firma Prosa Gedichte
Die Geschichte des Lebens als Geschichte einer Firma: Klaus Merz beschreitet eigene Wege des Erzählens.
Vom Prager Frühling über den Mauerfall bis zur Finanzkrise und der Fußballweltmeisterschaft
Verdichtet im Mikrokosmos einer Firmengeschichte entfaltet Klaus Merz die Kulisse der letzten fünf Jahrzehnte und erzählt wie beiläufig auch vom eigenen «In der Welt Sein». In großer poetischer Anschaulichkeit gibt er dabei weit mehr preis als manch beflissener Lebensbericht. Es klingt alles ein wenig anders und doch vertraut in der «firma» – in diesem Eindruck wandert man an der Hand des Autors in den zweiten Teil des Buches. In Form von Gedichten führt Merz darin hoch «Über den Zaun hinaus»: ins Tiefe, ins Weite.
Vielfach ausgezeichnete Kunst der Verdichtung von Klaus Merz
Mit einem Augenzwinkern verdichtet der vielfach ausgezeichnete Lyriker und Romancier Klaus Merz die eigene Autobiographie zu einer Firmensaga. Die großen Umbrüche unserer Zeit spiegeln sich darin ebenso wider wie die kleinen menschlichen Tragödien des Alltags. Mühelos lässt Merz in manch unscheinbarer Episode das Wesen des Zwischenmenschlichen durchschimmern – und zeigt wieder, wie aufregend es sein kann, die Welt mit dem Blick des Lyrikers, des Verdichters wahrzunehmen. Eine besondere Schule der Wahrnehmung, veredelt mit acht eigens angefertigten Pinselzeichnungen von Heinz Egger.
(Buchpräsentation Haymon Verlag)
Lauter Denkwürdigkeiten
Klaus Merz betritt neues Terrain und bleibt dabei standhaft. Unter dem Titel firma legt er neue Gedichte vor sowie, ihnen vorangestellt, eine mehrteilige Prosa mit der Überschrift Aus der Firmengeschichte (1968-2018). Zum 50-Jahr-Jubiläum eines nicht näher bezeichneten Betriebes wird darin – im Jahrestakt mit kleinen Lücken und Verdichtungen – der Lauf der Dinge summarisch festgehalten. Der Autor erfüllt die Aufgabe mit besonderem Augenmerk, wie es in einer poetischen Notiz vorab heisst:
Wir führen
nur sporadisch Buch.
Es geht um die Denk-
würdigkeiten.
Das Denkwürdige festhalten, das steht jeder Firmengeschichte gut an. Die Frage ist dabei bloss, was für denkwürdig erachtet wird. Genau hierin beweist Klaus Merz Eigensinn. Es sind nicht die Erfolge und Krisen oder gar die Bilanzen, die aufgehoben werden, sondern unscheinbare Marginalien wie etwa die, dass ein Mitarbeiter namens Toto der Belegschaft ein Aquarell schenkt; darin gipfelt gewissermassen das Jahr 2002. Ja selbst der Appell ans Weltgeschehen ein Jahr zuvor blieb im Ausruf der Modistin von nebenan diskret: «hört, die Türme».
Hinter solchen Denkwürdigkeiten verblasst das, was die Firma selbst produziert oder leistet. Natürlich klingt zwischen den Zeilen das poetische Gewerbe an, das Klaus Merz seit jenen Jahren betreibt. 1967 erschien sein erster Gedichtband Mit gesammelter Blindheit. So einfach ist es aber nicht. Im ersten Eintrag greift ein kollektives «wir» beim Baden entschlossen zu und setzt «unsere Signaturen unter den Mietvertrag». Indem dieses Kollektiv firmiert, gründet es die Firma, sozusagen als ein festes Fundament für hochfliegende Pläne unter dem weiten Firmament, das in Grimms Wörterbuch mit «himmelsfeste» übersetzt wird. Es geht bei der Firma um das Firme auch als Eigenschaft, wie es die Kleinschrift im Titel bedeutet: um ein standfestes, gewandtes, gründliches Sein, das zumindest als Zielvorstellung den Firmengründern ebenso wie dem Dichter vorschwebt. Und es geht auch um die Unterschrift darunter (= la firma): um die Beglaubigung des eigenen Tuns, an dem das erzählende Ich «noch ein wenig arbeiten» müsse, wie Totos Frau Giovanna ihn ermahnt.
