Heimkehr
Roman

Auf einer Brücke über einen Schweizer See kracht Heinrich Übel mit seinem geliehenen amerikanischen Straßenkreuzer ins Geländer. Als er nach dem Unfall wieder zu sich kommt, findet er sich an einem sizilianischen Strand wieder. Er weiß, wer er ist, aber er hat keine Ahnung, wie er da hingekommen ist. Auch behandeln ihn die Menschen in dem kleinen Küstenort ganz anders als die in seinem früheren Leben: Er, der früher eher ein Unglücksrabe war, ist plötzlich ein Held und Frauenschwarm. Aber hat sich die Welt um ihn herum verändert oder ist er selbst ein anderer geworden? Was ist wirklich geschehen bei seinem Unfall auf der Brücke über den See?

(Buchpräsentation S. Fischer Verlag)

Übel spielt das Schicksal mit

di Beat Mazenauer
Inserito il 11.09.2018

Als Lazarus von den Toten auferstand, wusste er nicht Leben und Tod voneinander zu scheiden. Sähe so das Paradies aus, oder wäre er ins Leben zurückgekehrt? Wer an mich glaubt, hat Jesus im Johannesevangelium die alle Zweifel beseitigt, der «wird leben, auch wenn er stirbt». Zwei Jahrtausende später vervollständigt eine sizilianische Donna den Gedanken: «Nach der Auferstehung werden wir alle dreiunddreissig sein, wie unser Herr Jesus Christus», so wie es bei den Kirchenvätern heisse.
Die Donna fasst diesen Gedanken in Thomas Hürlimanns neuem Roman Heimkehr. Dessen Ich-Erzähler Heinrich Übel freilich ist mindestens schon 34 oder 43, denn die Sieben ist seine Zahl – wie das Zimmer 43, in dem er sich nach einem Unfall wiederfindet, oder wie die sieben Leben des Katers, der ihn, einen Abkömmling der Familie Katz, auf seinen Wegen begleitet. Heinrich Übel ist überzeugt, dass man sich, wo gestorben wird, «auf der Seite des Lebens» befindet. Er weiss, wovon er spricht, denn er hat einen schweren Unfall überlebt. Eine fette Narbe im Gesicht und ein grosses Erinnerungsloch zeugen davon. Doch beginnen wir von vorne.

Zwölf Jahre nach seinem letzten Roman Fräulein Stark kehrt Thomas Hürlimann mit einem neuen, 500-seitigen Roman auf die literarische Bühne zurück. Dazwischen haben für ihn schwierige Jahre gelegen, eine schwere Krankheit hat die Veröffentlichung verzögert und Änderungen daran erzwungen. Umso mehr erstaunt es, dass sich Heimkehr als ausgesprochen munteres Buch präsentiert, das auch im Humor den gewieften Stilisten Hürlimann verrät.

In der Geschichte von Heinrich Übel mischen sich Fiktion und autobiographische Elemente. Der Ich-Erzähler teilt mit seinem Autor den Geburtstag am 21. Dezember 1950, und auch der Autounfall, mit dem der Pannenreigen einsetzt, widerfuhr Thomas Hürlimann im Februar 1989, als er auf der vereisten Brücke über den Sihlsee verunfallte. Autor und Erzähler gemeinsam ist obendrein die Auseinandersetzung mit einem dominanten Vater, der hier in Gestalt des «Gummistiers» auftritt. Heinrich Übel senior ist der Patron der gleichnamigen Gummifabrik, deren beste Tage allerdings vorüber sind. Dem aufkommenden «Plastozän» halten bloss «Dr. Übels Verhüterli» stand, die mit Aids nochmals ein Hoch erleben.
Die Analogien zwischen Autor und Ich-Erzähler sollten aber nicht zu vorschnellen Schlüssen verleiten. Aus diesen verbindenden Motiven befreit sich der Roman zu einer wilden Erzählung, in der sich Burleske und Melancholie mischen.

