Wörter statt Möbel
Fundstücke, 1. Band

In ihrem kurzen Leben hat Aglaja Veteranyi zahlreiche Notizbücher und Makulaturblätter mit Texten gefüllt. Sie hat ihre Wörter und Sätze fortlaufend durchgestrichen, um- und neu geschrieben und von einem Text in den andern wandern lassen. So umfasst ihr Nachlass trotz der zwei postum veröffentlichten Bücher Das Regal der letzten Atemzüge und Vom geräumten Meer noch eine beträchtliche Anzahl unveröffentlichter Texte. Die Nachlass-Erschliessung im Schweizerischen Literaturarchiv wurde
Ende 2016 abgeschlossen. Das erlaubte es Jens Nielsen, Ursina Greuel und Daniel Rothenbühler ab Anfang 2017, zwei Bände mit bisher unveröffentlichten oder nur in Zeitschriften zugänglichen Texten Aglaja Veteranyis zur Veröffentlichung vorzubereiten. Unterstützt wurde diese Arbeit durch das Projekt «Schätze heben» des Migros-Kulturprozents.

Der erste der zwei Bände Wörter statt Möbel enthält Kurz- und Kürzestgeschichten, Gedichte, Sprüche und Tipps, Minidramen und den grossen Monolog «Mamaia». Diese Texte hat die Autorin auch für Bühnenauftritte geschrieben, die sie allein oder gemeinsam mit ihrem Lebens- und Schaffensgefährten Jens Nielsen bestritt. Allen gemeinsam ist die der Autorin eigentümliche Mischung von surrealer Groteske, tieftraurigem Sarkasmus und abgründiger Komik.

(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand)

Fallgruben fürs Denken

di Beat Mazenauer
Inserito il 06.11.2018

«Die Wörter fallen mir in die Sätze» und «Wer mich missversteht, versteht mich richtig» – zwei kurze «Sprüche» aus dem Nachlass von Aglaja Veteranyi führen die Lektüre auf die richtige Fährte.

2002 hat sich Aglaja Veteranyi im Alter von 40 Jahren das Leben genommen. Neben drei veröffentlichten Büchern hat sie ein umfangreiches Konvolut von Texten zurückgelassen, eine Auswahl daraus ist neuerdings in zwei Büchern nachzulesen. «Fundstücke» und «Fragmente» sind sie untertitelt, sie verweisen damit auf die Unvollendetheit dieser literarischen Arbeiten. Aber was heisst schon unvollendet. Zwar verrät der eine oder andere Nachlasstext eine vorschnelle Pointe, oder er lässt die letzte Zuspitzung vermissen. Doch das bleibt die Ausnahme. Aglaja Veteranyis poetischer Zugriff auf die eigene Biographie wie auf die Welt in ihrer grossen Bedeutung verraten durchgängig ein «Gefühl akuter Echtheit» (Jens Nielsen), das sich unweigerlich auf die Lektüre überträgt. Ob Fehler, Missverständnis oder Textfalle – genau so kann, muss es hier stehen. Ihre Arbeiten sind ein grosser clownesk-poetischer Spass, der nie verhehlt, dass es der Schreibenden dabei immer radikal ums Ganze ging. Das Schreiben geschah unter Aufbringung des eigenen Lebens. Das verfehlt nie seine Wirkung auf die Leserschaft.

Der erste Band Wörter statt Möbel mit den Fundstücken umfasst Sprüche von lakonischster Kürze, Geschichten, Gedichte und Minidramen sowie abschliessend einen berührenden Muttermonolog. Was vorab die kürzeren Texte verbindet, ist ein Spiel mit Paradoxie und Unlogik. Es kann darin alles geschehen. Emil, der Revoluzzer, kommt erwachsen aus dem Mutterbauch; oder ein Facharbeiter träumt in einer fremden Sprache und versteht morgens den Wecker nicht mehr. Wie in einer Feedbackschlaufe besucht das erzählende Ich täglich den Zoo, um sich selbst zu sehen: Ich „setze mich vor meinen Käfig und betrachte mich lange, sehr lange“. Es knirscht seltsam in solchen unauflösbaren (und unerlösten) Texten. Sie beinhalten auf oft kleinstem Raum alles, was diese Autorin auszeichnet: Leidenschaft, Humor, Traurigkeit, Spontaneität und ein quecksilbrig sprudelndes Temperament.

