Teneber Vid

«Das Mädchen kauerte sich zusammen, Arme um die Knie geschlungen. Es war kalt. Ich werde mir eine Krankheit einfangen. Ich habe mich für unverwundbar gehalten, gedacht, ich müsse mich dem Leben nur immer schön aussetzen, dann würde ich wachsen und verwegen und stark werden.
Teneber Vid, hatte Vater gesagt, ist der schrecklichste aller Geister, denn er ist die Leere.»
Teneber Vid ist die Geschichte über das Mädchen, das sich erwachsen werdend in die Welt wirft.
Auf seiner Reise begegnet es merkwürdigen Schlossbewohnern, mitunter bedrohlichen Männern und einem Jungen, der ganz anders zu sein scheint.
Sabine Gisin erzählt in virtuoser Sprache von der Suche nach sexueller Identität und Selbstbestimmung.
«Bei diesem Mädchen und in dem Roman, durch den Sabine Gisin es begleitet, wirkt vieles zusammen: eine höchst eigenwillige, dennoch klare Sicht auf Menschen und Orte, stilistische Originalität, komische Melancholie, unbändiger Überlebensmut und eine gar nicht sentimentale und deswegen so berührende Sehnsucht nach jener traumwandlerisch sicheren Nähe, die es mal gab in den wahrhaftigen Märchen der Kindheit.» (Katja Lange-Müller)

(Buchpräsentation, Verlag Die Brotsuppe)

Recensione

di Martina Keller
Inserito il 29.07.2019

Teneber Vid ist der «schrecklichste aller Geister» – so sagt es der Vater. Er «zieht jeden, der ihm zu nahekommt, in sich hinab, und das ist das Schrecklichste. Der Ärmste strudelt tief unten in Teneber Vid und die anderen sehen ihn und sprechen mit ihm und erreichen ihn nicht, weil er sich in sich selbst verloren hat.» Dieser Geist gibt dem Romandebüt von Sabine Gisin den Titel und vor dem Hintergrund dieser Bedrohung – Teneber Vid kommt danach nie mehr explizit vor – beginnt die rätselhafte Reise der namenlosen Protagonistin, die nur «das Mädchen» genannt wird, zugleich eine Reise in eine sonderbare, wunderlich poetische Textwelt, die Gisin erschafft.

Wenige Anhaltspunkte gibt der Text: Das namenlose Mädchen hat einen Vater und einen Bruder, die Mutter ist verschwunden. Das Mädchen macht sich allein auf in die Stadt, es kommt auf ein Schloss, trifft dort auf den Jungen. Zusammen erkunden sie die Stadt und deren Ränder, sie sehen das Meer, den Bahnhof, gehen in eine Bar, in eine Wohnung. Das Mädchen scheint alterslos, es hat Sex, es raucht, dann wieder betrachtet es die Welt wie ein Kleinkind.

Einen haltgebenden Handlungsstrang gibt es nicht – festklammern kann man sich nirgends, wie das Mädchen treibt es einen von Ort zu Ort, von Wort zu Wort, nur die Sprache gibt ein weiches Gerüst, erschafft eine Welt, in der man sich tastend fortbewegen kann. Die Sprache dieses Texts ist stark von der Wahrnehmung des Mädchens geprägt, zugleich klar und betörend poetisch, zugleich souverän und naiv. Sie umreisst die Dinge mit scharfen Konturen, benennt sie mit definitiven Artikeln (das Mädchen, der Junge, die Stadt, das Schloss). Diese Definiertheit gibt Halt, eröffnet aber auch Räume, in denen vieles möglich scheint und lässt nicht zuletzt auch eine symbolische Lesart offen.

