Mund und Amselfloh
Gedichte

Vom Eigenleben der Wörter, von den unaussprechlichen auch, mit denen sich aber vielleicht an eine Tür klopfen lässt, die es womöglich noch gar nicht gibt. Genau genommen aber lässt sich Garzettis Lyrik nicht in wenigen Worten beschreiben, sondern nur lesen:

Der Schnee fällt
der Landschaft auf den Mund,
macht alles still.

Wie ihr kleiner werdet,
jede in ihren Schlaf versunken
und eine weiß

von der anderen nichts.
Die Krähe draußen auf dem Geländer.
Du im Krankenbett.

Später wird eine
den Tod davontragen
und eine wird unsagbar leicht.

(Buchpräsentation Wolfbach Verlag)

DIE REIHE im Wolfbach Verlag (Lea Gottheil und Sascha Garzetti)

di Beat Mazenauer
Inserito il 06.10.2018

Poetisch konzentrierter präsentiert sich der Band Mund und Amselfloh von Sascha Garzetti. Auch er bedient sich bei unterschiedlichen lyrischen Formaten, doch behauptet jedes der gut 70 Gedichte für sich eine formale Strenge – sei es in losen Strophen von zwei Zeilen oder in gebundener Kompaktheit über eine Seite hinweg. Das Schreiben selbst erscheint darin als zentrales Element:

Ich schreibe, klopfe
mit Wörtern an eine Tür,
von der ich nicht weiss,
ob es sie gibt —

er tut es solange, bis das lyrische Ich eine Stimme für sich findet. Die Unruhe (in gebändigter Form) beruht (ausgeprägter als bei Lea Gottheil) auf einem steten Unterwegssein, das mit einem Zyklus in Paris, mit einem andern in Stockholm oder Oslo Halt macht. Es ist eine Suche nach Bildern – wunderbar glückend wie beispielsweise auf der Galata Brücke in Istanbul:

So hängt das Meer an hundert Haken
die Angler: jeder in seiner Stille.

Und es ist selbstredend auch eine Suche nach dem Ich im Spiegel der Welt. Am eindrücklichsten findet dieses Ich sich wieder zwischen zwei Portalfiguren, denen je ein kleiner Zyklus gewidmet ist. Unter der Überschrift «Vielleicht kann, wenn wir reden, etwas aus uns werden» erinnert sich Sascha Garzetti eingangs des Bandes an seine Grossmutter, in einer lyrischen Zwiesprache, die intensiv das Titelwort Mund, also das Mündliche, das Erzählen umspielt. Dem Zyklus antwortet in der Buchmitte die Gedichtfolge «Nur in die Luft», mit Zeilen an den Grossvater, an sein Schweigen und sein sachtes Sterben. Wie lange der Tod an seinem Bett gesessen habe, wisse niemand:

Grossvater verschwieg den Besuch
bis er einschlief.

Und wir dachten, sein Lächeln
gälte uns.

In diesen beiden Kapiteln kommt Sascha Garzettis Lyrik ganz zu sich — um sich doch gleich wieder in die Fremde wegzustehlen. Mit Besuchen an ihren Lebensorten kehrt er bei seinen poetischen Referenzen ein: bei Ibsen, Robert Walser, Nietzsche und allen voran Paul Celan, der ihn am Ende des Buches in Czernowitz zur Frage drängt, «ob es Wörter gibt, / mit denen man über dunkle Träume steigt.»

Beat Mazenauer in «Formen und Variationen. Neue Schweizer Lyrik», Fokus vom 12.02.2019)