Eingesperrte Vögel singen mehr
gedichtet und geträumt

2016 stand ihr Debütroman »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« auf der Shortlist des Schweizer und auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, im Feuilleton sorgte er für Furore – nun legt Michelle Steinbeck erstmals einen Band mit Lyrik vor. Ihre Gedichte sind ungezähmt, störrisch und kunstvoll arrangiert. Sie drücken und jucken, schreien mal schrill und flüstern mal leise, sie erzählen Märchen, schöne wie schauderhafte, und sie führen ein stets aufmerksam blickendes Ich sowie jede Menge groteskes Personal auf die Bühne der Literatur.

(Buchpräsentation Voland & Quist)

Der lustvolle Tanz des Ausprobierens

di Tamara Schuler
Inserito il 15.11.2018

Mit ihrem Debütroman wirbelte Michelle Steinbeck vor zwei Jahren reichlich Staub auf in der Schweizer Literaturlandschaft. Jetzt meldet sie sich zurück mit einem Gedichtband, der von Vögeln, dem Jungsein und brabbelnden Babys erzählt – eine lyrische Gondelfahrt, die auch mal holprig daherkommt und dennoch Spass macht.

Im Literaturclub des Schweizer Fernsehens stritten die Kritiker hitzig über das Wesen von Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch und seiner Autorin. Die offensiven Kommentare von Elke Heidenreich lösten ein grenzübergreifendes Medienecho aus, so sprach die Frankfurter Allgemeine Zeitung von «Quatsch und Quote», während die Neue Zürcher Zeitung «Die Verluderung der Kritik» beklagte. In jener Sendung sagte Heidenreich unter anderem «Wenn das die neue Generation ist, dann gnade uns Gott». Ebendieses Zitat ziert nun kokett den Umschlag von Michelle Steinbecks zweitem Buch.

In Eingesperrte Vögel singen mehr versammelt die Autorin auf 89 Seiten Gedichtetes und Geträumtes. Die Texte sind durchgängig kurzgehalten, selten ist ein Gedicht länger als eine Buchseite. Begleitend dazu finden sich auf einigen Seiten Ergänzungen in Kursivschrift, die das Vorangegangene kommentieren. Ein Gedichtband ist eine dankbare Zweitpublikation, könnte man meinen, Gedichte bieten weniger Angriffsfläche für Literaturkritikerinnen, sie laufen gewissermassen hors concours. Doch in Eingesperrte Vögel singen mehr erzählt Steinbeck sehr freimütig aus ihrem Leben. Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse versicherte sie im Gespräch mit den Radiomoderatoren von detektor.fm, dass in diesem Buch «alles autobiografisch» sei. Entsprechend skizzieren diese Gedichte Alltagsmomente einer jungen Frau, die zu oszillieren scheint zwischen schüchterner Zurückhaltung und herausforderndem Selbstbewusstsein. So schreibt sie einmal:

[ich] blieb vor der tür stehen und liess mich von der sonne bescheinen und den jungen herren bewundern
es spricht sich herum dass ich romane schreibe

Wie bereits in Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch beschäftigen Michelle Steinbeck auch in diesem Buch Thematiken rund um das Erwachsenwerden; frischgeborene Babys geistern durch die Seiten und lösen bei der Autorin gemischte Gefühle aus: «das flasht mich überhaupt nicht dieser babykopfgeruch», schreibt sie einmal, und an einer anderen Stelle:

das baby stopft beide fäuste in den mund und saugt
und sabbert und brabbelt
das ist was es macht
es ist sehr gescheit und sehr schön
wir sind verliebt
reissen es uns
aus den armen
und wenn sie leer sind sorgen wir uns

In fünf Kapiteln führt uns die 1990 geborene Steinbeck durch Ausschnitte aus ihrem Leben. Aufenthalte in Berlin und Rom werden ebenso thematisiert wie Besuche bei der Grossmutter und aussereuropäische Reisen. Die Bandbreite dieser Szenen reicht von schreiend komisch über banal bis hin zu beunruhigend und skurril. Mal erschreckt man beinahe ob der Ehrlichkeit einzelner Sätze, an anderer Stelle wiederum drängt sich die Frage nach einer gewissen Prätention der Autorin auf:

das ist immer so
erst denken sie ich sei ein tussi
und am schluss wollen doch alle mit mir raus und rauchen.

Ein zentrales Kernsymbol des Buches sind, wie bereits Titel und Cover nahelegen, die Vögel. Sie schwimmen wie Schiffchen in Brunnen, werden in Pfannen gebraten, warten fiepsend auf von Schaufeln zerhackte, vorportionierte Regenwürmer und werden – natürlich – auch zur Metapher:

die vögel fliegen aus meinem kopf
schreiend
in die pinien vor meinem fenster

Spitzfindige Hobbyornithologen könnten darauf verweisen, dass auf dem Buchumschlag ein Kanarienvogel abgebildet ist, der zu den sogenannten Positurkanarien gehört, einer Zuchtform, die den Schwerpunkt nicht auf die Herausbildung des Gesangs legt, sondern auf das äussere Erscheinungsbild der Vögel. Ein aufsehenerregendes Federkleid wird somit wichtiger als ein möglichst lieblicher Gesang, die Form hat Vorrang vor dem Klang. In diesem Sinne singen eingesperrte Vögel dieser Gattung möglicherweise zwar mehr, aber nicht unbedingt schön. Tatsächlich sind nicht alle Gedichte von Steinbeck wohlklingend, der Rhythmus stolpert mehr als einmal vor sich hin, und während die Autorin schon in ihrem Erstling genüsslich vom Zerstückeln fabulierte, scheinen in Eingesperrte Vögel singen mehr einige ihrer festgehaltenen Gedanken mit Zeilenumbrüchen so zurechtgestückelt worden zu sein, dass sie als Gedichte durchgehen. Und doch sind einige poetische Perlen in diesem Band zu finden:

da liegt einer
aufgesperrter kinderkiefer
umarmt sein sperriges spielzeug
[...]
an seinen füssen schleckt der morgen
vom sportplatz tönen senioren
vom balkon ein büblein lächelnd
erschiesst uns mit wasserpistole

das ist Lyrik, die verspielter scheint, als sie eigentlich ist, auf den ersten Blick unbedarft, auf den zweiten Blick umso abstrakter und nachklingender.

Dieses Buch sollte auf jeden Fall im Kontext des gesamten Schaffens von Michelle Steinbeck gelesen werden: Neben Prosa und Lyrik schreibt sie auch Kolumnen, Reportagen und Theaterstücke. Eingesperrte Vögel singen mehr ist entsprechend die Wegmarke einer Schriftstellerin, die sich durch verschiedenste Textformen schreibt, sich (noch) nicht auf ein Genre festlegen will und uns teilhaben lässt am lustvollen Tanz des Ausprobierens. Unbestreitbar ist dabei, dass Michelle Steinbeck für sich eine charakteristische Sprache gefunden hat, die neugierig macht auf mehr. Man darf deshalb gespannt sein, was da noch so kommt.