Es ist die hintergründige Mischung von firmengeschichtlichen Signalen und banal wirkenden Beiläufigkeiten, die diesen drittel- bis halbseitigen Texten etwas schwebend Geheimnisvolles verleihen. Sie verraten (im Flattersatz) eine poetische Handschrift, die nicht auf Eindeutigkeit zielt, sondern sparsam die Lücken und Scharniere in dieser speziellen Firmengeschichte auskostet. Zum 20-Jahr-Jubiläum ist im Herbst 1988 die Belegschaft vollzählig eingeladen, mit der «alten Fortuna» auf den Voralpensee hinaus zu tuckern, zwischen Anker und Unruhe schwankend. 30 Jahre später sodann scheint Schluss zu sein: «In unserer Mitte steht der feiste Hüttenmoser, er verteilt die Kündigungen, sagt: 'Fürchtet euch nicht!'»
Bleib firm und standhaft! Dem will der Verfasser nachleben – getreu dem Vorbild des Revisors, der 2011 die Revision in der Firma vornimmt, nicht ohne den Anwesenden vorher ein Kapitel aus P.O. Enquists Ein anderes Leben vorzulesen. Es gibt immer ein Anderes: hintennach und nebendran, und vor allem in den Fugen und Spalten dessen, was gemeinhin Alltag genannt wird. Es bedarf nur eines: man muss «über den Zaun hinaus» blicken – wozu Klaus Merz im zweiten Teil seines Buchs ausdrücklich einlädt.
Unter dieser Überschrift versammelt er gut 50 Gedichte, in denen er von der lyrischen Prosa im ersten Teil zur reinen Gedichtform zurückkehrt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Klaus Merz aus dem Weltgetriebe unter dem Firmament einen Augenblick oder einen Gedankensplitter heraus pflückt und ihn auf wenigen Zeilen zur poetischen Miniatur verdichtet – stimmig und schlüssig, abschüssig auch, aber nie abschliessend.
Zwischen den Leer-
zeilen diese kleinen
Barrikaden der Schrift.
Ausgeprägter als in den letzten Bänden finden sich in firma auch längere Gedichte, in denen Klaus Merz mitunter ins lyrische Erzählen kommt. Beispielsweise im titelgebenden «Über den Zaun hinaus». Nachdenklich erinnert sich der Autor daran, «Als meine Grossmutter väterlicher- / seits so alt war, wie ich es heute bin» und sich bereits ans Sterben machte. «Auch Vater, Mutter, / mein kleiner Bruder, sie setzten sich / bald ab von mir», so dass nur die «kleine Nachhut meiner eigenen Familie» geblieben ist, um ihnen Blumen und Wasser ans Grab nachzutragen. So gross das Firmament, so klein der Mensch, mag er sich auch firm geben. Gerade in den längeren Gedichten finden sich wiederholt «Zeichen von drüben», welche trotz aller poetischen Lebhaftigkeit nicht zum Verstummen kommt. Derlei ist auch gar nicht beabsichtigt. «Die geschulte Sprache führt durch den Wald», heisst es in einem Gedicht, schützend «gegen die Heidenangst».
In dieses Vertrauen schliesst Klaus Merz auch die Musik und vor allem die Kunst mit ein – auch mit Blick auf die Vignetten von Heinz Egger, der wie schon so viele auch diesen Band «kongenial» (so der Titel eines Gedichts) begleitet und interpunktiert.
Klaus Merz schlägt einen Ton an, der «Leicht gesagt» (so ein weiterer Gedichttitel) sich ständig das Unbegreifliche bewusst zu werden und zu machen versucht. Die Poesie ist ein Mittel dazu: ein Werkzeug, das keine Remedur schafft, doch zu bestehen hilft: firm zu sein. Jeder ist für sich in diesem Sinn eine Firma. Wir alle setzen, wie Klaus Merz es in seinem letzten Gedicht tut, eigenhändig die Unterschrift unter das eigene Leben.
Geständnis
Nichts geht
ohne den beistand
der Wörtergez. km
Il nuovo libro di Klaus Merz, intitolato firma [azienda], è un insieme di brevi testi poetici in prosa e poesie inedite. Nella prima parte, Merz immortala gli aspetti memorabili di una «storia della ditta» costituita da eventi poco rilevanti ma per niente effimeri. «Sii fermo e incrollabile!», questo potrebbe essere il motto d’apertura della seconda parte: 50 poesie inedite in cui Merz trasforma punti di vista e pensieri frammentari in miniature poetiche oppure lancia lo sguardo «oltre lo steccato», verso l’altro lato della vita. L’uomo necessita della perseveranza anche per premunirsi contro la fugacità dell’esistenza. Klaus Merz esplora questo contrasto con la sua inimitabile scrittura poetica. (Beat Mazenauer in Viceversa 14, 2020. Traduzione Carlotta Bernardoni-Jaquinta)