Ungerufen Gedichte
Wer kennt sie nicht, die Momente im Leben, die uns das Gefühl geben, ungerufen zum Zeugen zu werden? Ein Wort, ein Ding, ein Schmerz verlangen ultimativ nach Aufmerksamkeit. Mit geschärften Sinnen und wachen Empfindungen gehen Rudolf Bussmanns neue Gedichte solchen Momenten nach und halten fest, was sich gleich wieder zu verflüchtigen droht.
Sie entwickeln dabei eine suggestive Sprache, die stets ihrem Gegenstand nahe ist. Bald ist der Ton elegisch, bald nüchtern, einmal sind die Gedichte verspielt kolloquial, einmal streng komponiert. Auch wo Zweifel oder Ängste drohen, behalten sie eine entspannte Leichtigkeit und einen subtilen Humor.
(Präsentation des Gedichtbands, Edition Bücherlese)
Stille ist der Schatten des Lärms
«Ungerufen» hat Rudolf Bussmann seine neue Sammlung von Gedichten überschrieben. In der gleichnamigen Abteilung lässt er erahnen, was es mit dem Titel auf sich hat.
Yin und Yang
Im schrägen Licht des Abends
Erscheint oben am Fenster
Der Kopf einer Frau und wirft
Auf die helle Fassade
Ein dunkles Oval.
Die Ganzheit der Welt findet sich eingefangen in einem Bild, das der Dichter nicht sucht. Er begegnet ihm einfach, ohne Zuruf, nicht auf Abruf. Der Beobachter gibt sich dabei nicht zu erkennen, es bedarf keines lyrischen Ichs, um diese flüchtige Konstellation aus Licht und Schatten einzufangen. Sie ereilt gewissermassen den Dichter, ungerufen und unadressiert, dennoch am Ende bei ihm gut aufgehoben. Der Beobachter ist dabei eher lyrisches Medium als poetischer Sinnsucher oder Sinngeber.
Rudolf Bussmann hält Situationen fest, Menschen und Tiere, die sich unbeobachtet fühlen. Den Zilzalp beispielsweise: «In seinen drei Silben / zilp zelp zalp / Erschafft er die Welt» – ungerührt. Oder die betagte Zeitungsleserin, die
Versunken in ihren Homer den Gesängen
Von Wettkampf Verrat
Irrfahrt und Liebe bis
Zur letzten Seite atemlos folgt.
Mal beschränkt der Autor die Gedichte dreizeilig kurz und beinahe aphoristisch, mal gibt er ihnen Raum über zehn, fünfzehn Zeilen hinweg – doch immer bleibt hier das Bild eine Impression aus dem Moment heraus.
Auch in den anderen Abteilungen des neuen Bandes beweist Rudolf Bussmann eine sichere Handschrift. Die Vielfalt der lyrischen Formen verbreitert sich darin. Manchmal reimen sich die Zeilen und folgen beispielsweise einer Sonnettform, dann wieder mäandern sie in freien Versen über ein, zwei Seiten hinweg. Der Autor treibt muntere Sprachspielereien, handkehrum beschwört er melancholische Stimmungen herauf, in denen Erinnerung und Vergänglichkeit abgelagert sind. Die «Ich-Notschaften» gleich zu Beginn formen poetisch ein Verschwinden und Verstummen nach, dem sich das hier nun präsente lyrische Ich stellt. Eine Stellwerkstörung ruft ein Bild aus der Kindheit hervor, die wuselnde Maus wird nachts zum Freund gegen die Alpträume, der eigene Schatten wirft sich einem Kreuz an der Mauer in die ausgebreiteten Arme. Entfernt und diskret hallt in diesen Gedichten dem «Ungerufen» ein «Unkenrufen» nach – ein nachdenklicher Zweifel: «Ich weiss nicht wer ich / Und auf der Welt wozu», wie es in «Mitschrift» heisst – wobei der Zweifel freilich umgehend aufgelöst wird im Refrain «Schreib / Schreib auf». Entsprechend findet sich im Umkreis dazu auch ein Gedicht mit dem Titel «Trotz», das im Zweizeiler endet:
Was ich anfasste zerfiel
Daran halte ich mich.
Ein solcher Trotz manifestiert sich formal im Kapitel «Minimal Poems». Diese Gedichte sind – entgegen der geschürten Erwartung – keineswegs minimalistisch, ganz im Gegenteil zählen sie zu den längsten im Band. Minimal ist keine Massangabe, sondern Hinweis auf eine minimalistische Situation oder Begebenheit, die Rudolf Bussmann mit aller Konsequenz ausformuliert und so in die langsame Dauer des Erlebens weitet. Der Denker, der bedachtsam auf dem Rasen hin und her geht, hin und her seinen Weg. Oder die «Minimal Night Music»:
[...]
Der Kompressor knarrt
Die Treppe summt der Boiler gluckst
Der Kühlschrank plumpst
Vom Wasserhahn ins Becken dann
Und wann ein Wasser
Tropf.
Das Beiläufige findet hier seinen Niederschlag, wie das Klopfen des Herzens – oder die Stille, die der Schatten all des Lärmens und Klingens ist.
Gegensätze zeichnen auch ein weiteres Kapitel aus (die jeweils von einer vortrefflichen minimalistischen Kohlezeichnung von Stephanie Grob eingeleitet werden): «Hauptwort/Improvisationen». Die Entgegnung von Ich und Welt spielt sich hier zwischen Titel und Gedicht ab, indem oft modische Signalworte in persönlichen Situationen gespiegelt werden. Das «Datenvolumen» etwa wird zum Speicher eines Ichs, das solange im Internet herumsurft, bis es sich ermattet ergibt, damit die Nacht weich durch das offene Fenster hineinsurft.
Diese unscheinbare Verschiebung und Verfremdung ist charakteristisch für viele Gedichte in diesem Band. Unmerklich wird aus dem Subjekt ein Objekt, wenn es beispielsweise der Hacke gelingt, «mich für sich zu gewinnen». Oder wenn die Welt aus der Perspektive eines Kopfstands Kopf steht.
Ungerufen ist ein Band mit vielen lyrischen Facetten, er beinhaltet eine breite Palette von poetischen Mitteln. Gemeinsam ist den annähernd hundert Gedichten eine poetische Beweglichkeit, die unterschwellig getragen ist von einer manchmal nur zart wahrnehmbaren Melancholie. Die Dämmerung am Morgen oder Abend ist ihre Tageszeit, wenn sich Trotz und Demut gegenseitig aufheben.
Nella raccolta Ungerufen, Rudolf Bussmann raccoglie un centinaio di poesie raggruppate in sei sezioni che presentano una grande varietà di forme poetiche. L’autore si concentra completamente su quelle immagini che vengono a lui senza che questi le cerchi. Nel silenzio il rimbombo dei rumori quotidiani lo raggiunge solo lievemente. Ad accomunare le poesie, una mobilità poetica dietro cui si cela sempre anche una leggera malinconia. Rivolta e umiltà si annullano a vicenda. L’autore si attiene, come dice, a tutto ciò che è andato in pezzi dopo che lo ha toccato. (Beat Mazenauer in Viceversa 14, 2020. Traduzione Carlotta Bernardoni-Jaquinta)