In den längeren Arbeiten wie dem Monolog «Mamaia oder Traurigkeit machen dich alt» arbeitet Aglaja Veteranyi stilistisch einen eigenen Ton heraus. Auf überzeugende Weise verspricht die mütterliche Hauptfigur in einem rohen Idiom zwischen den splitternden Sprachen:

Ich will er machen mit meine Idee eine Monolog
trage-comedient
Mit der Geschichte von meine Leben
Alles was ich sagen er muss schreiben Nicht lügen
Schreiben Wahrheit
Sehr interessant

Gerade die sprachliche Fehlerhaftigkeit berührt und macht das tragikomisch Erzählte glaubhaft. Der Ehemann bekommt dabei ordentlich sein Fett ab. Diesem Monolog lässt Aglaja Veteranyi im zweiten Band Café Papa eine titelgebende Vatergeschichte folgen, die jene mütterliche Perspektive bestätigt und zugleich aus der Warte des Kindes etwas zurechtrückt. Streit und Unstetigkeit prägten das prekäre familiäre Leben, heisst es darin: «Gebildet wurden wir nur, wenn meine Eltern nicht genug Geld für unsere Reise hatten. Oder wenn sie sich trennten. Sie trennten sich oft.»

Und dann findet sich im zweiten Band auch noch die Flunkerei «Vorsicht bissige Hühnersuppe» oder: Daniil Charms, der Meister der Groteske, besucht nach seinem Hungertod Venedig. Der herrlich absurde Text ist eine Einladung zur geistigen Lockerung. Das Ungeregelte feiert hier Triumphe, das Fantastische auch. Es ist schwer zu sagen, was an diesem Fragment Charms ist, was Veteranyi, was Charanyi, was Veterms. «Für Aglaja Veteranyi war die Unlogik Kraftstoff», schreibt Jens Nielsen im Nachwort. So geht es im Fragment drunter und drüber, in einer Weise, «dass Charms' literarische Sprünge selbst für den geübten Leser eine Zumutung sind», zugleich aber von den Fesseln des Wahren und Richtigen befreien. «DIESE FRAGE IST SCHWER ZU BEANTWORTEN» – zumal sie ungestellt bleibt. Doch wer weiss, vielleicht bietet die Paradoxie tatsächlich den genauesten und zugleich versöhnlichsten Zugriff auf die moderne Welt.

Die Vorlagen zu diesen Fundstücken und Fragmenten sind im Schweizer Literaturarchiv in Bern gelagert sowie als digitale Kopien bei Jens Nielsen, dem «rechtmässigen Erben der Autorin» – wie es in der Nachbemerkung der Herausgeber heisst. Er ist es nicht allein, was die Rechte an den Texten angeht, Jens Nielsen ist auch Aglaja Veteranyis innigster poetischer Geistesverwandter. Gemeinsam haben sie viele Jahre für das Theater gearbeitet. Daniel Rothenbühler und Ursina Greuel sind ihm bei der Auswahl zur Seite gestanden.

Die Ausschnitte aus dem Wort-Vermächtnis von Aglaja Veteranyi ergeben zwei berückende Bücher voll schillernder Überraschungen. Vieles liesse sich darüber sagen, in aller Kürze aber bringt es Jens Nielsen im Nachwort zum ersten Band auf den Punkt: Aglaja Veteranyi erzeugt in ihren Texten Wirkung, «indem sie dem Denken etwas in den Weg stellt. Ein Hindernis. Aber keines, das das Denken sofort anregt, sondern eines, das es dahin bringt, kurz auszusetzen. Man könnte sagen: Sie gräbt dem Denken eine Fallgrube». Genau so ist es, oder mit einer nachdrücklichen Bekräftigung der Autorin selbst in ihrem Charms-Text: «Bitte missverstehen Sie mich richtig.»