Giacometti hinkt
Fünf Wegstrecken, drei Zwischenhalte

Giacometti? Das ist doch der mit den baumlangen Elendsgestalten, dem die Kunstwelt weltweit zu Füssen liegt? Bloss nicht der Student Luis K., der seine liebe Mühe damit hat. Der Sohn einer alleinstehenden Mutter, die diesen Alberto G. anhimmelt, macht sich seinen eigenen Reim auf dieses Werk und seine ungezählten Publikationen. Er gerät dabei auf eine abenteuerliche Fährte, die ihn bis nach Paris lotst; schliesslich mischt er mit einer kühnen These über G. die einheimische Kunstwelt gehörig auf.
Auch die andern Heldinnen dieses Buches sind mit einem unkonventionellen Lebensentwurf zugange, für den sie kein soziales Wagnis scheuen. Helen G., Nationalrätin der Grünen, durchmisst die halbe Stadt, um die verhassten Militärschuhe ihres Mannes loszuwerden. Laura M., die gewitzte Anwältin, die nach einer gescheiterten Passion den Rollator zum Lebenspartner ernennt, macht mit einer Entführung aus einem Alters und Pflegeheim Furore. Und der plötzliche Abgang der beliebten Dozentin Claire H. setzt eine Hausgemeinschaft in Aufruhr.
Rasant und packend erzählt Isolde Schaad von den modernen Gangarten in der grossen Kleinstadt und würzt sie mit Betrachtungen aus der Fussgängerpassage.

(Buchpräsentation Limmat Verlag)

Zeigt her eure Füsse...

di Christine Lötscher
Inserito il 18.04.2019

Aus zwei Quellen sprudelt Isolde Schaads einfallsreiche, ironisch funkelnde, ganz schön bissige Prosa: Aus den Erfahrungen einer treuen, lust- und humorvollen Aktivistin der zweiten Frauenbewegung und aus einem ethnografischen Verfahren, das die Zürcher Autorin in immer neuen Variationen erprobt. Die Titel ihrer drei ersten Bücher sind Programm: Know-how am Kilimandscharo. Verkehrsformen und Stammesverhalten von Schweizern in Ostafrika (1984), Die Zürcher Constipation. Texte aus der extremen Mitte des Wohlstands (1986), KüsschenTschüss. Sprachbilder und Geschichten zur öffentlichen Psychohygiene (1989). Dabei schreibt Isolde Schaad die ursprünglich exklusiv männliche Figur des Flaneurs kurzerhand um und erfindet eine weibliche Fussgängerin, die hellwach durch die Welt, und eben gern auch durch Zürich, spaziert. Dieser geht es weniger um die voyeuristische Schaulust, die man dem Flaneur gern unterstellt, sondern um scharfe Beobachtungen und blitzgescheite Analysen. Dabei schaut sie den Leuten immer aufs Maul; beim Lesen ist die Freude an den Kapriolen, der Sinnlichkeit der Sprache, auch der Umgangssprache, fast physisch zu spüren. Sie hat aber auch andere Körperteile im Blick: im Erzählband Am Äquator. Die Ausweitung der Gürtellinie in unerforschte Gebiete (2014) war es der Bauch, in ihrem neuen Buch Giacometti hinkt sind es die Füsse. Der Untertitel «Fünf Wegstrecken, drei Zwischenhalte» verrät es schon: Isolde Schaad untersucht in ihren neuen Erzählungen, wie wir durch die Welt hinken, schlurfen, marschieren, trampen und traben – um nur ein paar wenige der unzähligen fussläufigen Fortbewegungs-Verben zu erwähnen, die im Buch vorkommen. So wird das vermeintlich Selbstverständlichste, Alltäglichste unter Schaads Blick zu einem gesellschaftlichen Symptom. Zeig mir Dein Schuhwerk, und ich sage Dir, wer Du bist!

Die Annäherung ans weite Feld der menschlichen Gangarten erfolgt in den Erzählungen von zwei Seiten. Es fasziniert «die vollendete Grazie der wilden Gangart» beim tonnenschweren Elefanten im Zoo, und es erschreckt die hinkende Gangart der Menschen in den Fussgängerpassagen, die sich als wahre «via dolorosa» erweist. Ihr ist ein «Zwischenhalt», ein kleiner Essay zwischen den Erzählungen, gewidmet: «Der allgemeine Gang», beobachtet die Ich-Erzählerin, «ist der beeinträchtigte Gang. Jede siebte Person, ich fing an zu zählen, humpelte daher oder ging an Krücken. Und schon fast jede vierte Person ist leicht behindert unterwegs.» Auf der anderen Seite – der Seite der Kunst –, fasziniert eine Anekdote, die Schaad in der Giacometti-Biografie von James Lord gefunden hatte: «Alberto war im Jardin des Plantes in Paris von einer betrunkenen Amerikanerin angefahren worden, und trug das gebrochene Bein einige Wochen lang im Gips. Er schien einen besonderen Genuss daraus zu ziehen, weiterzuhinken, als er geheilt war. Das Hinken hat ihn vermutlich bestätigt auf dem ewigen Weg der Sinnlosigkeit, die sein künstlerisches Streben nach dem Absoluten begleitet. Sich invalid zu geben, als Versehrter seines Krieges mit der Materie, entsprach dem unaufhörlichen Versuch, das Scheitern des Künstlers voranzutreiben, nicht das Gelingen.» Die Frage, wie aus dem Scheitern, dem Unvollkommenen, dem Um- und Irrweg Lebendigkeit entstehen kann, erweist sich denn auch als Leitfrage des Erzählbandes.

