Der kubanische Käser
Das wunderbarliche Leben und Lieben des Noldi Abderhalden. Roman

In einer bitterkalten Winternacht im Frühmärz 1620 treiben Liebeskummer und Branntwein den jungen Toggenburger Noldi Abderhalden in die Fänge eines Anwerbers der Spanischen Armee. Als Reisläufer für die katholische Sache lernt der Sechzehnjährige das raue Soldatenleben kennen. Das Kriegshandwerk scheint ihm zu liegen, und die Kameradschaft sagt ihm zu. Als er den Heereskommandanten Gómez Suárez de Figueroa, den Duque de Feria, vor einer protestantischen Kanonenkugel rettet, wird er als Kriegsheld an den Spanischen Hof beordert. Dort liesse es sich aushalten, doch das Leben hat andere Pläne. Noldi entgeht nur knapp der Spanischen Inquisition und wird nach Kuba verbannt, wo er eine Horde Rindviecher zu beaufsichtigen hat. Kein Problem für Noldi – denn Noldi Abderhalden wäre nicht Noldi Abderhalden, wenn er aus dieser Situation nicht machte, was nur er daraus machen kann.
Patrick Tschan lässt einen geradlinigen Toggenburger quer durch die Wirren des Dreissigjährigen Kriegs marschieren und bitterem Ernst mit heiliger Einfalt die Stirn bieten.

(Buchpräsentation Zytglogge Verlag)

Ein richtiger Toggenburger Grind

di Martina Keller
Inserito il 20.05.2019

Dass dies ein Roman voller Paradoxe ist, wird schon am Titel und auf dem Umschlag deutlich: Ein kubanischer Käser? Ein Noldi Abderhalden – am Namen eindeutig als Toggenburger identifizierbar – und Palmen vor blauem Himmel als Titelbild? Nach Polarrot erzählt Patrick Tschan das «wunderbarliche Leben und Lieben des Noldi Abderhalden», wie es im Untertitel heisst.

Ein Leben, das von tragikomischen Zufällen geprägt ist. Rasant ist der Einstieg ins Buch, schon nach den ersten Zeilen ist klar, dass dies ein Ritt wird, bei dem man sich als Leser*in besser gut festhält. Von Liebeskummer geplagt und deshalb sturzbetrunken unterschreibt Noldi im Jahr 1620 einen Vertrag, auf der Seite der Katholiken gegen die Protestanten in den Krieg zu ziehen. Ehe er ausgenüchtert ist, erschlägt er schon die ersten Feinde und durch weitere Zufälle (unter anderem lenkt er mit blosser Hand eine Kanonenkugel ab und kann es gewittern lassen, wenn er mit einer Frau schläft) verschlägt es ihn weiter nach Italien und von dort aus zusammen mit ein paar Kühen nach Kuba in ein Tal, wo man den ganzen Tag nichts anderes zu tun hat, als «den Kühen bei Seichen, Scheissen und Wiederkäuen» zuzusehen.

Auf seiner Reise denkt Noldi Abderhalden – wenn er überhaupt etwas denkt und nicht einfach etwas mit ihm passiert – hauptsächlich über Frauen und über seine Heimat, das Toggenburg, nach. Patrick Tschan beschreibt seinen Protagonisten als ungehobelten, grobschlächtigen jungen Mann, der ausser vom Heuen und Käsen nicht von Vielem eine Ahnung hat, ganz besonders nicht vom Umgang mit den Frauen, und so vom einen Fettnäpfchen ins andere tritt. Eine Frau ist der Grund für seine Odyssee: Weil seine geliebte Heidi mit Hans die Dorfstrasse auf- und abspaziert, betrinkt sich Noldi und schliesst sich der Armee an. Auch alle weiteren Wendungen in der wunderlichen Geschichte lassen sich auf Frauen zurückführen.

Die Sprache dieses Buchs ist so ungehobelt wie sein Protagonist. Da wird viel geflucht. Nicht nur Noldis Ausdrucksweise ist mit dialektalen Ausdrücken und Formulierungen sowie mit lautmalerischen Beschreibungen versehen: das «Terräng» des Trommlers der Soldaten, mit «Pfhühh, pfhühh, pfhühh» beschreibt Noldi seine Sexerlebnisse. Die Sprache ist klamaukig, laut und direkt und auf die Dauer auch etwas nervtötend. Durch die distanzierte Erzählweise und die sich überschlagenden Ereignisse bleibt sie teilweise ohne Wirkung und verpufft trotz oder gerade wegen ihrer Lautstärke und ihrer Auffälligkeiten.

Als Noldi Abderhalden im kubanischen Tal, wohin er von der Inquisition verbannt wurde, ankommt, beginnt er, sich ein neues Leben aufzubauen. Allmählich entsteht etwas: Seine Kühe vermehren sich, er freundet sich mit anderen Bewohnern aus dem Tal an, baut einen Stall und ein Haus, lernt eine Frau kennen und fängt sogar an zu käsen in Kuba. Während für Noldi langsam Ruhe einkehrt und etwas Neues beginnt, gilt dies auch für die Erzählung. Nach der Ankunft in diesem Tal entfaltet sie sich, findet eine passende Sprache und lässt so etwas wie Wärme entstehen. Dabei verliert die Geschichte ihren Witz und ihre Wildheit keineswegs, im Gegenteil, sie kommt umso besser zur Geltung: Das im Titel und auf dem Buchcover aufgerufene Bild wird stimmig. Der kubanische Käser, der toggenburgische Noldi Abderhalden, feilt in einem schwülen Tal Kubas zusammen mit seiner kubanischen Frau Consuelo an der perfekten Mischung für einen richtigen «Toggenburger Grind», geschäftet mit dem Hafenmeister und sucht für seine Kühe die schmackhaftesten kubanischen Kräuter. Und findet schliesslich, fernab seiner Heimat, sein Glück.