leidenschaft pulsiert.

Das Buch ist reich an Anekdoten, Geschichten, Personen, ob aus dem Westen oder aus dem Osten. Unter den Heldinnen, die sie als Kriegsreporterin begegnet, zählen die Bäuerinnen von Sernowodsk, die 1996 vor russischen Bombardierungen und Säuberungen aus den tschetschenischen Dörfern fliehen müssen. Dem Krieg ins Gesicht zu sehen, vor die Panzer hinzustehen – dies sind Erfahrungen, die Irena Brežná zutiefst verändert haben, auch in ihrer Arbeit als Reporterin. «Krieg verlangt von mir Wagnis, genaues Hinschauen und schlichtes Handwerk.»

Für Sammlerin der Seelen. Unterwegs in meinem Europa erhielt Irena Brežná im Berliner Schloss Bellevue, den Journalistenpreis im Rahmen der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises. Dabei traf sie Sainap Gaschajewa, die bekannte tschetschenische Menschenrechtlerin, die mit Anna Politkovskaja zusammenarbeitete. Das Buch versammelt zahlreiche aus dem Leben gegriffene Geschichten und Anekdoten. 1981 befragte die Autorin Friedrich Dürrenmatt über seine Erfahrungen mit der Tschechoslowakei. Sie zitiert ihn mit den Worten «Das Land tut mir leid, weil ich die Leute sehr liebe. Was mich immer beeindruckt hat ist das tschechische Publikum. Das Publikum macht dort die Opposition, es wird hellhörig und verwandelt das Stück. Die Tschechoslowakei war einmal eines der modernsten Länder in Osteuropa».
In Wie ich auf die Welt kam erzählt Irena Brežná nicht nur aus ihrem Leben, der von zahlreichen Schwarz-Weiss-Fotos begleitete Text vermittelt auch Weltgeschichte und Ost-West-Politik der letzten fünfzig Jahre.