Die Umwandlung: Novelle ; Einziger Lockruf: Gedichte

Beim neuen Sadkowsky können Sie vorn mit der Novelle Die Umwandlung anfangen. Beim neuen Sadkowsky können Sie vorn mit dem Gedichtband Einziger Lockruf anfangen. Der neue Sadkowsky hat zwei Anfänge: einen vorn und einen vorn. Was Wunder, dass er in zwei Verlagen erscheint.
Fangen wir gleich mit den Gedichten an: Rund einhundertfünfzig zarte und harte Sprachgebilde aus dem Alltag eines eigensinnigen Beobachters, Betrachters, Spielers, Sängers, Träumers. Ein einziger Lockruf, der der Liebe gilt, den Lebenden und Toten, den Bäumen, Sternen, dem Geld, der eigenen und der »ewigen Mutter« et cetera.
Fangen wir gleich mit der Novelle an: Ein Saxophonspieler, der sich um seine Existenz sorgt, tauft unter Mithilfe eines Mädchens alle Zahlen von eins bis unendlich in Musikinstrumente um. »Eine burleske Berserkerei von großem sprachlichem Reichtum«, schrieb das Aargauer Kuratorium, als es Alex Sadkowsky dafür einen Werkbeitrag zusprach.

(Buchpräsentation pudelundpinscher)

Von hinten und von vorne

di Beat Mazenauer
Inserito il 01.01.2019

Ähnlich wie Markus Bundi, der im Wechsel Lyrik, Essays und Prosa schreibt und im Frühling sogar mit einem umfangreichen Kriminalroman (Alte Bande im Septime Verlag) aufwartet, schreibt auch der Zürcher Künstler Alex Sadkowsky Lyrik und Prosa. Sein neuestes Buch vereint die beiden Spielarten in einer sehr speziellen Form: Von der einen Seite betrachtet heisst der stattliche Band Einziger Lockruf und versammelt die Gedichte; umgedreht und abermals von vorne präsentiert er die Novelle Die Umwandlung. Für das Doppel-Werk haben sich entsprechend zwei Verlage zusammengetan: edition howeg für die Gedichte und pudelundpinscher für die Novelle. Auch inhaltlich wird der Autor den Erwartungen gerecht, indem er sich von zwei Seiten launig, schräg und poetisch gibt.

Alex Sadkowsky ist ein Grenzgänger zwischen Literatur und Kunst – in beiden Sphären zuhause, zugleich in beiden ein Unikum mit seiner überschäumenden, manchmal auch unsteten Art. Letztere äussert sich nicht zuletzt darin, dass seine Unruhe und Unrast sprachlich manifest wird, beispielsweise in grammatikalischen und orthografischen Regelverstössen, in einer spontaneistischen, oft geradezu flapsigen Diktion oder in bloss ungeduldig aufzählenden Listen von Zuständen und Situationen. Das hat System: In der Weigerung, das treffliche poetische Wort zu suchen, regt sich ein Widerstand gegen die hohe Rede wie gegen das blumige Gerede. Genau darin ist Alex Sadkowsky sehr präzise. Als Preis dafür winkt ein poetischer Ausdruck, der immer wieder in erfrischend direkten Emotionen und wunderbar ungeschliffenen Bildern aufgeht:

Die Swatch am Gelenk
das Kondom meiner Eile
lässt die Planetoiden zum Glück
der Saumseligkeit Epochenlieder tragen.
Durch alle Winde.
Die guten Jahre.

Alex Sadkowsky lässt die dichterische Ausbildung an einem Literaturinstitut vermissen, seinen Versen haftet etwas im allerbesten Sinn Naives an. Vielleicht enthält Einziger Lockruf das eine oder andere Gedicht zu viel, er verströmt aber auf jeden Fall eine lebhafte Frische und bereitet so ein Lese-Vergnügen.
Die regellose Poetik spiegelt sich ebenfalls in der Novelle Die Umwandlung. Sie erinnert stark an spätsurrealistische, traumpoetische Texte. Der Autor spielt darin zwischen Traum und Wirklichkeit Familienbeziehungen durch, in denen natürliches und unvermittelt unwirkliches Verhalten sich gegenseitig durchdringen. Dabei verrät Sadkowsky einen Spieltrieb («das Vorhandene und Vorfussene»), der mit Bezug auf Francesco Micieli an ein «spätes Kind» erinnert, gerade auch, wo er zum Mittel schier endloser Listen greift. Schwebend schöne Konstellationen und Situationen, überraschende Bilder, Ideen und Sätze zeugen immer wieder übersprudelnd von Lebenserfahrung und von Gelassenheit gegenüber den literarischen Normen. Allerdings ist nicht zu verhehlen, dass Alex Sadkowsky hin und wieder zu viel des Guten tut und sich und andere dabei erschöpft.
Trotzdem gilt für die Prosa wie für die Poesie, dass beide etwas Stimmiges und entsprechend auch Reizvolles an sich haben. So wechseln sich Passagen mit kindlichem Wiederholungszwang, träfen Gedankenblitzen und langem Atem ab. Alex Sadkowsky will auf beides nicht verzichten – denn: «Es geht mir gut, ich bin nicht glücklich.»

Beat Mazenauer in «Formen und Variationen. Neue Schweizer Lyrik», Fokus vom 12.02.2019)