Vor achtzehn Jahren zog Heinrich junior von zuhause weg, um sich in Zürich dem väterlichen Schatten zu entziehen. Ohne Erfolg. Als Gasthörer hat er sich all die Jahre viel Wissen angeeignet. Die Aufnahme eines regulären Studiums ist aber an der simplen Vorgabe gescheitert, einen Lebenslauf von «max. 1 Seite» einzureichen. Aus Heinrichs Versuchen, sich kurz zu fassen, ist schliesslich ein vieltausendseitiger «Lebenskatalog» aus Heften, Entwürfen und losen Notizen hervorgegangen. Damit will er seinem Vater endlich beweisen, dass er es trotz allem zu etwas gebracht hat. Doch die Heimkehr ins Fräcktal misslingt. Heinrich junior verunfallt unter mysteriösen Umständen und wacht in einem sizilianischen Städtchen namens Pollazzu aus dem Delirium auf: Traum oder Realität, Paradies oder Leben? Letzteres würde sich bald als die richtige Antwort erweisen.
Thomas Hürlimanns Roman erzählt die beschwerliche Reise aus dem «Loch» des Vergessens zurück ins Leben. Dem Erzähler dämmert es bald: «On ne revient jamais. Man blieb draussen. Für immer.» Doch er will wenigstens wissen, was ihm genau widerfahren ist. Nach und nach, Stück für Stück und in kreiselnden Wiederholungen gelingt es Heinrich junior, sich das Geschehene zurück ins Gedächtnis zu rufen. Eine Reihe von Leitsätzen helfen ihm, die eigene Erzählung zu strukturieren. «Es war kein grosser Fehler, nur ein kleiner» gesteht er sich immer wieder ein, um sein Leben als eine Serie von lässlichen und doch verhängnisvollen Pannen zu beschreiben. Die Tragik entbehrt dabei nie einer gewissen Komik.

Das Buch ist eine bewegliche Mixtur aus Lebens- und Abenteuerroman, es verbindet burleske, märchenhafte und tragikomische Züge, es ist Odyssee, Donquichotterie und Robinsonade in einem. Die stilistische Zuverlässigkeit des Autors hält seine Komposition im Strudelprinzip zusammen, wobei der Strudel zugleich eine Wirbelbewegung meint wie ein fein geschichtetes Wiener Gebäck. Mit intertextuellen Signalen weist er diskret auch auf eigene Werke hin, etwa mit der Genealogie der Familie Katz (siehe die Romane Fräulein Stark und Vierzig Rosen), mit der Katze, die wiederholt durch Hürlimanns Essays schreitet oder mit den Bodenmatten vor dem väterlichen Arbeitstisch, die in anderer Musterung schon in Der grosse Kater eine zentrale Rolle spielten.

So verlässlich der Prozess der Rekonstruktion für Spannung sorgt, so überdreht muten viele Einfälle an, die Thomas Hürlimann in seiner Erzählung entwirft. «Enrico» junior erregt mit seinem Narbengesicht Eindruck im Land der Paten, und eine Delegation der «VEB Funkwerke Berlin-Köpenick» macht in Sizilien Werbung für einen Ohrensessel, der als Station für drahtlose Telefonie dient. Dabei verguckt sich der Protagonist in die kesse FDJ-Funkwerkerin Mo, der er im November 1989 nach Berlin-Köpenick nachreist, wo die Stimmung angespannt ist, weil «Pastoren und ihre Sandalenjünger» gerade das System stürzen. Der Ohrenessel wird deshalb nicht in die Technikgeschichte eingehen.

Bei diesen Irrungen und Wendungen macht Thomas Hürlimann weder vor spöttischen Kalauern noch vor «unkorrektem» Sprachgebrauch Halt. Speziell die Zürcher Kulturszene bekommt dies zu spüren. Heinrich junior begegnet im Haus der Künstlerin Ellen Ypsi-Feuz einem Kreis von beflissenen Kunstfreunden, in denen findige Leser und Leserinnen womöglich die Karikatur von realen Vorbildern erkennen.

