Silent Syntax

MIT EINEM ASTRONAUTEN
(to Nathan Daniel Moore)

Gesanglos bin ich
schon fort, ohne Hölderlin
geh ich, lass ich ihn
liegen auf einem Tisch aus Glas oder
der Strand ist weit
in América
eine zeitlose
MIR.

(hochroth Verlag)

Recensione

di Beat Mazenauer
Inserito il 30.04.2018

Melanie Katz: Silent Syntax

«Ich falte die Zeit / wer aus mir trinkt wird ein Reh» — die beiden ersten Zeilen des Titelgedichts klingen so märchenhaft wie grundlegend für den Gedichtband Silent Syntax. Die grammatikalische Satzordnung erlaubt widerstandslos in aller Stille, dass Geheimnisvolles geschieht und unverhoffte Begegnungen sich ereignen. In ihren 29 Gedichten lotet die Lyrikerin Melanie Katz alle Möglichkeiten der poetischen Einbildungskraft aus und beweist so strikten Eigensinn. So wie das Falten der Zeit letztlich etwas gänzlich Neues hervorbringt, so unterliegt ihre Lyrik gemeinhin einem steten Falten, Schichten, Stapeln, Verwirbeln und Verwandeln. Diese poetischen Prozesse setzen alles in Bewegung und verschieben beständig die Grenzen zwischen Wahrnehmung, Traum und Illusion.

Mit sparsamen Mitteln erzeugt Melanie Katz so schillernde Bilder, die sich kaum eindeutig und einfach auflösen lassen.

Bewegung

Unter der Brust ein Wald
aus Tannenspitzengrün
ab und an streiche ich ihn
mit einem feuchten Lappen
glatt

Das lyrische Ich verwandelt sich natürliche Vorgänge und topographische Kompositionen an, taucht in sie hinein oder versucht sie zu fliehen. In «latin subtropicàl» mischt sich der exotische Traum «auf der haut / eines löwen liegen» mit der Atmosphäre eines Zimmers bei Regen draussen. In «(auf)schichten» wird die Haut zum Fundament einer Welterfahrung, die bis in den Himmel reicht.

Farben spielen eine Rolle, wobei grau und «papierrosa» wiederholt vorkommen; und Tiere in allen Formen und Gattungen als beschützende wie beschützte Kreaturen. Subkutan machen diese Gedichte ein beständiges Ringen spürbar, das sich der eigenen sinnlichen Wahrnehmung versichert und ihr zugleich misstraut.

Das Vergessen und deine Verantwortung
man hatte gesagt
diese gehöre zusammen, ganz un
mittelbar

Schier unscheinbar reisst der fehlende Trennungsstrich über das Zeilenende hinweg („un mittelbar“) eine Lücke auf. Und selbst der orthographische Wechsel zwischen Gross- und Kleinschreibung sorgt für kleinste Unruhen. Die Gedichte in Silent Syntax zielen nicht auf Gewissheit, vielmehr bauen sie auf die Wachheit und Beweglichkeit der Leser und Leserinnen, die sich von den Faltungen und Wirbeln verführen lassen und das Unstete, Ungesicherte für sich zulassen, um bei der Lektüre zwischendurch auf innigen lyrischen Ruheinseln innezuhalten:

Später tropft Mond aufs Papier
Dämmerung legt sich
auf die Lider drei Kubikmeter
Nebel

Fokus «Gedichte aus dem Frühjahr. Neue Lyrik von Raphael Urweider, Thilo Krause, Melanie Katz und Ingrid Fichtner», 06.08. 2018)