Partnerschaft auf Augenhöhe sorgt für guten Sex

Aus der Spannung zwischen den Gangarten – dem Hinken der gequälten, freundlosen Zeitgenossen – und begeisterten Hinken des Künstlers wuchert ein wild-verspielter Strauss von Geschichten hervor. Da ist Helen, Nationalrätin der Grünen, die es nicht mehr ertragen kann, mit den Militärschuhen ihres Lebensgefährten unter einem Dach zu leben. Sie unternimmt alles, um sie loszuwerden, was ihr aber nicht gelingen will. Dafür stellt sie fest, dass sie in einer Beziehungskrise steckt. Mit viel Gusto inszeniert Isolde Schaad die Wiederannäherung der streitbaren Politikerin und ihres Workoholic-Gatten: Beim ersten Sex seit langer Zeit laufen die beiden zu einem verbalen Schlagabtausch auf – Erregung und Wut und Spielfreude vermischen sich. Der zurzeit vieldiskutierten Abwesenheit von Erotik in Beziehungen wird hier mit einer schwindelerregende Leichtigkeit Abhilfe geschaffen. An der Buchvernissage im Zürcher Literaturhaus hielt Schaad ein kleines Plädoyer für die heterosexuelle Liebe: Sie schätze die Verdienste der MeToo-Bewegung sehr, sehe aber im neuen Puritanismus und seiner Tendenz, die Erotik zu reglementieren, eine Gefahr – die nicht zuletzt dazu führe, dass sich Frauen gar nicht mehr für Männer und eine Auseinandersetzung mit ihnen auf Augenhöhe interessierten. Für diese Art der Gleichstellung hätten die klassischen 68er-Feministinnen gekämpft, im Privatleben und im Beruf.

Es gibt auch Figuren, die nicht in heterosexuellen Beziehungen leben. Da ist Irma in «Beiläufig, dann hin und weg», die zu einer Art Detektivin wird, als eine ältere, von der ganzen Hausgemeinschaft bewunderte Nachbarin, auf mysteriöse ihren letzten Gang antritt; freiwillig, obwohl es ihr doch gut ging. Unvergesslich ist Laura Mackenzie, die den Rollator als abenteuerlustigen letzten Lebensgefährten entdeckt; im Altersheim führt die 50jährige Anwältin akrobatische Kunststücke auf – und holt schliesslich ein paar Insassinnen aus dem Heim heraus, um in einer vergnügten Frauen-WG eine feministische Utopie zu verwirklichen.

Die beiden letzten Erzählungen drehen sich um Füsse und Gangarten in der Kunst. Eine Frau erinnert sich an ihre Jugendliebe und sinniert dabei über die Erotik nackter Füsse in der Malerei der Alten Meister nach: «Ich behaupte, blosse Füsse sind das erotische Geheimnis der alten Meister. Es sind von den sichtbaren Körperteilen die reinsten, die jedoch keinen Zweifel an ihrer Absicht lassen, dort anzukommen, wo nackte Füsse hinwollen, nämlich zu einer trauten Lagerstatt, die sie mit jemandem teilen.»

Geisterfrauen aus der Vergangenheit

Die Titelgeschichte schliesslich ist Giacometti gewidmet – und mehr noch dem ambitionierten Kunststudenten Luis Krattiger aus Schwamendingen. Von einer streitbaren, alleinerziehenden Feministin erzogen, macht er sich auf, die Giacometti-Forschung aufzumischen. Schaad nimmt die Geisteswissenschaften auf die Schippe, wenn sie den jungen Mann in seiner Master-Arbeit Walter Benjamin und seinem berühmten, an allen Universitäten weltweit längst zu Pflichtstoff erklärtem Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit nacheifern lässt. Luis Krattiger will nämlich beweisen, dass die Authentizität des Kunstwerks im Zeitalter der Social Media ganz und gar ausgedient habe. Doch bald wird er von ein paar eigenwilligen, selbstbewussten Frauen in Erfahrungen mit Giacomettis Kunstwerken verstrickt, die seine These radikal widerlegen. Diese Frauen sind Geister aus der Vergangenheit; Giacomettis Gattin Annette Arm und seine Geliebte Caroline. Sie haben sich mittlerweile von Musen in Feministinnen verwandelt und bestimmen, wie es um Albertos Nachleben bestellt ist. Luis Krattiger macht am Ende übrigens, was er will. Sonst wäre er ja keine Erfindung von Isolde Schaad.

Die Erzählungen in Giacometti hinkt sprühen nur so von Einfällen, Frechheit und Humor. Doch wie immer in Isolde Schaads Prosa liegt darunter eine harte Gesellschaftsanalyse. Mutig und widerständig nennt sie die Dinge beim Namen und wirft Fragen zu unserem Zusammenleben auf, die etwa so angenehm sind wie ein Hühnerauge am Fuss.

Nota critica

Giacometti hinkt, la nuova raccolta di racconti di Isolde Schaad, analizza le diverse andature umane: il nostro zoppicare, ciabattare, marciare, scalpitare o trotterellare attraverso il mondo. Agli occhi dell’autrice, il gesto apparentemente più naturale del nostro quotidiano diventa un sintomo sociale. I racconti sono pennellati da idee geniali, a tratti insolenti, humor. Sotto la superficie celano tuttavia – è una costante nella prosa di Isolde Schaad – una severa analisi sociale. Con audacia e resistenza, l’autrice chiama le cose col loro nome, sollevando domande scomode sulla nostra convivenza. (Christine Lötscher in Viceversa 14, 2020. Traduzione Carlotta Bernardoni-Jaquinta)