Bisweilen wird über das Mädchen erzählt, dann wiederum erzählt es aus der Ich-Perspektive. Dieser Wechsel macht die Leserinnen gleichermassen zu staunenden Beobachterinnen wie das Mädchen und drängt uns seine naive (im Sinn von unvoreingenommene und ungetrübte) und eigenwillige Sichtweise auf. Das Mädchen beobachtet seine Umwelt genau, es protokolliert, zeichnet auf und beschreibt. Dabei wertet es nie. So beschreibt es im gleichen Ton, wie es auf seiner Reise in die Stadt einen Mann in der Herrentoilette befriedigen muss, wie es mit dem Jungen die Stadt erkundet, wie es in einer Wohnung landen mit drei Sofas, die «wie Büffel» aussehen. Es konstatiert, dass der Junge von hinten wie ein spanisches Ausrufezeichen aussieht, beschreibt, wie das Gesicht des Jungen bojengleich auf der Wasseroberfläche im Meer schaukelt.

Dabei beobachtet es nicht nur seine Umwelt, sondern auch sich selbst genau. Es schult sich in seiner Beobachtung und Ausdrucksweise, formt und modelliert seine Sätze, so dass sie noch präziser werden, als ob es so die Welt genauer erfassen und begreifen könnte: «Ich muss meine Sicht pflegen. Ich muss ihr Neues zuführen. Muss übers Meer rennen. Muss mir Aussichten leihen. Muss Ausschnitte sammeln. Ich muss sie vor mein Fenster hängen. Meine Läden sollen weit offenstehen. Ich muss Vögel beobachten. Muss ihre Stimme leihen.»

Durchdrungen sind die Beobachtungen und Erlebnisse des Mädchens von einer Einsamkeit und einer Sehnsucht nach Zuneigung. In einer Szene trifft das Mädchen in einer Bar einen Mann, der redet und redet, aber es versteht ihn nicht. «Ich verstehe nicht, rief das Mädchen, seht es endlich ein, wir verstehen uns nicht.» Dieses Gefühl der Isolation widerspiegelt sich oft in den staunenden Beschreibungen des Mädchens und lässt auch die Beschreibung des Effekts von Teneber Vid anklingen: «und die anderen sehen ihn und sprechen mit ihm und erreichen ihn nicht». Immer wieder taucht die Erinnerung an ein Familienleben auf. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Nähe findet schon Ausdruck im Bild, das ganz am Anfang des Buches steht: Das Mädchen sitzt auf den Schultern des Vaters und sagt zu ihm: «Niemand kann mich sehen. Man sieht nur einen buckligen Mann, nämlich dich, einen Mann mit rotgeblümtem Buckel».

Wie ein Strudel reisst das Buch einen mit, hinein in eine märchenhafte Welt, in der aber doch so vieles realistisch scheint, einfach aus einer etwas anderen Perspektive betrachtet. Unbekannt und trotzdem irgendwie vertraut ist vieles in Teneber Vid. Wenn man nach dem letzten Wort die rot-samt-ledernen Buchdeckel zuklappt (die wunderbare Buchgestaltung sei hier unbedingt auch erwähnt), geht es einen ein bisschen wie jemandem, der Teneber Vid anheimgefallen ist: «Dabei weiss er noch nicht einmal, was er getan hat in der Zeit, die er in dem Strudel verbrachte». Wie nach dem Erwachen aus einem Traum, der gleichermassen furchteinflössend und wunderschön war, weiss man nicht, wie man das Gelesene einordnen kann. Teneber Vid lässt einen aber nicht leer und ratlos zurück wie der gleichnamige Geist, sondern auf anregende Weise verwirrt, etwas überfordert, aber erfüllt und irgendwie beglückt.

Nota critica

Teneber Vid è il notevole quanto bizzarro romanzo d’esordio di Sabine Gisin. La protagonista, chiamata semplicemente «la ragazza», parte alla scoperta di una città senza nome insieme al «ragazzo» che incontra in un castello. Vive così le sue prime esperienze sessuali, ha nostalgia della famiglia, ma è spinta da un’irrefrenabile curiosità. Di Teneber Vid non è la trama a colpire: il testo è piuttosto un intreccio di osservazioni precise, in cui la ragazza descrive le sue esperienze e l'ambiente che la circonda. Con un linguaggio chiaro eppure straordinariamente giocoso, con sguardo infantile e sicuro di sé, la ragazza ci conduce in un mondo tutto suo che è pur sempre familiare. (Martina Keller in Viceversa 14, 2020. Traduzione Carlotta Bernardoni-Jaquinta)