Widerschein Roman
Anita Hansemann lässt in ihrem Debütroman gekonnt die von Sagen, Aberglauben und Naturgewalten geprägte Bergwelt lebendig werden und schildert sensibel die Gefühlswelt deren Bewohner.
Nach dreissig Jahren wird die sagenumwobene weisse Gämse wieder im hochgelegenen Seitental des bündnerischen Prättigaus gesichtet. Mit ihr kehren auch alle unliebsamen Erinnerungen zurück. Das letzte Mal wurde das Tier in dieser Gegend gesehen, als Viid, der junge Jenische, verunglückte. In Rückblenden wird von der Kindheit und Jugend von Mia und Viid erzählt, die trotz des heftigen Widerstands der Dorfgemeinschaft eine innige Freundschaft und Liebe verband. Mia rebellierte damals mit ungestümem Gerechtigkeitssinn gegen das Dorf und die eigene Mutter, ohne zu wissen, welches Geheimnis deren Verbitterung zugrunde liegt.
(Buchpräsentation Edition Bücherlese)
Recensione
Familien sind ein Spiegel der Zeit. Sie entwickeln sich mit der Zeit, oder sie beharren gegen diese auf ihren traditionellen Werten. Beiderlei ist aussagekräftig. Deshalb ist das Familiäre (wie das Individuelle) auch ein politischer Ausdruck der herrschenden Verhältnisse.
Einen besonders starken Stellenwert geniesst die Familie im bäuerlichen Milieu, in dem alle Hände benötigt werden, wenn das Heu eingebracht oder das Vieh besorgt werden muss. Von der Vieh- und Alpwirtschaft ist auch die Region von St. Antönien im Prättigau geprägt. Hier lässt Anita Hansemann, die die Gegend bestens kennt, ihren Debütroman Widerschein spielen. In einer Zeit, die irgendwo zwischen Tradition und Gegenwart liegt, besuchen die Bauerntochter Mia und Viid, der Sohn einer Jenischen, gemeinsam die Schule. Obwohl Viid mit seiner Mutter lange schon im Dorf lebt, wird er scheel beäugt, gehänselt und ausgegrenzt. Einzig Mia hält zu ihm, auch wenn ihre Mutter dies mit unverhohlenem Hass verfolgt.
Anita Hansemann erzählt ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen. Mia und Viid halten als Kinder zusammen und spüren eine jugendliche Zuneigung zueinander. Im Rückblick wird diese Zeit erinnert, als Viid viele Jahre später ins Tal zurückkehrt, um einer mystischen weissen Gämse nachzujagen. Er und Mia sind als Erwachsene nicht zusammengekommen. Während Viid wegzog, blieb Mia allein. Ihre Liebe zu Viid hat sich zwischen Arbeit, Ausgrenzung und einem familiären Geheimnis aufgerieben, ganz verflogen scheint sie indes nicht.
Anita Hansemann verspricht ein Romeo-und-Julia-Motiv, das sie in die atemberaubende und zugleich angsteinflössende Topographie St. Antöniens einbettet. Wie die Landschaft ist das Leben hier von Gegensätzen geprägt: lieblich und sanft, zugleich gefährlich und schrundig. Die Gemeinschaft hält zusammen, wenn beispielsweise im Winter Lawinen drohen, diese Solidarität bedeutet handkehrum auch, dass «Fremde» darauf nicht vertrauen können.
Stimmig schildert der Roman, wie in einer unheilvollen Lawinennacht Viid und seine Mutter nur beim hinterhältigen Büel-Chrischtn Unterschlupf finden, der schon weiss, was er von einer «Kesslerin» verlangen kann. Ihr wird mit Argwohn begegnet, weil sie womöglich auch über magische Mächte gebietet. Solche sind in dieser Bergwelt überall wirksam, im Guten wie im Bösen. Die weisse Gämse oder das Äbifräuli stehen für das diffuse Zwielicht zwischen Realität und Träumerei, Glaube und Irresein.
Mit dieser doppelten Belichtung versöhnt Anita Hansemann Glück und Scheitern in ihrer Liebesgeschichte, die auch ein moderner Heimatroman ist. Während sie die täglichen Verrichtungen nüchtern festhält und die natürlichen Vorgänge mit grosser Hingabe beschreibt, schleichen sich schier unbemerkt immer wieder mysteriöse Begebenheiten ins Geschehen ein. So wie sich den Reisenden bei ihrer Ankunft der Talkessel von St. Antönien weit öffnet, gibt das Buch den Blick frei auf eine Welt, in der sich magisches Denken und Naturerleben miteinander verbinden.
(Beat Mazenauer in «Vom Ein- und Ausgrenzen. Literarische Debüts von Donat Blum, Anita Hansemann und Lukas Linder», Fokus vom 30.11.2018, www.viceversaliteratur.ch)