Heimkehr ist dergestalt ein leicht und lustvoll zu lesendes Buch, wie wir es bisher von Thomas Hürlimann nicht gekannt haben. Er orchestriert eine psychoanalytische Konstellation, um sie aber gegen den Strich zu bürsten. Die Suche nach der Mutter bringt eine lächerliche Figur hervor, die er erst gar nicht erkennt; handkehrum sucht er letztlich die Gunst des strengen Vaters, nur um die «Heimkehr» zu ihm einem Missverständnis zu opfern. Auf seiner Irrfahrt nach Hause durchlebt der Held all die odysseischen Proben bis hin zur Scylla und Charibdys, die am Stretto di Messina ihr Unwesen getrieben haben sollen – also unweit jenes Pollazzu, das auf der sizilianischen Landkarte nicht zu finden ist.

Wo Heinrich ganz bei sich und seiner Rekonstruktion der Ereignisse ist, geht sein melancholisches Räsonnement über Leben und Tod eine dicht gewobene Einheit mit den spleenigen Einfällen ein. Der intensive Sog des Wissen-Müssens treibt die Erzählung voran.

Wie sein Held verabscheut auch Thomas Hürlimann jegliche Abkürzungen wie etwa «HÜ» für Heinrich Übel. Vielleicht liegt es daran, dass speziell in zwei Passagen diese Intensität zum Erlahmen kommt, weil der Autor darin keine Abkürzung nehmen will. Die Vorgänge im erwähnten Zürcher Kunstkreis und später im Wende-Berlin schildert er mit einer karikierenden Komik, die er gleich doppelt und dreifach absichert. Die Pointen kugeln förmlich übereinander. Allerdings macht es dabei den Anschein, dass er den eigenen Überzeichnungen nicht so recht traut und sie deshalb in die Länge zieht wie ein «Verhüterli» bei der Reissprobe – um bei einem Bild aus dem Roman zu bleiben. Eine leichte Ermüdung wird spürbar, bevor die Erzählung jeweils wieder an Elan gewinnt.

«Look up here, I'm in heaven / I have scars that can't be seen», sang David Bowie kurz vor seinem Tod in seinem berührenden Abschiedssong «Lazarus». Mit ihm könnte auch Heinrich Übel junior vom Himmel herabschauen – und zugleich in den Himmel hoch: es ist «ein Schweben und Steigen und Fallen», das offen lässt, ob er es nochmals auf die Seite des Lebens schafft.

PS: Im Vorfeld zum Roman hat Thomas Hürlimann mit seiner Walchwiler 1. Augustrede, die er aus persönlichen Gründen nicht halten konnte, für Aufsehen und Kritik gesorgt. Seine Rede zum Thema «Toleranz» enthält eine nicht ungefährliche Ambivalenz. «Ich sage es laut: Toleranz ist ein anderes Wort für Feigheit», heisst es darin, und zugespitzt mit einem Zitat des philosophischen Anti-Aufklärers Emil Cioran: «Toleranz ist ein Kennzeichen der Schwäche, eine Koketterie von Sterbenden». In diesem Sinn ruft Thomas Hürlimann zum Ungehorsam gegen die gegenwärtigen Denkverbote durch «selbsternannte Ideologen» auf. Das klingt verletzt, und die Warnung vor Denkverboten ist polemisch: «Dann werden Sie von den Schergen der modernen Diktatur abgeführt wie seinerzeit der tapfere Tell.»
Ungesagt bleibt, dass Toleranz als Begriff ohnehin nicht mehr taugt, sondern längst durch den Begriff Respekt ersetzt werden müsste, denn Respekt ist das Kennzeichen der Stärke.
Die Rede ist nachzulesen in der Aargauer Zeitung online.
Auf den Roman hat die Walchwiler Rede freilich nicht abgefärbt.